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Wir sind wieder die Größten

Drei Stunden Show, erschöpfte Stars und massig Trophäen: Am Samstagabend feierte sich die Medienbranche beim Deutschen Fernsehpreis in Köln wie gewohnt selbst. Aber die gute Laune ist bloß Illusion. Überraschungen oder mutige Entscheidungen gab es höchst selten.

Von Peer Schader

  • Peer Schader

Wenn in einer mehr als dreistündigen Fernsehshow der lustigste Auftritt von Oliver Pocher kommt, ist das entweder ein unübersehbares Alarmzeichen dafür, das etwas ziemlich schief gegangen ist. Oder es macht Hoffnung, dass doch noch nicht alle, die beim Fernsehen arbeiten, ihren Verstand verloren haben.

Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln hat sich Pocher am Samstagabend auf Einladung von RTL als Laudator auf die Bühne gestellt und erst einmal schwer über die Veranstaltung gelästert. "Ich hätt' den Geißen lieber gesehen", wischte er Moderator Marco Schreyl von der Bühne und erklärte anschließend, warum ausgerechnet ein Comedian wie er den Preis für die "Beste Informationssendung" vergeben durfte: "Ich bin jetzt bei der ARD." Sofort bekam der nächste eine gewischt: "Einige sind heute nicht nominiert – schade für Sat.1", ätzte Pocher in Anspielung auf die Kürzungen des Senders bei den Nachrichten. Und mit Blick auf Sat.1-Chef Matthias Alberti im Zuschauerraum: "In einem Jahr sitzt da ein anderer."

Als der Preis dann ausgerechnet an "RTL aktuell" und Peter Kloeppel ging, die sich gegen "Tagesthemen" und "heute journal" durchsetzten, lachte Pocher sich kaputt: "Das ist echt geil, wenn man den Fernsehpreis macht, kriegt man auch die Preise." Dann ist er wieder verschwunden, weil er am Abend noch einen Auftritt im Berliner "Quatsch Comedy Club" hatte.

Alles nicht so ernst nehmen

Das ist mal konsequent: Da feiert sich die Medienbranche in Köln einen ganzen Abend selbst, und einer, der eigentlich dazu gehört, sagt: Danke, das kann ich alles nicht ernst nehmen, ich schau mal vorbei, aber nachher trete ich lieber noch mal vor echtem Publikum auf, als mich bei euch am Büffet durchzufuttern. Leider waren nicht alle so konsequent.

Die Besonderheiten? Pro Sieben heimste dieses Jahr gleich vier Preise ein (für "Schlag den Raab", "Stromberg", "Dr. Psycho"-Autor Ralf Husmann und "Tornado"-Schauspieler" Matthias Koeberlin), Gastgeber RTL hingegen nur zwei (einer davon für die "Super-Nanny" in einer Kategorie, in der sowieso nur RTL-Sendungen nominiert waren). Vox bekam für die "Beste Kochshow" das allererste Mal eine der Auszeichnungen zugesprochen, aber nicht für Tim Mälzer, der im Publikum so säuerlich schaute, als hätte er zuhause für die Trophäe schon Platz gemacht, sondern für "Das Perfekte Dinner". Und Niki Lauda ehrte Michael Schumacher mit einem "Sonderpreis" als "größten Rennfahrer aller Zeiten". Schumacher hat zwar nichts mit Fernsehen zu tun, aber RTL mit der Formel 1 immer Spitzenquoten beschert. Wahrscheinlich reicht das aus, um so ein Ding in Empfang zu nehmen.

Der Rest des Abends war wie immer viel zu lang und völlig zu Unrecht als wichtigstes Ereignis des Fernsehjahres tituliert, obwohl die Veranstaltung, bei deren Ausrichtung sich ARD, ZDF, RTL und Sat.1 abwechseln, die beanspruchte Relevanz nicht im Geringsten erfüllen kann. Vielleicht war es in diesem neunten Jahr nicht ganz so peinlich wie letztes Mal beim Ersten, weil Moderator Schreyl anders als sein Vorgänger Jörg Pilawa auf Showeinlagen verzichtete und einfach das tat, was er am besten kann: sich an seinen Moderationskärtchen festhalten. Es hätte ihm nur noch jemand was Sinnvolles draufschreiben müssen.

Nach einer Minute verschwindet das Mikro

Auf Höhepunkte wartete man als Zuschauer vergeblich. Laudatoren wie Piet Klocke, Cordula Stratmann und Heiner Lauterbach kündigten mal mehr, mal weniger unverständlich mit einstudierten Gags die Nominierten an (Klocke: "Ich bin total gespannt, vor allem im Nacken"). Nachher durften sich die Preisträger artig bedanken, bis nach einer Minute die Showband einsetzte, und das Mikro im Bühnenboden versank - was keine freundliche Art ist, den Gewinnern zu signalisieren, dass sie jetzt gefälligst still sein sollen. Als beste Schauspielerin gestand Maria Furtwängler einfach flugs: "Ich hab mich so darauf konzentriert, was ich für ein Gesicht mache, wenn ich ihn nicht kriege, und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen soll."

Die Preisträger in den Kategorien Ausstattung, Schnitt, Musik und Kamera durften bloß gemeinsam ein paar Sekunden auf der Bühne stehen, weil man beim Sender annimmt, dass das die Zuschauer nicht so arg interessiert. So wenig ernst nimmt die Branche die eigenen Kollegen, wenn sie nicht ständig ihr Gesicht in die Kamera halten.

Dass der Abend nicht ganz im Mittelmaß versank, ist dem Förderpreis zu verdanken, von dem Nachwuchsschauspieler erst im Saal erfahren, dass sie ihn bekommen, und dann ein Gesicht machen, als seien sie gerade vom Laster überrollt worden. Diesmal ging es Franz Dinda so, der im Sat.1-Film "Blackout" als Nebendarsteller überzeugte und auf der Bühne dann ganz perplex einen Appell an die Sender richtete: "Schaut nicht nur aufs Geld!" Aber das war schnell wieder vergessen. Den zweiten Förderpreis erhielt das Team der ZDF-Kleinproduktion "Ijon Tichy Raumpilot", das die Senderverantwortlichen von der Bühne aus anstupste: "Wir warten auf eine zweite Staffel! Ruft uns an!"

Ehrliche Laudatio für Götz George

Zum Schluss bescherten Filmproduzent Nico Hofmann und Götz George dem Publikum den einzigen Moment an diesem Abend, der zeigte, wie so eine Preisverleihung eigentlich aussehen müsste: Hofmann hielt eine Laudatio, die versuchte, dem Preisträger tatsächlich nahe zu kommen und gerecht zu werden, die mit ehrlichen Worten die Bedeutung Georges fürs deutsche Fernsehen schilderte und mit kleinen persönlichen Anekdoten ergänzt war, dass das Zuhören wirklich Spaß machte.

George, der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk entgegen nahm, fasste sich nachher kurz und scherzte: "Ich hab wahnsinnig Durst, ich hab wahnsinnig Hunger - wir müssen zum Ende kommen." Dem gab es um halb zwölf abends nichts mehr hinzuzufügen.

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