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20. Januar 2008, 10:17 Uhr

Julia macht den Küblböck

Nesthäkchen Lisa muss ins Krankenhaus und Anti-Brünhild Julia soll 40.000 Kakerlaken über sich ergehen lassen, wie einst Daniel Küblböck. Nach neun Tagen im Dschungel stellt sich die Frage: Müssen die VIP-Camper auf die Psycho-Couch? Von Sylvie-Sophie Schindler

Versagt auf ganzer Linie: Julia Biedermann bei der Dschungelprüfung© Menne/RTL

Früher hat man den Kindern erzählt, dass sie auf der Straße oder unter der Brücke landen, wenn sie sich nicht auf den Hosenboden setzen und gefälligst brav lernen. Heutzutage sind die elterlichen Drohungen wesentlich drastischer. Kinder, die fragen: "Mama, Mama, muss ich, wenn ich groß bin, auch ins Dschungelcamp", bekommen zur Antwort: " Nur wenn du dich nicht richtig anstrengst in der Schule, dann holen dich die bösen, bösen Fernsehmänner, nehmen dir die Fernbedienung weg und fliegen dich in den dunklen, dunklen Dschungel, wo ein dicker, dicker Mann wartet, in einem hässlichen, hässlichen Overall, um Millionen Menschen zu zeigen, wie du dir den Popel aus der Nase ziehst." Einen Haken aber hat die Sache: Es mag Kinder geben, die es sogar richtig gut finden, wenn einen lianengrüne Zukunft vor ihnen liegt.

Bestimmt mag es unter den Urwaldcamp-Insassen auch solche geben, die ein glänzendes Abitur abgeliefert haben. Trotzdem ist irgendetwas faul an diesen Pseudo-Tarzanen. Man munkelt, sie seien verzweifelt, hoffnungslos oder litten unter Profilneurose. Was ist da wirklich dran? Wie hätten beispielsweise Sigmund Freud und Co. die Probanden beurteilt? Tag neun - aus psychologischer Sicht.

Was sich Dirk Bach bei seinen albernen Hüten denkt, die selbst im Karneval eine schlechte Wahl wären, allein diese Frage lässt sich sicher erst umfassend beantworten, wenn man den Pummel-Moderator wochenlang auf die Psychocouch legt. Wurde er von seinen Geschwistern unterdrückt? Bekam er nicht die nötige väterliche Anerkennung? Handelt es sich um eine Störung in der ödipalen Phase? Auf eine eindeutige Diagnose festlegen, auch ohne Psychoanalyse, lässt sich hingegen Weizenblondchen Isabel Edvardsson: Zwangsstörung. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie sich täglich stundenlang im Gesicht bemalt oder, wie in der aktuellen Folge, akribisch die Augenbrauen zupft? Andererseits liegt auch der Verdacht nahe, das Camp-Nackedei leide unter Kakophobie, der Angst vor Hässlichkeit. Was natürlich ein Klacks ist im Vergleich zu den Phobien des Ross A. Eigentlich gibt es, wie in jüngster Vergangenheit zu erleben war, kaum eine Angst, die der Ex-Bro'Sis-Sänger nicht hat. Umso beängstigender ist es nun, zu erleben, wie die Chef-Memme in Folge neun eine seelische 180-Grad-Drehung macht und in den Gute-Laune-Terror flüchtet. Mag es sich dabei um eine manische Phase handeln?

Zum Abschied hatten sie sich doch noch lieb: Lisa und DJ Tomekk© Menne/RTL

Lisa muss ins Krankenhaus und scheidet aus

So viel Zwiebeln kann man gar nicht schneiden wie Tränen geflossen sind bei Lianen-Nesthäkchen Lisa Bund. Der medizinische Befund, auf Grund dessen sie nun als Erste das Camp verlassen musste und in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, ist laut Dschungel-Heiler Dr.Bob unumstritten: Gastritis. Das Tränen überströmte Träller-Weibchen kann getröstet werden: eine Magenschleimhautentzündung geht auch wieder vorbei. Doch wie steht es um die Psyche einer 19-Jährigen, die redet wie eine 11-Jährige, die zum ersten Mal in ein Ferienlager fährt? Original-Ton Lisa B.: "Immer wenn es mir schlecht gegangen ist, ist die Mama gekommen. Mir fehlt die Liebe." Auch für dieses Verhalten gibt es Psychologen-Vokabular: infantile Regression. Doch dann, wenig später, und das macht die Angelegenheit noch verwirrender, der ultimative Mama-Verrat. Als sich die Nachwuchssängerin von ihren Teamkollegen verabschiedet - mit dem obligatorischen Tränen-Tsunami- und Barbara Herzsprung busselt und herzt, schluchzt sie: "Barbara, du bist die tollste Frau die ich je kennen gelernt habe." Von Mama keine Rede mehr.

