Die Startphase der Sendung ist vorbei, das Team hat sich eingespielt, das Profil der sonntäglichen Talk-Sendung zeichnet sich ab. Zum ersten Mal wechselt nun die Redaktionsleitung - Zeit für eine faire Zwischenbilanz: Stärken und Schwächen des zentralen ARD-Polittalks "Anne Will". Von Bernd Gäbler

Anne Will wirkt stets hoch konzentriert, aber leider fast immer auch sehr angespannt© Wolfgang Borrs/NDR
Anne Will ist eine geübte Journalistin. Sie ist ehrgeizig und nimmt neue Aufgaben mutig in Angriff. Sie ist kompetent und vor der Kamera selbstverständlich recht souverän. Ihr NDR-Programmdirektor Volker Herres attestierte ihr anlässlich des "outings" ihrer persönlichen Lebensverhältnisse, ihren Job mache sie "grandios". Das war übertrieben. Sie macht ihn so, dass sich die ARD nicht genieren muss. Vieles aber kann besser werden. Auch die Quote, auf die es der ARD besonders ankommt, die aber nicht das wichtigste Kriterium für eine Leistungsbilanz sein soll. Im Durchschnitt kommt sie auf 13,7 Prozent Marktanteil, mal hat sie mehr, auch schon mal weniger Zuschauer als Frank Plasberg, der auf einem weitaus ungünstigeren Programmplatz sendet. Auch da ist noch Luft nach oben.
Anne will bessere Quoten. "Politisch denken, persönlich fragen" - so lautet das Motto, das sich Anne Will für die Sendung ausgedacht hat. Hatte sie damit ein glückliches Händchen? Passt das Motto wirklich zu ihr? Das politische Denken trauen ihr alle Zuschauer ohne weiteres zu, das persönliche Fragen weniger. Sie ist gewitzt in allen Fragen politischer Taktik, kennt die Winkelzüge der Parteien und die Argumente der üblichen Verdächtigen. Sie kann nachhaken und Sachverhalten auf den Grund gehen. Großes persönliches Interesse an den Einzelschicksalen oder den stets etwas umständlichen Erzählungen der Betroffenen, an den Lebensumständen der Eisenbahner und den genauen Ablaufschilderungen des Notarztes von Ludwigshafen - das nimmt man ihr nicht ab. Zwar tauchen ihre dunklen Augen dann groß im Zwischenschnitt auf, aber sie muss es gar nicht unbedingt versuchen, sich zusätzlich zu klaren politischen Fragen auch noch in "Kerner"-Einfühlung zu üben. Glaubhaft tut sie es nicht.
Auch wenn die Idee dahinter lauten mochte, Betroffenen und weniger rhetorisch Geübten bessere Chancen einzuräumen, einen Bezugspunkt für alle Politik aus der alltäglichen Wirklichkeit zu schaffen, womöglich gar mehr Konfrontation für den Diskurs der Politiker und Funktionsträger - das "Menschensofa" muss weg. Es ist im Prinzip gar nicht schlecht, im Rahmen einer längeren Talk-Show Möglichkeiten zur Einzelbefragung zu haben - seien es "Experten", Gespräche zur Vertiefung eines spezifischen Aspektes oder auch intensive Befragungen eines besonderes herausgehobenen Talk-Gastes. Dazu dient das Sofa bei "Anne Will" aber nicht.
Gegenüber den deutschen Nobelpreisträgern war es fast eine Invektive, diese da nur zum Aufgalopp zu parken; andere erzählen Geschichten oder vertiefen die Kluft zwischen Mensch und Funktionär. Und ein Gast wie Klaus Wesemann vom SPD-Ortsverein Frankfurt-Eschersheim gestern abend ist einfach ein wenig zu unbedeutend, um interessant zu sein. Wenn Anne Will auf dem Sofa ausgerechnet den diensthabenden Notarzt in Ludwigshafen akkurat danach befragt, ob beim Einsatz auch alles zügig und mit rechten Dingen zugegangen sei - dann war das Pseudo-Journalismus. Kaum einer wäre ungeeigneter für halbwegs objektive Urteile gewesen. Das Sofa muss weg!
Als Herr Ramelow selbstbewusst sagte: "Das ist doch eine Sendung über uns", beschied Anne Will flugs: "Nein, zur Hamburg Wahl", kurz darauf gab es prompt einen Einspielfilm zur Bayerische Landesbank - aber es hängt ja ohnehin alles mit allem zusammen. Wenn sie nicht gerade "Atomkraft" (16.12.) oder "Jugendgewalt" (6.1.) thematisiert, könnte das Thema des Talks fast regelmäßig auch schlicht lauten: "Zur Lage - ein Gespräch in wechselnder Besetzung." Mit einem enger gefassten Thema kann eine Redaktion daneben liegen, mit so weit gefassten Einflugschneiden in den Talk geht sie schön auf Nummer Sicher, allerdings in der Regel auch "middle of the road". Das ist auf Dauer etwas fad.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.