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Ist die RTL-Serie wirklich das Highlight des Jahres?

Wohl nie zuvor ist eine deutsche Serie mit so vielen Vorschusslorbeeren gestartet: In den USA gefeiert, in zahlreiche Länder verkauft. Nun ist "Deutschland 83" endlich in Deutschland zu sehen. Ist sie wirklich so gut?

Deutschland 83

Jonas Nay spielt den DDR-Agenten Martin Rauch, der sich als Moritz Stamm in die Bundeswehr einschleust 

Dass Hollywood-Stars für eine deutsche Serie schwärmen, wann hat es das je gegeben? "Die ist fan-tas-tisch", lobt etwa Tom Hanks "Deutschland 83" im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung". Mit seinem Urteil steht er nicht allein. Bevor die deutschen Zuschauer die Produktion zu Gesicht bekommen, wurde sie in den USA ausgestrahlt - und erhielt begeisterte Kritiken. Die Serie sei, schrieb seinerzeit die TV-Kritikerin der "New York Times", interessanter als "aufgepumpte amerikanische Erfindungen wie 'Scandal' und 'House of Cards'".  Auch andere Länder dürfen sich auf die deutsch-deutsche Spionagegeschichte freuen - sie wurde in zahlreiche Länder verkauft, darunter Kanada, Australien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Skandinavien, Russland und Israel. Eine deutsche Serie von internationalem Format - sollte das wirklich möglich sein?

Darüber dürfen nun auch die hiesigen Zuschauer ein Urteil fällen. Auf RTL startet "Deutschland 83" an diesem Donnerstag zur besten Sendezeit mit einer Doppelfolge. Und die zieht den Zuschauer von der ersten Minute an rein ins Jahr 1983, als die Welt noch in zwei verfeindete Machtblöcke gegliedert war, die sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüber standen: auf der einen Seite die BRD und seine Nato-Verbündeten, auf der anderen die DDR als Mitglied des Warschauer Pakts.

In bester Bond-Manier

Das alles ist für den jungen DDR-Soldaten Martin Rauch (Jonas Nay) jedoch weit weg, er will einfach nur das Glück mit seiner Freundin Annett (Sonja Gerhardt) genießen. Doch dann wird er auf Betreiben seiner Tante Lenora Rauch (Maria Schrader) als Stasi-Spion angeworben. Er soll die Identität des Oberleutnants Moritz Stamm annehmen und wird als Adjutant des hochrangigen Bundeswehrgenerals Edel (Ulrich Noethen) in die Bundeswehr eingeschleust. Dort soll er in Erfahrung bringen, ob die Nato einen atomaren Erstschlag plant. Für den unerfahrenen Agenten beginnen aufregende Wochen, die ihn nachhaltig verändern werden: Er wird in dieser Zeit ungeahnte Spionagefähigkeiten entwickeln, in bester Bond-Manier in Frauenbetten steigen und auch vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken.

All das geschieht vor dem realen historischen Hintergrund des Nato-Manövers "Able Archer", bei dem im November 1983 ein Atomkrieg simuliert wurde. Im Warschauer Pakt gab es die Befürchtung, es könne sich unter dem Deckmantel einer Übung um einen realen Nuklearschlag handeln - und rüstete sich zu einem atomaren Erstschlag. Die Welt stand möglicherweise tatsächlich am Rande eines Atomkriegs.

Die großen Debatten jener Jahre

Vor dieser historischen Folie ist die fiktive Handlung um den DDR-Spion Martin Stamm angesiedelt. Es ist die große Leistung der Serie, die Atmosphäre des Jahres im geteilten Deutschland einzufangen. Soundtrack, Kulisse, Kleidung versetzen den Zuschauer ins Jahr 1983 und lassen ihn die Stimmung spüren, die damals im Lande geherrscht hat: Nato-Doppebeschluss, Reagan, Friedensdemos und Nena.

  Plötzlich im Westen: Martin Rauch (Jonas Nay) heißt jetzt Moritz Stamm und ist zum ersten Mal in seinem Leben in einem Supermarkt.

Plötzlich im Westen: Martin Rauch (Jonas Nay) heißt jetzt Moritz Stamm und ist zum ersten Mal in seinem Leben in einem Supermarkt.


Das "Deutschland 83" das gesellschaftliche Klima jener Jahre so präzise transportiert, ist vor allem Verdienst der Dialoge. Hier spiegeln sich die Debatten und Frontstellungen jener Jahre wider. Beispielhaft verkörpert in der Person des General Edel: Ein gebildeter, kunstsinniger Mann, alles andere als ein Scharfmacher - aber doch von seinen militärischen Überzeugungen so stark verformt, dass er letztlich kein friedliches Zusammenleben mit seiner Familie hinbekommt.

Bei aller historischen Akkuratesse: "Deutschland 83" ist in erster Linie gute Unterhaltung. Die horizontal erzählte Serie schafft es, in jeder einzelnen Folge einen Spannungsbogen aufzubauen, die Handlung ist rasant und voller Action - nimmt sich aber immer wieder Auszeiten, um das Lebensgefühl der Zeit zu beleuchten.

Gnadenlose Handlungsmechanik

Dass "Deutschland 83" letztlich haarscharf am Meisterwerk vorbeischrammt, liegt daran, dass die Serie einseitig plotgetrieben ist und zu wenig aus den Figuren heraus erzählt. Das wird deutlich, wenn man sie mit "Weissensee" vergleicht, der anderen großen deutschen Serie über die 80er Jahre. Während die Geschichte hier aus den einzelnen Charakteren der Familie Kupfer heraus angetrieben wird, ist in "Deutschland 83" eine gnadenlose Handlungsmechanik in Gang gesetzt, und der von Jonas Nay gespielte Moritz Stamm kann im Grunde nur reagieren. Dadurch bleibt er eigentümlich blass - was er will, ist für den Fortgang der Geschichte unerheblich. Er ist kein Akteur im eigentlichen Sinne.

Das ist nicht der Schauspielleistung geschuldet. Nay macht seine Sache hervorragend, wie überhaupt einem beim Ansehen der Serie bewusst wird, mit wie vielen herausragenden Schauspielern das deutsche Fernsehen gesegnet ist: Sylvester Groth, Alexander Beyer, Ludwig Trepte, Ulrich Noethen, Maria Schrader oder Lisa Tomaschewsky, um nur einige zu nennen.

Es ist das große Verdienst des Autorenpaars Anna und Jörg Winger, Deutschland als Serienschmiede international zu etablieren. Ihrer Serie ist es zu verdanken, dass Tom Hanks künftig nicht mehr nur an "Wetten, dass ..?" denkt, wenn er über das deutsche TV spricht.

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