. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
9. Juni 2008, 10:53 Uhr

Anne Will - schwammig und strukturlos

Seit der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger zum Sturm auf Anne Will geblasen hat, geht alles durcheinander. Die ARD verteidigt entschlossen ihre Talkshow, die SPD solidarisiert sich. Dabei ist die Sendung oft langweilig und muss dringend überarbeitet werden. Eine Klarstellung in neun Kapiteln. Von Bernd Gäbler

Die Attacken eines CDU-Provinzpolitikers könnten dazu führen, dass Anne Wille bald fester im Sattel sitzt als je zuvor© Walczak/laif

Am Sonntagabend um 21.45 Uhr sprach Anne Will zunächst einmal "in eigener Sache". Der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger hatte eine Richtigstellung anwaltlich erstritten. Nicht 60 Mrd. Euro Schulden fand der rot-rote Senat in Berlin bei Amtsantritt vor, wie in der letzten Sendung behauptet worden war, sondern lediglich rund 40 Mrd. Die höhere Summe beziffert den jetzigen Schuldenstand. Anne Will brachte diese Pflichtübung angemessen gelassen hinter sich. Friedbert Pflüger aber hatte ja keineswegs nur diese sachliche Berichtigung gefordert. Dieser Möchtegern-Staatsmann, der sein jungenhaftes Gesicht so gern in Sorgenfalten legt, hat ja vor allem die Absetzung der Talk-Show "Anne Will" gefordert, weil diese politisch einseitig sei und schlecht recherchiere.

Der Skandal-Auslöser

In seinem bisherigen Leben ist Pflüger, der immer ein bisschen wie ein Schülersprecher wirkt, vor allem durch drei Aktivitäten aufgefallen: 1. In seiner Jugend durfte er Richard von Weizsäcker die Aktentasche tragen und hat darüber später ein Buch geschrieben 2. War er mit der Frau verheiratet, wegen der Willy Brandt als SPD-Vorsitzender zurücktreten musste (weil er sie nicht als Parteisprecherin durchsetzen konnte). Margarita Mathiopoulos ist heute sicherheitspolitische Beraterin von Guido Westerwelle (FDP) und war im Gegensatz zu Friedbert Pflüger schon einmal bei "Anne Will" eingeladen. Am Ende der Ehe verklagte Pflüger Frau Mathiopoulos auf Auszahlung einer hübschen Summe, weil sie während der gemeinsam verbrachten Zeit mehr Geld verdient hatte. 3. Hat Pflüger in enger Kooperation mit "Bild" für den Erhalt des Flughafens Tempelhof gestritten und eine Niederlage erlitten. Auch für seine neueste Kampagne wählte er wieder die "Bild"-Zeitung, die ja bekanntlich stets unparteiisch ist und akkurat recherchiert.

Pflügers Forderung, "Anne Will" abzusetzen, ist natürlich absurd, wie ARD-Programmdirektor Günter Struve zu Recht sagte. Richtig bleibt aber, dass nicht nur die von Pflüger monierte Zahl falsch war, sondern auch der Einspielfilm zur rot-roten Wirtschaftspolitik in Berlin, in dem sie vorkam, recht schönfärberisch war. Wenn Struwe nun verkündet, die ARD habe "noch keine Sekunde an der Kompetenz von Anne Will und der inhaltlichen Ausrichtung ihrer Sendung gezweifelt", dann schießt er freilich übers Ziel hinaus. Denn Pflüger hin oder her: Kritisieren kann man die Sendung "Anne Will" mit Fug und Recht: Die Sendung ist in den letzten Monaten nicht besser geworden.

Die Themen

"Bespitzelt, verliehen, unterbezahlt - Vollbeschäftigung um jeden Preis" (6.April); "Gierig, maßlos arrogant - die Elite am Pranger" (4.Mai) - so betitelt Anne Will ihre Sendungen, mindestens so reißerisch wie einst Sabine Christiansen. Nur das Fragezeichen fehlt. Darum schwanken die Aussagen von Woche zu Woche zwischen Katastrophe und Beschwichtigung: "Hungern muss hier keiner - ein Land redet sich arm" hieß es am 25.Mai, und positiv wurde auch am Sonntag formuliert: "Job-Macher statt Spitzel-Bande - Deutsche Manager besser als ihr Ruf". Das Problem bei all diesen Titeln ist allerdings die Tendenz zur Verallgemeinerung und zum Unspezifischen. Selbst wenn ein aktueller Aufhänger vorhanden ist, geht es bei "Anne Will" meist in die Breite, selten in die Tiefe. Kaum etwas wird konkretisiert, vieles zerredet. Die Sendungen könnten auch genauso gut "Soziales", "Manager" oder "Rot-Rot" heißen.