Lisa ist also weg vom Fenster und alle anderen trauern oder spielen wenigsten so, als ob sie trauern würden, auch wenn höchstens auf Soap-Darsteller-Niveau. Doch wer weiß, wie lange das gut gegangen wäre mit einer Gerade-Mal-Frau, die immer noch in der Trotzphase steckt. Es hätte durchaus die Gefahr bestanden, dass Bata Illic und Konsorten bald unter Ephebiphobie leiden, unter der Angst vor Teenagern. Bei Julia Biedermann können sich die Krankenkassen ihr Geld sparen, denn auch der Laie erkennt, worunter die Newcomer-Playmate mit der Sprödigkeit einer Religionslehrerin leidet: Insektophobie, Angst vor Insekten beziehungsweise Akarophobie, Angst vor Insekten, die Juckreiz hervorrufen. Als sie erneut zur Dschungelprüfung antrat, schien sie jedoch von Übermut oder Realitätsverlust übermannt und verkündete mit fester Stimme: "Ich habe mir diesmal vorgenommen, nicht schlapp zu machen." Die jüngste Vergangenheit sitzt der Anti-Brunhild schwer im Nacken: bereits zweimal scheiterte sie, Sterne für die Gruppe zu ergattern.

Julia macht die Küblböck-Prüfung

Die Aufgabe bei der Prüfung namens "Krabbelgruppe" (was übrigens auch eine passende Bezeichnung für die Dschungelinsassen wäre) lautete: setz die Schutzbrille auf, leg dich in einen Schneewittchensarg und warte darauf, wie 40.000 Kakerlaken (Gewicht: 15 Kilogramm!) auf dich herabregnen. Diese Prüfung musste Daniel Küblböck vor mehr als drei Jahren auch ablegen. Allein bei den Anweisungen von Dr. Bob wurde es einem schon mulmig: "Halte den Mund zu, denn sonst kriechen die Kakerlaken rein. Wenn sie es schaffen, dann musst Du gut kauen. Sie laufen überall hin, wo es dunkel ist." Tapfer wie ein Dreikäsehoch zum Drei-Meter-Sprungbrett stieg Julia B. in den Glassarg, doch dann siegte ihre Insektophobie. Sie schrie: "Nein, ich will die Prüfung nicht machen - ich bin ein Star, holt mich hier raus." Die Konsequenz: Dirk Bach freute sich wie ein kleines Kind über einen Lolli: "Das habe ich mir immer gewünscht, dass ein Star die Dschungelprüfung ablehnt." Des einen Freud, des anderen Leid: weil Julchen nicht antrat, gab es für die Dschungelcrew weiterhin nur Reis und Bohnen zu essen.

Überhaupt die Ernährung. Dass die VIP-Camper in 100 Prozent ihrer Zeit so viel Stuss daherreden, mag der Tatsache geschuldet sein, dass einfach die Vitamine und Nährstoffe fehlen. Da half es nur wenig, dass Bata und Ross von ihrer Schatzsuche neun rohe Eier - wovon fünf zu Bruch gingen- ins Lager balancierten. Beim kollektiven Rühreier-Reis-Mampfen gab es wieder eine Kostprobe verbaler Vielseitigkeit und erstaunlicher Belesenheit: "Manchmal ist die einfache Küche die beste." Wie gesagt, es ist bestimmt einer mit glänzendem Abitur dabei. Auch sonst wurde man regelrecht mit Sprüchen aus.08/15-Ratgebern bombardiert. Hier eine kleine Auswahl: "Du musst an dich denken", "Achte auf deine Füße, das ist das oberste Gebot", "Achte auf deinen Körper", "Du bist kein Feigling, wenn du nein sagst", "Mach nichts, was dir schaden könnte", "Man muss auch mal nein sagen können." Nur Moderatorin Sonja Zietlow, die diesmal ziemlich apathisch wirkte, tanzte aus der Reihe und kam mit einer Weisheit daher, die sich als Kalenderspruch noch nicht durchgesetzt hat. "Denk an die Quote", wies sie Dirk Bach an.

