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"Ich war ein Diät-Junkie"

3. Januar 2012, 14:20 Uhr

Mit ungezählten Diäten versuchte Christine Neubauer, sich auf ein unerreichbares Ideal herunterzuhungern. Im stern.de-Interview erzählt sie exklusiv, wie sie lernte, ihren Körper zu lieben. Von Tobias Schmitz

Christine Neubauer, Interview,

Christine Neubauer bei der Vorstellung ihres Films "Das Mädchen aus dem Regenwald"©

Ihre erste Erinnerung an Essen: ein Marmeladenbrot. Ein tiefbraunes Stück Brot, Korn an Korn, dick bestrichen mit gelber Butter und leuchtend roter, selbst eingekochter Erdbeermarmelade. München, 1966, die Valleystraße im Stadtteil Sendling: Christine, vier Jahre alt, sitzt in der Wohnküche ihrer Oma. Maria Neubauer weiß, was ihr Enkelkind glücklich macht: Marmeladenbrot, dazu ein Becher warmer Kakao, der unendlich süß Christines Kehle herunter fließt. Ihr Bauch: voller Wonne. Die Welt: in Ordnung.

So gut fühlt sich ihr Bauch sonst nur an, wenn Mutti kocht: Pichelsteiner Eintopf, ihr Leibgericht: Brühe, Kartoffeln, Karotten, Lauch, Rindfleisch. Der Duft durchzieht die ganze Wohnung. Oder Knödel. Pralle Kartoffelknödel, weiß und glänzend, aus frisch geriebenen Knollen. Dazu dunkelbraune Bratensoße. Kinderglück.

Eine patente, zupackende Frau

So fängt sie an, die Ernährungsgeschichte der Christine Neubauer. Jener deutschen Schauspielerin, die man viele Jahre nur "das Vollweib" nannte, was sich immer auch ein bisschen nach den Verführungen an der Käsetheke anhörte: Vollweib. Die Vollfettstufe unter den Frauen. Sahnig, cremig, sündig. Hundertmal sinnlicher als Magerquark. Christine Neubauer war die Vollfettstufe des deutschen Unterhaltungsfernsehens, omnipräsent, in einem einzigen Jahr, wie die "Bild"-Zeitung ausrechnete, 10.373 Minuten auf Sendung. Ein Neubauer-Film alle drei Tage. Die Neubauer war die Fleisch gewordene Quotenkönigin – mit meist kalorienarmer TV-Kost dick im Geschäft.

Meist als patente, zupackende Frau mit wogendem Busen. Sahen andere Schauspielerinnen aus, als hätten sie gerade einen längeren Aufenthalt in einem philippinischen Gefängnis hinter sich, wo sie sich ausschließlich von Regenwasser und feuchtwarmer Luft ernährt hatten, kam die Neubauer in ihren Filmen und auf dem roten Teppich immer als eine daher, die einen Schuss Kaffee in die Sahne tut und jedes Gramm ihres Körpers stolz vor sich her trägt.

59,7 Kilo bei 1,67 Meter Körpergröße

Sie musste sich ihr Selbstbewusstsein hart erarbeiten. Denn früher, als junge Frau, hat Christine Neubauer ihren Körper gehasst. Kämpfte gegen ihn an, versuchte sich mit ungezählten Diäten auf ein unerreichbares Ideal herunterzuhungern. Ein endloser Kampf gegen sich selbst, ein endloses Kreisen um den eigenen Körper. "Ich war damals ein Diät-Junkie", sagt Christine Neubauer, "süchtig nach dem Abnehmen, und grausam zu mir selbst, wenn es dann doch wieder nichts wurde mit dem Traumgewicht."

Gerade hat die Schauspielerin wieder eine Diät hinter sich, die erste seit Jahren. Diesmal eine Kombination aus viel Sport und den Methoden von Weight Watchers: Jedes Lebensmittel hat einen bestimmten Punktwert, pro Tag soll nicht mehr als das Äquivalent einer bestimmten Punktzahl gegessen werden.

Auch das ehemalige Vollweib hat Punkte gezählt, und so in einem halben Jahr 10 Kilo abgenommen. Jetzt wiegt sie bei 1,67 Meter Körpergröße 59,7 Kilo und trägt Kleidergröße 36. Früher war das auch mal eine 42. Menschen, die sie seit langem nicht gesehen haben, erkennen sie kaum wieder. Machen ihr Komplimente. Dann lächelt Christine Neubauer, und es wirkt so, als inhaliere sie diese Komplimente wie Kettenraucher den Tabakqualm.

Kein Wort über den neuen Freund

Neubauer hat in diesen Tagen nicht viel zu lachen, seit der Scheidungskrieg mit Noch-Ehemann Lambert Dinzinger, mit dem sie seit mehr als 20 Jahren verheiratet ist, genüsslich vom Boulevard ausgebreitet wird. Unappetitliche Details sind da zu lesen; es geht um Betrug, verletzte Gefühle und Neubauers 19 Jahre alten Sohn, der den Kontakt zu seiner Mutter gerade abgebrochen hat.