Die Gäste

Es bleibt dabei: Anne Wills Gäste sind selten Entdeckungen, und die Konstellationen sind oft nicht interessant genug. Es reicht eben nicht, innerhalb kürzester Zeit (6. April; 1. Juni) zweimal Oskar Lafontaine einzuladen, damit etwas Stimmung in die Bude kommt. Allzu voraussehbar ist das Tableau: Geht es um die Rente, kommt Ottmar Schreiner (SPD); Guido Westerwelle (FDP) darf mit dem sozial geläuterten CDU-Oldie Heiner Geißler streiten; zwei gleichrangige Ministerpräsidenten, Beckstein und Wowereit, dürfen die Klingen kreuzen. Zudem kommen viel zu viele Verbandsvertreter. Selbst wo Originalität verheißen wird, stimmt dies nicht: zur "Elite" darf selbstverständlich Jung-Autorin Julia Friedrichs sprechen, die zuvor schon alle Talkshows durchlaufen hatte, und die scheinbare Talk-Show-Entdeckung, der Endemol-Manager Boris Brandt, hatte zuvor bei Plasbergs "Hart aber fair" bewiesen, dass er argumentieren kann.

Zwar gibt es schon mal ein schön deftiges Zitat, wie das vom SPD-Grantler Thilo Sarrazin, der die Idee seiner Partei, Managergehälter zu begrenzen "eine lustige Nummer" nannte; aber einen nachhaltige Wirkung auf aktuelle politische Diskurs übt die Sendung "Anne Will" selten aus. Oft stimmt es auch nicht so ganz mit der Besetzung: Wenn z.B. über die Haltung der SPD zur Partei "Die Linke" gestritten werden soll (wie am 1.Juni), braucht man dazu eigentlich Andrea Nahles. Die aber saß bei Plasberg. "Anne-Will"-Gast Klaus Wowereit dagegen bot nichts Überraschendes. Wenn über deutsche Manager gestritten werden soll, wie am 8. Juni, reicht es einfach nicht, wenn außer Politikern nur ein längst ausrangierter ehemaliger TV-Manager aus Österreich und ein Verbandslobbyist diskutieren. War denn wirklich keiner aus der Liga der Crommes, Bernotats und Wiedekings zu bekommen? Dann muss eine Redaktion eben auch mal das Thema ändern.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zu seinem Weggang zum Grimme-Institut 2001 leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Benkku (10.06.2008, 20:32 Uhr)
Es ist vorbei +++
Gut, daß die Vorgängerin von der Bildfläche verschwunden ist. Jetzt erst, nachdem sich bestimmte politische Stimmen aufregen, weil der Wind aus der anderen Richtung weht, fällt es auf, wie wir damals von dieser perfekten Dame aus den gehobenen Kreisen an der Nase herumgeführt worden sind.
bestoff5 (10.06.2008, 17:56 Uhr)
F.Pflüger....
bei dem Mann kommt mir die Galle hoch.Einer dieser durchs Land vagabundierenden Polittrottel.Solche Leute braucht kein Mensch und unser Land ganz sicher nicht!
marie.therese29 (10.06.2008, 15:29 Uhr)
Recherche
Wenn man Anne Will mangelnde Recherche vorwirft, sollte man selbst gut (oder besser) recherchieren: Borris Brandt von Endmol mit "2 r", auch wenn's weh tut, und: Dresdner (ohne "e") Tafel e.V.
Benkku (10.06.2008, 14:21 Uhr)
Funktioniert wie geschmiert.
"Klipp und klar" vom rbb ist auch nicht mehr das was es einmal war, seitdem der Moderator Andreas Schneider ausgewechselt wurde. Woanders liest man: Andreas Schneider wurde neuer Redaktionsleiter der Sendung "ANNE WILL". Bezeichnend: Friedberg Pflüger sitzt beim rbb im Rundfunkrat, also eines Senders, der mit dem Moderatorwechsel ein unbequemes Programm entschärft hat. Jetzt trifft er auf dieselbe unbequeme Gestalt, die die Redaktion von "ANNE WiLL" leitet.
*
Besteht da etwa ein Zusammenhang? Ich hege nämlich den Verdacht auf politische Wühlarbeit, an der dieser Herr Pflüger nicht ganz unbeteiligt zu sein scheint.
bestoff5 (10.06.2008, 10:31 Uhr)
öffentlich rechtlich...
@stern leser 24