Auch wenn manch ein Zuschauer kaum an sich halten kann - am Samstag durfte er noch niemanden rauswählen. Was eine Ausnahme ist, denn eigentlich war geplant, dass ein Promi aus dem Lager bugsiert wird. Doch da Lisa schon vorzeitig aus dem Rennen gegangen ist, muss vorerst niemand Abschied nehmen. Das Schicksal meint es wohl gut mit ihnen. Wären die Buschbewohner jedoch bei "Deutschland sucht den Superstar" angetreten, es hätte die übelsten Kakerlaken- und Klobürsten-Sprüche von Juror Dieter Bohlen gehagelt. Was die Dschungelgruppe stimmlich so draufhat, demonstrierten sie bei ihrer selbst inszenierten Show "Deutschland sucht den Dschungelstar":nichts. Trotzdem landete Chef-Trösterin Michaela auf Platz Eins mit dem Karnevalsliedchen: "Ich hab' ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner. Döner macht schöner." Was zeigte, dass wenigstens einer in der Gruppe frei von jeder Phobie ist, zumindest vor der Katagelophobie, der Angst vor Spott und vor der Kyphophobie, der Angst vor Erniedrigung. Moment mal, sind das nicht eigentlich die Standardvoraussetzungen, um überhaupt ins Dschungelcamp zu gehen?

