9/11 war ein Live-Erlebnis, das weltweite Public Viewing einer Katastrophe. Vor allem TV-Sender stießen an Grenzen. Was haben die Medien daraus gelernt? Ein Gastbeitrag von Stephan Weichert
Der 11. September 2001 bleibt in den Köpfen der Menschen ein unauslöschbares Datum, verknüpft mit unauslöschbaren Bildern. Noch heute weiß jeder genau, wo er war, als er von den Anschlägen erfuhr - und was er empfand. Die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Center sind tief eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis, in ihrer Wirkung allenfalls vergleichbar mit der Ermordung Kennedys 1963, der ersten bemannten Mondlandung 1969 oder dem Fall der Berliner Mauer 1989.
Auch für die Medien - und hier vor allem für das Fernsehen - markierte die Berichterstattung 2001 eine Zäsur. Egal mit welchen Auslandskorrespondenten, Krisenreportern oder Nachrichtenredakteuren man zehn Jahre später darüber spricht, wird der 11. September immer wieder als krasser Einschnitt bezeichnet, als Auslöser für einen Sinneswandel in der Live-Berichterstattung über Krisen. Denn es war der Echtzeitfaktor, der die Medien besonders herausforderte. Ohne Vorwarnung, ohne Planungsmöglichkeiten, wurde 9/11 zu einem weltweit live übertragenem Armageddon. Alle Sender berichteten nur über die Anschläge, Zuschauer saßen stunden-, manche tagelang vor den Bildschirmen, oft im engen Freundes- oder Familienkreis, aber auch im Kreis von Kollegen oder sogar Fremden. 9/11 war ein "Public-Viewing-Event", lange bevor die Fußball-WM 2006 das Public Viewing chic machte. Nur ging es 2001 eben nicht ums gemeinschaftliche Vergnügen, sondern ums gemeinschaftlichen Bestaunen und Begreifen dieses Angriffs. Journalisten durften dabei nicht nur staunen: sie mussten aus dem Stand erklären, wie sich die Welt binnen Minuten fundamental veränderte - ohne viel mehr zu wissen als ihre Zuschauer. Sie waren Live-Kommentatoren einer Zeitenwende. Wie gingen sie mit dieser Rolle 2001 um? Und was haben die Medien aus der extremen Erfahrung gelernt?
Als die Flugzeuge in das World Trade Center einschlugen, erwiesen sich die meisten Journalisten in den USA aber auch in Deutschland von der Rolle des Orientierungsgebers als überfordert. Die Bilder aus New York wirkten schlicht übermächtig, schockierend, surreal. Die tief fliegende zweite Passagiermaschine, der explodierende Feuerball, die zusammenstürzenden Zwillingstürme, die mit Staub überdeckten Straßen und umherirrenden Menschen. Diesem Eindruck konnten sich auch Medienprofis nicht entziehen. Als RTL-Nachrichtenchef Peter Kloeppel am 11. September 2001 das Unfassbare in Worte fassen muss, kämpft er mit den Tränen. Auch Ulrich Wickert, der damaligen Anchorman der "Tagesthemen", stockt die Stimme, als er die beiden Türme zusammenbrechen sieht. Live. Als er an jenem Dienstagnachmittag eilig in das ARD-Nachrichtenstudio nach Hamburg-Lokstedt gerufen wird, weiß er genau so viel wie der Zuschauer. Die Medien steckten in diesem Moment in einem Dilemma: Eigentlich hatten sie kaum etwas zu sagen. Die Wucht der Bilder sprach für sich selbst und bedurfte keiner Erläuterung. Tatsächlich erhellende Erklärungen konnten nicht sofort geliefert werden. Gleichzeitig erwartete das Publikum dieses Live-Ereignisses kompetente Einschätzungen. Es musste etwas Bedeutungsvolles gesagt werden.
Dieses Dilemma hatte direkte Konsequenzen. Zum einen wurden grobe, handwerkliche Fehler bei der Berichterstattung gemacht. Zwar war Osama bin Laden als Hauptverdächtiger schnell in aller Munde. Gleichzeitig aber schossen wilde Spekulationen über den Ablauf des Anschlags, über die genauen Opferzahlen - anfangs war bei RTL etwa von über 40.000 Toten die Rede - und mögliche Reaktionen ins Kraut. Aber auch subjektive Wertungen waren gang und gäbe, bei den deutschen Privatsendern mehr als bei den Öffentlich-Rechtlichen. So herrschte in der Nachrichtensendung RTL Aktuell gerade in der Anfangsphase durchgängig ein eher wenig dis-tanzierter, emotional gefärbter Ton vor, der sich etwa an Bush-freundlichen Einschätzungen ablesen lässt. Aber auch in der sonst eher nüchternen Tagesschau ist am 11. September, assoziativer als sonst, von einem "Chaos auf den Straßen" ist die Rede, das die "beispiellose Terrorwelle" angerichtet habe. Insbesondere die Korrespondenten werden im Fernsehen immer wieder als Augenzeugen befragt, die über persönlich Erlebtes, teils Privates berichten. Zum anderen versuchten die Sender, den nachvollziehbaren Kompetenzmangel dadurch wett zu machen, dass sie die gleichen Bilder immer und immer wieder zeigten. Die Berichterstattung wurde auch dadurch ungebremst emotionalisiert. Es war wie bei der Live-Berichterstattung zu einem Fußballspiel, wenn der erfolgreiche Torschuss immer und immer wieder aus allen Kameraperspektiven und in Zeitlupe gezeigt wird. Es ist kein Wunder, dass die Anschläge in New York zum meist fotografierten und meist gefilmten Ereignis der Mediengeschichte geworden sind.
Über den Autor Die bewegende Moderation von Peter Kloeppel