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26. Mai 2008, 10:35 Uhr

Abschied vom "Ossi"-Kommissar

Ausgerechnet der MDR, der bislang DDR-Nostalgie und Gegenwarts-Kitsch zu versöhnen suchte, nahm im achtzehnten Jahr der Deutschen Einheit einen schweren Einschnitt vor: Mit dem neuen Ermittler-Duo Eva Saalfeld und Andreas Keppler betritt der moderne "Großstadt-Single" nun auch die östliche "Tatort"-Bühne. Von Bernd Gäbler

Die Zeiten des ostdeutschen Wohlfühlkommissars sind nun auch beim MDR endgültig vorbei: Die neuen "Tatort"-Kommissare Simone Thomalla und Martin Wuttke könnten auch in jeder anderen deutschen Großstadt ermitteln© Heribert Pröpper, AP

Der Fall war gar nicht so spektakulär. Zum Auftakt seiner neuen "Tatorte" bot der MDR einen klassischen "Who-dunnit"-Plot. Alle Verdächtigen hatten am Tatort Spuren hinterlassen. Mit etwas Action und viel Grübelei dröselten die ermittelnden Kommissare die Handlungsfäden auf: am Ende war der Schuldige gefunden, die Ordnung wieder hergestellt und allen bewusst geworden, dass die Probleme selbstverständlich tiefer liegen. Soweit, so üblich.

Neu war das Paar. Zwei Kommissare, Mann und Frau, deren Beziehung reichlich Spannung(en) verspricht. Vor zehn Jahren einmal, so erfahren wir beiläufig, waren sie noch verheiratet. Die erste Begegnung verläuft stockend wie bei Igmar Bergmann, aber dann versagen sich die Macher zum Glück allzu viel Gefühlsduselei. Aber die magnetische Kräfte sind noch zu spüren, die Blicke flirren, sofort abgemeldet ist der überaus blauäugige Verehrer der Kommissarin Eva Saalfeld, Keppler versetzt selbst deren biedere Schwester in Wallung. Natürlich durchschaut die Frau nachsichtig ihren Ex, ist aber gleichwohl fasziniert. Da lässt sich noch manche Geschichte erzählen, die von Anziehung und Abstoßung handelt.

So polar wie die Figuren sind auch die Schauspieler, die sie darstellen. Simone Thomalla, die wir alle als "Pilsken"-Freundin von Rudi Assauer kennen, war bisher eher im Familienfilm oder - sagen wir es ruhig - in der TV-Schmonzette zu Hause. Der so markant gegerbte Martin Wuttke kommt vom Theater. Er ist ein Großer. Vorübergehend war er sogar einmal Chef des Berliner Ensembles. Gelegentlich merkt man noch, dass er etwas deklamiert, aber seine Mimik ist mitreißend. Da brodelt es. Simone Thomalla bemüht sich noch, nicht so vordergründig zu spielen wie im Schwank üblich, aber das verhalten-nachsichtige Schmunzeln einer Frau, die ihre männlichen Pappenheimer kennt, beherrscht sie schon recht gut. Und - wer hätte das gedacht - sie kann rennen.

Es wird sich noch zeigen, ob die Zuschauer in Leipzig. Dresden und Umgebung dieses Paar wirklich annehmen. Stilistisch stellt es einen Modernisierungsschub dar. Auch wenn wir die jeweiligen Kommissars-Figuren nicht als platt-realistische Symbolfiguren des Zeitgeistes nehmen, in siebenhundert Folgen hat der "Tatort" Kulturgeschichte geschrieben. Jetzt sind die eigensinnigen Individualisten und bindungsskeptischen Selbstverwirklicher also auch im Osten angekommen.

Dass der Mensch nicht endgültig ausgesöhnt ist, wenn nur der Verbrecher erwischt, das Verbrechen bestraft und die gute Ordnung wieder intakt ist, diese Einsicht gehört zu jedem anständigen Krimi. "Wir wollten Recht und haben den Rechtsstaat bekommen," so lautete das typisch trotzige "Ossi"-Diktum dazu. Natürlich gehört zum "Ossi", dass er selber die Unterscheidung in "Ossi" und "Wessi" fürchterlich findet, sich aber auch seine Biografie nicht rauben lassen will.

Fettbemme statt Sekt und Kaviar

Der "Ossi" war bodenständig, Glanz und Geld waren ihm verdächtig, Aufschneider durchschaute er sofort. Seine anthropologische Grundhaltung beruht auf der resignierten Erkenntnis, dass der Mensch - hier wie dort - nun einmal opportunistisch sei. Illusionsfrei erledigt der Ostdeutsche seinen Job. Statt Sekt und Kaviar gab es zum Abschied eine Fettbemme - so hatte der leutselige Peter Sodann seinen identifikationsstiftenden "Ossi-Kommissar" an- und ausgelegt.

Illusionslos und lebenserfahren ist auch Keppler - und mit allen Wassern gewaschen. Aber er ist weder leutselig noch gesellig. Der einsame Wolf streunt durch die Großstadt. Dem Gesetz verschafft er Geltung, aber er vertraut ihm auch nicht zu sehr. Dazu ist er ohnehin nicht fähig. Er grüßt nicht und bedankt sich nicht. Jede Zugehörigkeit würde ihm peinlich aufstoßen. Er tut nur, was ein Mann tun muss. Dazu würde er sich im Zweifel auch selber opfern. Keppler ist im Grunde eine Westernfigur.

Einverstanden, aber nicht satt

Eva Saalfeld kennt den windigen Rechtsanwalt Klaus noch von der Schule her, der "EOS Georgi Dimitroff". Einmal wird das beiläufig erwähnt. Wie ein kleines Erkennungszeichen. So hieß keine Schule im Westen. Eva Saalfeld verleugnet ihre Herkunft nicht. Sie kennt sich aus in Leipzig. Aber sie ist längst angekommen in der neuen Ordnung. Sie quält sich nicht mehr. Sie fühlt sich wohl, motiviert die Mitarbeiter, nimmt freundlich Grüße und Glückwünsche zur Beförderung entgegen. Sie ist einverstanden, aber nicht satt. Eva Saalfeld ist eine, die es geschafft hat, die bei sich ist und in ihrem Körper, in der Mode zu Hause. Sie weiß um ihre Attraktivität und durchschaut die Avancen der Männer. Am Ende lässt sie sich trotzdem zum Segeltörn einladen.

Die Grundfiguren moderner Urbanität sind in Leipzig angekommen. Um sie herum gibt es den Dschungel der Hinterhöfe, die Lichter der Nacht, die Hysterie eines in die Aufklärung geschubsten Volkes mitsamt seiner Chöre und Kneipen. Die Großstadtmenschen Keppler und Saalfeld gehören nicht mehr zu dieser Welt. Aber sie müssen in ihr Ordnung schaffen. Nicht mit seinem Abschied, sondern erst durch das Auftreten der Neuen, ist der "Ossi"-Kommissar Geschichte geworden: endgültig, für immer - und ausgerechnet der MDR hat das erledigt.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
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