Jetzt gibt es einen neuen Mann an Neubauers Seite, den chilenischen Fotografen José Campos. Ein durchtrainierter Kerl mit dunklen, blitzenden Augen und Goldkettchen, dem das dichte schwarze Haar ins Gesicht fällt. José kann singen. Spielt Gitarre. Und ist fünf Jahre jünger als Neubauer, deren Leben mit fast 50 Jahren mitten im Umbruch steckt. Man könnte auch sagen: im Chaos.

Neubauers Scheidungsanwälte haben ihr verordnet, kein Wort über die Familie zu sagen, auch nichts über den neuen Freund. Daran hält sie sich eisern, aber wer sie ein paar Minuten aufmerksam beobachtet, merkt: Ein glücklicher, in sich ruhender Mensch sieht anders aus. In manchen Augenblicken wirkt dieser neue Superbody mit wohldefinierten Oberarmen wie eine straff in Form gebrachte Ritterrüstung. Wie ein perfekt austarierter Schutzpanzer.

Aber wenn Christine Neubauer über ihren Körper, ihr größtes Kapital, spricht, dann leuchten ihre Augen. Bietet man ihr beim Gespräch in einem mallorquinischen Landhotel ein köstliches Stück Olivenbrot an, dann probiert sie sicherheitshalber nur eine homöopathische Dosis. Eine Scheibe Brot hat im Weight Watchers-System einen Punkt. Genau wie eine Tasse Kaffee mit Milch. Ein Glas Weißwein? Drei Punkte. "Immerhin kann ich nun wählen, was ich esse und worauf ich verzichte." In diesem Fall auf Brot.

Ihr Körper ist weiter als ihre Seele

In der Abnehmphase dufte Neubauer jeden Tag 29 Punkte essen. Jetzt, in der Haltephase, sind es 42. Fast wirkt es so, als sei die Diät wie ein stabilisierendes Korsett in ihrem Drunterunddrüberleben. Ich zähle. Also bin ich. Also zähle ich.

Die zehn Kilo, die sie seit August vergangenen Jahres verloren hat, entsprechen dem Gewicht von 40 Päckchen Butter. Die sind jetzt weg. Und Christine Neubauer ist sich sicher, dass sie wegbleiben werden. "Weil diese Diät die erste ist, die ich mit einer neuen inneren Einstellung gemacht habe. Ich konnte mich endlich annehmen, als der Mensch, der ich war. Als Vollweib war ich ok. Ich mochte mich. Eine Diät funktioniert nur, wenn man sich selbst liebt. Und nur mit dieser positiven Einstellung zu mir selbst konnte ich mich verändern. Weil ich jetzt eine andere sein will und sehen möchte, was alles möglich ist."

Früher undenkbar. Da mochte sich Neubauer überhaupt nicht. Und kämpfte mit jeder Diät nicht nur gegen Pfunde, Kalorien und Versuchungen, sondern vor allem gegen sich selbst.

Als Kind ist Neubauer ein schlankes, hübsches Mädchen. Dann, mit 12, 13 Jahren kommt sie in die Pubertät. Bekommt Brüste. Und einen Hintern. Mit 15 wird sie bei einem Club-Urlaub im Senegal zur Miss gewählt – zum heißesten Mädel im ganzen Camp. Ihr ist das unheimlich. Ihr Körper ist viel weiter als ihre Seele.

Zwischen Fasten und Fressanfällen

"Mit 15 oder 16 war ich aus heutiger Sicht perfekt", sagt Neubauer, "wirklich absolut perfekt. Aber ich konnte das nicht sehen. Ich war ein junges Mädchen auf der Suche nach sich selbst. Beim Sport versuchte ich den Busen mit einer Art Bandage wegzupressen. Ich war mir unheimlich. Ich fühlte mich zu dick. Und das konnte mir nie jemand ausreden." Und die Probleme begannen. Diät-Premiere mit 16 Jahren: Neubauer versucht eine "Orangen-Diät", 900 Kalorien pro Tag, Zitrusfrüchte, alle möglichen Gerichte mit Orangen. Kompletter Unsinn. Die Waage wird Hassobjekt. Neubauer wiegt sich nicht mehr, sie definiert Wohl und Weh ausschließlich über Kleidung. "Mein Körperbild war total verschoben. Ich dachte: Wenn ich in dieses enge Kleid passe, bin ich in Ordnung. Und wenn ich es nicht schaffte, diese oder jene Kleidergröße zu tragen, war ich ein Versager. Passte ein Kleid nicht mehr, lag es wie ein Mahnmal des Scheiterns auf meinem Bett."

Christine Neubauer lebt zwischen Fasten und Fressanfällen, stopft Schokoriegel, Kekse und Gummibärchen kiloweise in sich rein. "Ich wäre eine tolle Bulimikerin geworden, aber ich schaffte es irgendwie nicht, mich nach den Fressanfällen zu erbrechen." Also nimmt sie ungebremst zu. Und mit Gewalt wieder ab. Und wieder zu. Wiegt schnell mehr als vor der letzten Diät. Der klassische Jojo-Effekt.

