Drucken | Fenster schließen    

Goodbye Anarchie, hello Kindergeburtstag

26. Februar 2013, 11:15 Uhr

Sie gelten als Hoffnungsträger des deutschen Fernsehens. Doch bei ihrem ProSieben-Debüt "Circus Halligalli" erzeugten Joko und Klaas nicht mehr als gepflegte Langeweile. Nur einer fiel positiv auf. Von Hannes Ross

Joko und Klaas, Joko, Klaas, Circus Halligalli,

Joko und Klaas hatten zu ihrem Debüt auf ProSieben jede Menge Gäste geladen: Helge Schneider, Cro, Sido, Oliver Pocher und Wolfgang Lippert©

Meine Vorfreude war groß. "Circus Halligalli" am Montagabend. Weltpremiere auf ProSieben. Die erste wöchentliche Show von Joko und Klaas, dem Hoffungsträger-Duo der deutschen Fernsehunterhaltung. Letztes Jahr hatte man ihnen, einem 29-jährigen Friseur und einem 34-jährigen Werber, sogar die Moderation von "Wetten, dass ..?" zugetraut, der größten Unterhaltungsshow im europäischen Fernsehen. Mit "Circus Halligalli" sollen die beiden jetzt erstmal nur den Montagabend retten. Auch eine Herausforderung.

In der ARD flatterten Wildgänse, bei Sat.1 prollte "Der letzte Bulle", und der RTL-Koch Christian Rach war sich nicht zu blöde, einem italienischen Restaurantbesitzer aus Bielefeld zu erklären, warum das mit dem Kochen schwierig ist, wenn man nur eine funktionierende Herdplatte hat. Man kann sagen: Die Latte hing nicht hoch an diesem Abend. Joko und Klaas hätten nur leicht springen müssen, um drüber zu kommen.

Seltsame Mutlosigkeit

Doch die große Überraschung blieb leider aus, die Rettung des Montagabends muss auf nächste Woche vertagt werden. Das lag vor allem an der seltsamen Mutlosigkeit, etwas wirklich Neues zu wagen. Alles an "Circus Halligalli" wirkte wie ein aufgehübschter Aufguss der Vorgängershows "NeoParadise" oder "MTV-Home". Okay, das TV-Studio ist jetzt größer, bunter, lauter. Eine Art Saloon. Oder doch eine Zirkusmanege? Das wird nicht ganz klar. Die Side-Kicks der Show tragen rote Zirkuskostüme, die Moderatoren dagegen treten in bekannter Freizeituniform auf. Neu ist nur die Sitzordnung. Klaas links am Schreibtisch, Joko rechts auf dem Sofa. Die Rollenverteilung aber bleibt. Klaas macht die Gags, Joko ist sein zuverlässiger Ablacher, immer in hysterischer Ekstase, selbst wenn es sich dabei um schlappe Tabubrecherwitze handelt wie "Das letzte Mal, dass Leute in so Zwanziger-, Dreißiger-Jahre-Klamotten Propaganda gemacht haben, brannte danach ganz Berlin."

Als Gäste kamen Helge Schneider und die Rapper Cro und Sido. Helge Schneider, der inzwischen den beneidenswerten Status erreicht hat, allein für seine Präsenz bejubelt zu werden, sagte nicht viel. Warum auch? Er schnitt lieber Grimassen und rutschte vom Sessel herunter. Mehr musste er nicht tun. Cro durfte zweimal herumhüpfen, bevor der Werbeblock kam. Doch die Botschaft dahinter, wir können es uns leisten, den erfolgreichsten Rapper Deutschlands als Pausenclown auflaufen zu lassen, verwirrte das Publikum, das gerne mehr von Cro gehört hätte.

Überraschend selbstironisch war dagegen der Gastauftritt von Oliver Pocher, dessen Schicksal man Joko und Klaas nicht wünschen möchte. Er galt auch mal als der neue Thomas Gottschalk, als das junge, freche, schlagfertige Fernsehtalent, bevor er mit seiner Sat.1-Show grandios baden ging. Jetzt bleibt ihm nur noch Selbstironie, der Schutzraum der Verzweifelten. In der Show lungerte er draußen vor dem TV-Studio herum, zur Salzsäule erstarrt. Bitte lass mich rein, stand in seinen Augen. Joko und Klaas beschimpften ihn im Wechsel, dass er abhauen soll und keine Show mehr kriegt. Es war der beste Witz des Abends.

Brillanter Sidekick Olli Schulz

Natürlich gab es auch das übliche Duell, das Markenzeichen von Joko und Klaas. Ihre Königsklasse, denn keiner kann sich im deutschen Fernsehen gegenseitig so demütigen und in prekäre Situationen bringen, wie es die beiden in schöner Regelmäßigkeit vorführen. Dieses Mal gingen die beiden zum Kölner Karneval und versprachen, auf jede Frage mit Ja zu antworten, was leider nur zu maximal halbkomischen Szenen führte, als eine Imbissbedienung nicht damit aufhörte, Joko Ketchup auf den Wurst-Pappteller zu drücken. Goodbye Anarchie, hello Kindergeburtstag. Man kann nur hoffen, dass die Premiere ein routiniertes Warmlaufen für das war, was dann noch kommt. Die große Chance, eine eigene Show auf einem großen Sender zu haben, in der es keine Vorgaben, Regeln oder Ansprüche gibt, werden Joko und Klaas nicht so schnell wiederbekommen. Sie sollten die Möglichkeit nutzen und endlich das Versprechen einlösen, dass sie große Fernsehunterhaltung können.

Dass das sehr wohl geht, zeigte ihr Sidekick Olli Schulz in einem saulustigen Einspielfilm. Er ging in seiner Rolle als saufender Kneipen-Poet Charles Schulzkowski als Party-Crasher auf eine Berlinale-Party. Dort umarmte er jeden, der nicht schnell genug weg war. Er soff, er pöbelte, er klaute das Essen in der Küche. Er war das angenehme Störgeräusch im ansonsten so geölten Sendeverlauf. Und am Ende brachte er sogar den Kino-Titan Til Schweiger in Verlegenheit, als dieser mit seiner Freundin für die Fotografen posierte. So gut, böse und komisch kann deutsches Fernsehen sein. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgeben.

© 2014 stern.de GmbH