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Auf den Spuren des Hasses

Reporterin Mo Asumang hat Menschen getroffen, die sich als Arier bezeichnen. Eine erschreckende Dokumentation über gefährliche Gedanken und abgrundtiefen Hass.

Von Oliver Creutz

  Auf den Spuren des Hasses: Mo Asumang besucht in den USA u. a. Tom Metzger, den Gründer der "White Aryan Resistance".

Auf den Spuren des Hasses: Mo Asumang besucht in den USA u. a. Tom Metzger, den Gründer der "White Aryan Resistance".

Es beginnt mit T-Shirts, auf denen "Vollstrecker" steht oder "Odin statt Jesus". Die Dokumentarfilmerin Mo Asumang hat sich unter Menschen gemischt, die von sich sagen, sie seien Arier. Einmal fragt sie eine Gruppe von Neonazis, die über Straßen marschieren, für was sie eigentlich demonstrierten, und bekommt als Antwort: "Geh' zurück nach Afrika!"

Asumang ist eine Deutsche mit dunkler Hautfarbe. Die Eltern ihres Vaters stammen aus Ghana. Die Eltern ihrer Mutter haben an Adolf Hitler geglaubt. Die Skinhead-Band "White Aryan Rebels" hat Mo Asumang einmal gedroht, sie zu ermorden. Arier - dieses Wort hat Asumang nicht mehr losgelassen, und so hat sie sich auf eine Reise gemacht, um den Ursprung und die Bedeutung dieses Begriffs zu finden.

Die ostdeutschen Nazisümpfe

Der erste Teil der Reise ist so erschreckend wie vorhersehbar: Wenn Asumang durch ostdeutsche Kleinstädte geht, um Rechte und ganz normale Passanten zu befragen, was sie gegen Ausländer hätten, wird ihr mit kaltem Schweigen oder irrem Stammeln geantwortet. Ein NPD-Funktionär schwafelt etwas über Rückführung von Nicht-Ariern in ihre Heimatländer - und er klingt dabei so, wie die Partygänger klingen, die der TV-Entertainer Klaas Heufer-Umlauf in "Circus Halligalli" morgens um fünf Uhr nach ihren politischen Ansichten befragt. Die Burschenschaftler auf der Wartburg in Thüringen sind intellektuell kaum besser, sie verheddern sich zwischen Deutschsein und Vaterland derart, dass man lernt: Bildung schützt vor Dummheit nicht.

Einmal nähert sich Asumang einem Passanten mit Einkaufstüte und fragt ihn, ob er Arier sei. Der gemütliche Fleecejacken-Träger bejaht mit Nachdruck und rollt das "R" im Wort "Rasse" auf eine Weise, dass er auch bei Rammstein mitsingen könnte. Auf ihn folgt ein wirrer Forscher, der erklärt, dass die Arier von einem fernen Planeten stammten. Ab und zu kreisten ihre Ufos über Berlin, und nur wer lange Haare habe, könne ihre Signale empfangen. Mit krausen Haaren gehe das übrigens nicht. So viel zum geistigen Überbau der Herrenmenschen.

Sprung in die USA

Bis hierhin ist "Die Arier" ein solider, mäßig mutiger Film über rechte Spinner und Idioten. Die Nazis und ihre Vordenker erscheinen entweder als extrem dumpf oder als irgendwie putzig. Erst jetzt geht Asumang den entscheidenden Schritt aus den ostdeutschen Nazisümpfen heraus. Was sie in den USA erlebt, macht ihre Dokumentation zu einer Besonderheit im Betroffenheits-Genre.

Arier, so wird deutlich, ist ein Synonym für Hassende. Der Oberhasser in Amerika heißt ausgerechnet Metzger; er stellt eine Theorie auf über "gene hijacking": Ein Schwarzer, der sich mit einer Weißen paart, entführe ihre guten Gene. Er sagt das Asumang frech ins Gesicht. Arier, so die zweite Erkenntnis, sind in Deutschland brutal und meist hohl in der Birne; in Amerika dagegen sind sie bis an die Zähne bewaffnet und kriegsbereit. Und sie sind, anders als die Deutschen, äußerst redselig, auch einer Frau gegenüber, wegen derer Hautfarbe sie normalerweise die Straßenseite wechselten. Sogar ein Mann vom Ku-Klux-Klan erläutert unter einer weißen Kapuze seine unterkomplexe Weltsicht.

Asumang ist eine Reporterin, die vor dem Herz der Finsternis nicht halt macht. Möglich, dass sie nun wieder Drohungen erhält von deutschblütigen Männern, die so laut gröhlen können und so wenig ihren Verstand benutzen. Ganz am Ende taucht ein Neonazi auf, der nachgedacht hat und der sagt, dass er nicht mehr mitmachen wolle bei den Rechten. Der Junge wendet sein Gesicht zur Kamera. Er wirkt fast locker, wie befreit von diesem Arier-Wahnsinn.

Urteil: Auch wenn die Rollen von Gut und Böse sehr klar verteilt sind: eine so persönliche wie auch gewinnende Aufklärungsarbeit.

"Die Arier", 29.4., 22.10 Uhr, Arte

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