Von Sylvie-Sophie Schindler
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Japan-Fetischist (21.01.2008, 04:25 Uhr)
Hab mal reingeschaut..
Ja, ich oute mich, ich habe tätsächlich heute einmal in die Sendung reingeschaut. Ehlich gesagt finde ich, dass die Promis sich wacker geschlagen haben und ein paar von denen richtig liebenswert rüberkommen. Pervers sind allerdings die Prüfungen, ich schaue lieber den Promis beim Tratschen zu. Tja, damit habe ich mich wohl in den Augen einiger Leser hier intellektuell degradiert, aber wisst Ihr was? Das ist mir ziemlich gleichgültig.
Corum (20.01.2008, 15:24 Uhr)
Mal wieder ein sinnfreier Artikel...
...ein arroganter Autor, der alles was den hohen intellektuellen Ansprüchen des ach so hochgeistigen Sterns nicht gerecht wird, zynisch kommentiert.
Nur gut, daß 100 % der Aussagen des Autors immer sinnvoll und voller tiefgreifender Metaphern sind.
Ich schaue 100 Mal lieber Dschungelcamp und banales Geplänkel zum Abschalten, als 1 Mal das literaische Quartett mit Menschen, die sich als einzig geistige Elite betrachten und auf alles, was nicht intellektuell ist, mißbilligend herabschauen.
Konsequent wäre eine Mißbilligung durch Nichtachtung, aber der Quote bzw. Klicks wegen zu berichten und dann heuchlerisch abfällig zu schreiben - nee, das find ich unehrlich.
Ich mag das Dschungelcamp, sowohl wegen des wirklich witzigen Moderationsduos als auch wegen des Themas an sich.
Mannebacher (20.01.2008, 14:52 Uhr)
über Sinn und Unsinn
dieser Sendung lässt sich streiten. Wenn profilneurotische Möchtegerpromis sich das antun wollen bitteschön.
Auf die Psychocouch gehörten schon alle vor dem Camp.
Allen die hier rummotzen über die Ualität oder den Unterhaltungswert der Sendung:
Kein Mensch wird gezwungen einen Artikel darüber zu lesen oder zu kommentieren.
Kein Mensch wird gezwungen sich diese Sendung anzuschauen.
detass (20.01.2008, 13:07 Uhr)
Wer sich selbst....
wertschätzt, autonom und geistesklar ist, kann solche Prozessen nur als neurotisch und gestört erachten. Warum sollte ein freies gesundes Wesen sich so verhalten wie diese Leute dort im Dschungel? Mit genügend Selbsverachtung und Profilierungssucht allerdings ist einem doch alles egal und dieser Herr Bach ist kein Fall für den Psychiater, der ist ein Fall für den Ernährungswissenschaftler um die Frage zu klären, wie man es schafft breiter als hoch zu werden.
DummBatz (20.01.2008, 12:25 Uhr)
Journalistenkrampf
Mal abgesehen davon, dass weder Macher, Moderatoren, Beteiligte noch Insassen das Dschungelcamp so bierernst nehmen wie die Journalisten, die darüber berichten (vielleicht ist auch Neid im Spiel, weil man selbst als G- oder F- Journalist dorthin niemals eingeladen werden wird).
Es handelt sich auch nicht um ein in Unterföhrung aufgebautes Dschungelambiente, sondern die sind wirklich im Dschungel (kaum zu glauben für fernsehguckende Artikelschreiber!).
Auch die Prüfungen sind echt.
Und wenn man da nur ein ganz kleines bisschen Phantasie hat, kann man sich - trotz der bunten Bilder - ein wenig in die Situation der Betroffenen einfühlen.
Ich finde das psychologisch sehr spannend und die Kommentare von Bach und Zietlow sind spitze in der Darbietung und inhaltlich.
Und wenn mir jetzt einer dieser tollen Journalisten mit "das ist doch kein richtiges Camp, da sind doch überall und immer Kameras dabei" kommt, frage ich mich weiter, für wie doof sie Zuschauer wie mich halten.
Nebenbei bemerkt ist die Auswahl der "Stars", die sich selbst genausowenig für Stars halten wie die Macher der Sendung und die meisten Zuschauer, diesmal auch ziemlich gut.
Das sind alles Leute, die in irgendeiner Weise fähig sind oder in der Vergangenheit waren, ein grösseres Publikum anzusprechen, zu animieren, beeinflussen oder wie auch immer.
Vielleicht könnte man sie "Handwerker des Populismus", ohne zu vergessen, dass jeder in seinem bestimmten Fachbereich das Handwerk noch besser beherrscht oder beherrscht hat (Immel als Torwart, Tommek als DJ, Isabel als Tänzerin, Michaela als Frau mit Ganzkörpereinsatz und so weiter.)
Die grosse Wohltat diesmal ist ja ausserdem, dass die Leute sich trotz Druck und Differenzen sehr sozial zusammenraufen - aber das passt der Journalistenmeute ja auch nicht, die wollen lieber Hauen und Stechen und so weiter ...
fipse (20.01.2008, 11:37 Uhr)
Dschungelkrampf
ueber die Qualitaet der Sendung braucht man nichts weiter zu sagen. Die oeffentlich rechtlichen, die Milliarden GEZ Zwangsgebuehren bekommen sind schon grottenschlecht aber die Privaten toppen alles mit Leichtigkeit.
matz23 (20.01.2008, 11:36 Uhr)
Verzichtbarer Kommentar
Liebe Delphin29, wenn Du dieses Thema so schlimm findets, warum liest Du denn den Artikel? Man kann, man höre und staune, einfach drüberblättern. Das erspart Dir die schlimme. schlimme Lesearbeit des Berichts und uns Deine weisen Kommentare.
AH.Maurer (20.01.2008, 11:15 Uhr)
Mein Gott ...
dieser Schmerz, diese unglaubliche Qual... kaum erträglich ! Bringt der Stern eigendlich in seiner Print-Ausgabe auch den kompletten Wochenrückblick ??
Sublucem (20.01.2008, 11:14 Uhr)
@Delphin29
Tausend Dank für diese Worte
Delphin29 (20.01.2008, 11:09 Uhr)
Verzichtbar!
Interessant ist das ja schon: Über den Schwachsinn der Sendung regen sich alle auf, berichtet wird trotzdem. Es wäre, glaube ich, auch den Lesern dieser Seite geholfen, wenn man sich in der Berichterstattung auf wichtigere Themen konzentrieren würde. Der Eindruck bleibt: Hier wird wieder auf die billigen Instinkte geschielt, mit der sich Zugriffsquoten erzielen lassen. Ignoriert doch einfach diesen Blödsinn einer effekthascherischen und billigsten Instinkten goutierenden Fernsehunterhaltung.
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