Die Lehren aus "Mainzelgate"

27. Oktober 2012, 13:13 Uhr

Natürlich wird politischer Einfluss genommen, ob von Hans Michael Strepp oder sonstwem - aber dieser Versuch hat der CSU erstmals geschadet. So plump, so dreist, so ungeschickt war niemand zuvor. Von Bernd Gäbler

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Getrennte Leute: CSU-Chef Seehofer und sein Ex-Sprecher©

Natürlich war das, was Hans Michael Strepp da per SMS und Telefon unternommen hat, ein Versuch der Einflussnahme. Es werde zu Diskussionen kommen, wenn das ZDF im Alleingang vom Landesparteitag der SPD in Nürnberg berichte, drohte der CSU-Parteisprecher. Die Besonderheit: Das war ein besonders plumper, ein dreister, ein ungeschickter Zensurversuch. Dumm, dass er auch noch bekannt wurde. Darum musste Strepp gehen. Ein raffinierter Strippenzieher hätte anders agiert. Darum traut kaum jemand dem besonnen, langjährigen Parteisprecher zu, der schon für Edmund Stoiber und Erwin Huber Gutes bewirkt hatte, aus eigener Initiative gehandelt zu haben. Darum klebt die Affäre jetzt zäh an Seehofer und seiner CSU.

Die sind bisher die eindeutigen Verlierer von "Mainzelgate". Seehofer wird sich darüber tierisch ärgern. Denn der Normalzustand ist ja nicht, dass alle tatsächlich tun, was sie in Sonntagsreden zur Pressefreiheit beschwören, nämlich, die unabhängige Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schätzen und schützen, sondern dass sie natürlich Einfluss nehmen. Nur tun sie das in der Regel weniger kleinlich, weniger orientiert am Detail, am einzelnen Bericht, sondern viel grundsätzlicher und indirekt.

Das ZDF steht glänzend da

Der Bayerische Ministerpräsident sitzt im ZDF-Verwaltungsrat, wo es unter dem Vorsitz seines SPD-Kollegen Beck zu Sache geht: Hier wird auf das Budget geguckt und hier werden alle wichtigen Personalien verhandelt. Ansonsten spricht man miteinander, regelt Grundsätzliches, aber lässt sich selbstverständlich nicht erwischen bei direkten Eingriffen ins Redaktionelle. Für die Überwachung des Programms wiederum ist der Fernsehrat zuständig. Hier ist die CSU mit ihrem Wadenbeißer Alexander Dobrindt vertreten.

In der gesamten Affäre, die natürlich nur zum Spaß den Namen "Mainzelgate" trägt, steht das ZDF glänzend da. Man könnte den Leuten vom Lerchenberg vorwerfen, dass sie ja sehr defensiv agiert haben, Anrufe und SMS des CSU-Sprechers nicht von sich aus öffentlich thematisiert haben, sondern jeweils nur bestätigten, was zuerst die "Süddeutsche Zeitung" zu berichten wusste. Das stimmt auch. Aber so lief es doch glänzend für das ZDF. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte – eine Redaktion sendet tatsächlich das, was sie geplant hat – erscheint nun fast schon wie eine Heldentat.

Bei der ARD schaut keiner richtig hin

Die ARD hat Glück. Es sieht so aus, als werde da nur ein Händel zwischen CSU und ZDF ausgetragen. Dabei war es ein ARD-Journalist, der dem CSU-Sprecher erst das Material für seine Intervention beim ZDF lieferte. Am frühen Sonntagmorgen hatte der rührige CSU-Sprecher zunächst den Leiter des ZDF-Landesstudios in München Ulrich Berls angesimst. In ihm sah er offenkundig einen Vertrauten. Er fragte nämlich nicht in eigener Sache, sondern begehrte Auskunft über den Umfang der "Berichterstattung Ude", also über den Landesparteitag der gegnerischen SPD, auf dem Ude als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten nominiert worden war.

Die Mainzer Bastion des unabhängigen Journalismus hält wie eine Trutzburg den Anstürmen der fordernden Politiker stand. Dem ZDF kommt das sehr zupass: Vor dem Start in das große Wahljahr 2013 steht es nicht da, als sei es einem parteipolitischen Klüngel ausgeliefert. Es präsentiert sich als seriöse Sendeanstalt, die sich mannhaft allein journalistischen Kriterien verpflichtet fühlt.

 
 
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