Ihr Körperbild bleibt eine Katastrophe

Als Neubauer mit 16 an der Münchner Schauspielschule abgelehnt wird, macht sie dafür auch ihre Figur verantwortlich. Denkt: Ich war wohl zu dick. Sie ist längst drin, mitten im Teufelskreis einer gestörten Selbstwahrnehmung. Macht Sport wie eine Verrückte, joggt zusammen mit Mutti in viel zu warmen Klamotten, die Oberschenkel mit Klarsichtfolie umwickelt. Damit sie mehr schwitzt und mehr Gewicht verliert.

"Mein komplettes Selbstbewusstsein war abhängig davon, ob ich dick oder dünn war. Niemand konnte mich erreichen, niemand kam an mich heran. Es zählte nichts außer der Figur." Diät folgt auf die Diät, Neubauer stürzt sich auf jede noch so unsinnige Variante: "Einmal aß ich pro Tag drei Eier, drei Frankfurter Würstchen und drei Bananen. Damit sollte man pro Tag ein Kilo verlieren. Es war nur schrecklich."

Ihr Körperbild bleibt eine Katastrophe – erst recht, seit jener unschönen Kostümprobe Anfang der Achtziger Jahre: Neubauer soll in einem Film mitspielen – in für sie viel zu engen Flower Power-Klamotten. Prompt wird sie von der Besetzungsliste gestrichen. "Seitdem war jede Kostümprobe ein Albtraum. Die Frage war immer: Passe ich rein, oder bin ich zu fett?" Die Wendung zum Besseren, sie kommt für Christine Neubauer erst mit Ende 20, als sie schwanger wird. "Für meinen Sohn konnte ich endlich mich selbst und meine Diätsucht zurückstellen. Und mich endlich vernünftig ernähren."

Nun isst sie viel Gemüse und Vollkornprodukte, wenig Fleisch, kaum Zucker. "Früher war ich nachts zur nächsten Tankstelle gerast, um Schokolade zu kaufen. War regelrecht süchtig nach süßen Belohnungen. Erst als ich mich vom Zucker entwöhnt hatte, bekam ich meine Fressanfälle in den Griff. Ich nahm ohne Diäten ab, und mein ganzer Geschmack veränderte sich: Heute esse ich viel lieber pikant und scharf als süß."

"Ich mag mich so, wie ich bin"

Mit der Schwangerschaft veränderte sich ihr ganzes Körperempfinden: "Ich fühlte mich plötzlich viel wohler in meiner Haut, lernte mich anzunehmen mit meiner weiblichen Figur." Sohn Lambert junior wurde vor 19 Jahren geboren. Seitdem hat Christine Neubauer auf Diäten verzichtet. Der Status "Vollweib" wurde ihr Markenzeichen – und es ging ihr gut damit. Eines Tages aber, im vergangenen August, betrachtete sich Christine Neubauer im Spiegel. "Und ich dachte: Es war gut so, wie du warst. Aber jetzt bin ich eine andere. Und neugierig, was noch alles geht." Da beschloss die Schauspielerin, sich einer neuen Herausforderung zu stellen: körperlich eine andere zu werden und innerlich doch sie selbst zu bleiben.

Also begann sie mit dem Punktezählen. Ein persönlicher Trainer schrieb ihr ein ambitioniertes Sportprogramm auf den Leib: dreimal pro Woche zwei bis drei Stunden Sport mit Stretching, Jogging, Yoga, Box-Training. "Ich musste fast 50 Jahre alt werden, um zu begreifen, dass Sport auch Lust sein kann – und nicht nur lästige Pflicht."

Ist sie nun glücklicher als früher? Sie antwortet diplomatisch. "Ich war auch mit 20 Pfund mehr in Ordnung, aber ich spürte: Es war Zeit für Veränderung. Ich wollte einen neuen Abschnitt meines Lebens beginnen, auch äußerlich." Sie hat jetzt ein neues Bild von sich, eines, das aus vielen Mosaiksteinchen bestehen dürfte: Ein neuer Mann an ihrer Seite. Eine neue Lebensphase. Der Wunsch, Belastendes hinter sich zu lassen. Dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Im Wortsinn mehr Leichtigkeit zu spüren. Die Sehnsucht, sich nach so vielen Vollweib-Rollen auch als Schauspielerin neu zu erfinden. "Ja", sagt Christine Neubauer, "ich möchte jetzt auch mal andere Frauen spielen. Wäre schön, wenn die Produzenten da an mich denken würden."

Wenn sie sich jetzt im Spiegel betrachtet, sieht sie eine Frau, die manchen Menschen fremd vorkommen mag, die ihr selbst aber sehr vertraut ist. "Ich mag mich so, wie ich bin", sagt Christine Neubauer, "auch wenn mein Busen nun eine Größe kleiner ausfällt." Man könnte auch sagen: Sie hatte ihr altes Leben einfach satt.

Tobias Schmitz

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