Die "Castingisierung" des Fernsehens schreitet voran: Was vor neun Jahren mit den "Popstars" begann, hat mittlerweile alle Sparten erfasst. Auch in diesem Sommer warten die großen Sender mit neuen Such-Shows auf. Aktuellster Oberjuror: Til Schweiger in "Mission Hollywood". Was macht Castingshows so erfolgreich? Von Johannes Gernert

Immer schön lächeln: Heidi Klum zählt zu den erfolgreichsten Oberjuroren© Ursula Düren/DPA
Es ist das Erfolgsformat Nummer eins: Deutschlands führende Casting-Sender ProSieben und RTL suchen und suchen immer weiter - nach Superstars, Supertalenten, Superwikingern, Models oder nach Frauen für Bauern. Jetzt präsentiert RTL mit Til Schweiger einen neuen Oberjuror - Spezialgebiet Film. Er soll in "Mission Hollywood" eine junge Schauspielerin für die Blockbuster-Fortsetzung von "Twilight" auswählen. Bei ProSieben hat man das Casting-Portfolio gerade um "Germany's next Showstar" (GnTM) mit DJ Bobo erweitert. Es bewerben sich Jongleure, Tänzer, Sänger, Akrobaten. Die Gewinner dürfen mit bekannten Künstlern auf Europa-Tournee gehen.
Für die Fülle der Castingshows gibt die banalste Erklärung überhaupt: die Quote. Die Vorzeige-Formate DSDS und GnTM erreichen starke Marktanteile bei den jungen Zuschauern, oft fast 30 Prozent. Selbst eine Vorab-Folge der neuen "Bauer sucht Frau"-Staffel schaffte es kürzlich auf knapp 20 Prozent.
Deshalb rüsten nicht nur ProSieben und RTL in ihren Suchsektoren auf. Sat1 entwirft das Fußball-Casting mit Neuzugang Oliver Pocher und fahndete in "Die beste Idee Deutschlands" nach talentierten Erfindern. Das ZDF will unter dem Motto "Ich kann Kanzler" Nachwuchspolitiker vor die öffentlich-rechtlichen Kameras locken. Auch Spartenkanäle wie Viva mischen mit: In der angeblich kleinsten Casting-Show der Welt, ist "Deine Performance" gefragt. Vox plant eine Neuauflage von "Mein Restaurant" und sucht wieder potentielle Betreiber.
Doch nicht jede Castingshow ist ein Selbstläufer. So banal es klingt - entscheidend für den Erfolg ist es, Geschichten zu erzählen: Model-Zicken, die gegeneinander aufgebracht werden, Superstar-Bewerber, die wahlweise miteinander knutschen oder sich streiten, bis die Fetzen fliegen. Man wählt dieselben Zutaten, die auch in Vorabendserien oder Doku-Seifenopern funktionieren. So entsteht für die Zuschauer etwas, das Medienpsychologen "parasoziale Interaktion" nennen. Man lästert über die Fernsehgestalten, als gingen sie in die Parallelklasse. Mit voyeuristischer Lust beobachten Zuschauer, wie Normalos aus dem Nichts zu Helden werden.
Den meisten Gesprächsstoff bieten dabei Figuren, die polarisieren: eine holzende und heulende Model-Zicke Tessa, eine krankhaft selbstbewusste, sexy Schlange Annemarie, ein zappelnder, unsicherer Verwaltungs-Verlierer Holger. Da liegt der Verdacht liegt, dass die Kandidaten entsprechend ausgewählt werden. Dem sei nicht so, versichert Christine Teich, Unterhaltungschefin von ProSieben, es zähle allein die "gute Stimme", um bei den "Popstars" unterzukommen oder "entsprechende Aussehen“, um in Klums Modelshow zu kommen. "Nichtsdestotrotz haben wir in den vergangenen Staffeln immer großes Glück gehabt und Charaktere gefunden, die den Zuschauer auf viele Arten begeistert haben", so Teich.
Voyeurismus der Zuschauer auf der anderen Seite, aber auch die Identifikation mit den Kandidaten - so werden zwei grundlegende Bedürfnisse der menschlichen Natur bedient. Für den Quotenerfolg ist es also alles andere als gut, wenn die Bewerber auf ihren Gebieten perfekt sind, glaubt RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. Denn bei allem schwinge die Frage mit: "Was wäre, wenn ich da stehen würde?" Die Zuschauer verglichen sich mit den Kandidaten: "Sie brauchen dafür einen Anknüpfungspunkt. Das ist die Musik. Jeder hat schon einmal gesungen und glaubt auch beurteilen zu können, ob jemand singen kann. Das Thema Gesang wird deshalb immer sehr gut gehen", so Sänger.
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