Dem ist wenig hinzuzufügen.Das ganze geht immer mehr in die Richtung große Volksverarsche.Nehmen wir mal das Beispiel "Hart aber Fair".Der Plassberg hat sich ebenso gewandelt wie alle anderen auch.So ist das wenn man meint nun zum Establishment zu gehören.Fakten werden nicht ausdiskutiert und die wirklichen Probleme gehen in einem großen Gelaber unter.
skink (10.06.2008, 09:31 Uhr)
Talken und Show = Talkshow?
Politische Talkshows im deutschen Fernsehen leiden darunter, dass es keine richtige Streitkultur gibt, dass Politiker weitgehende (im Wortsinn) Narrenfreiheit geniessen und dass Moderatoren meistens noch einen Kern an Herrschaftsgläubigkeit haben. Die einen talken (plaudern), die anderen machen (Personen-)Show. Auf der Strecke bleibt der Zuschauer, der Langeweile gegen Gebühren bekommt. Danke Kollege Gäbler, der Beitrag war nötig. Nur eine aufmerksamere Redaktion wünsche ich Ihnen beim nächsten Werk.
vegefranz (09.06.2008, 18:18 Uhr)
gäbler, das ist peinlich
Tegel und Tempelfof zu verwechseln ist schon superpeinlich. Im Übrigen ist das Grundproblem des journalistischen mainstream im allgemeinen und Will im speziellen nicht gut herausgearbeitet: Politiker werden - sofern sie irgendwie nach links gehören - hofiert. Dabei wäre es wirklich nicht so schwer, Lafon und dem schmuddeligen Herrn Rechtsanwalt die Populistenmaske herunter zu reißen
Alfok2 (09.06.2008, 17:31 Uhr)
Anne Will
Herr Gäbler hat sich viel Mühe gegeben - Fakten gesichtet und auch
teilweise ausgewertet...
Wirkungsvoller wäre es gewesen die
persönlichen Angriffe auf Herrn Pflüger zu unterlassen.
Es wirkt lächerlich, wenn der Autor
noch nicht einmal zur Kenntnis genommen hat, daß es sich beim "Flughafenkampf" um Tempelhof
gehandelt hat und nicht um Tegel !!!
Dumm gelaufen - gelbe Karte!
Herr Pflüger hat Recht - Frau Will sollte das machen was sie besser kann...Die ARD wäre gut beraten, die
Sendung in aller Kürze gründlich zu reformieren...
Das Konzept "Plasberg" ist aquch ein gutes Modell für den Sonntagabend.
CDU Politiker sehen manches durchaus
auch mal richtig - allerdings viel zu selten ! Hier jedenfalls paßt es
genau.
warumdennnicht (09.06.2008, 17:14 Uhr)
Über die Sendung von Frau Will ...
darf getrost diskutiert werden, schließlich geht es um GEZ-Gebühren und die Vortäuschung von Journalismus.
Nicht diskutabel sind meines Erachtens dagegen die unglaublich dummen Äußerungen eines Friedbert Pflügers. Würde er nur einen Millimeter der kilometerlangen Messlatte an sich selbst anlegen, die er in Bezug Moral und Lügen an Frau Will anlegt, dann wäre dieser Politiker einer sogenannten christlichen Partei nicht nur ständig mit lautem Bedauern auf den Lippen anzutreffen, dann hätte er sich schon längst schamvoll davon geschlichen und in ein Erdloch verkrochen. Denn diese Intelligenzbestie Pflüger sagte 2003, damals außenpolitischer Sprecher der CDU, wörtwortlich: "Ich weiß, dass die Bundesregierung weiß, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gibt. Diese Waffen sind nur gut versteckt!"
Herr Pflüger, sollten Sie so etwas Ähnliches haben wie moralische Verantwortung, Ehrgefühl oder einfach nur Mitmenschlichkeit empfinden, dann entschuldigen Sie sich bitte für Ihre Lügen bei den Hinterblieben von zehntausenden von toten Irakern, bei den Müttern unschuldiger, elendig ums Leben gekommener Kinder, bei den Hinterbliebenen der im Kampf gefallenen US-Soldaten.
Oder interessiert sie Ihr Geschwätz von vor dem Krieg nicht mehr? Wähler, bildet Euch Eure Meinung!
Stern-Leser24 (09.06.2008, 16:56 Uhr)
Talkshowgesabber
Ich stimme voll dem Beitrag von: Clibanarius (9.6.2008, 15:19 Uhr) zu.
Außerdem dienen diese Talkshows eh nur dem Wahlkampf und der Selbstdarstellung der geladenen Gäste, die auch noch ihre Anklatscher mitbringen dürfen.
Egal welches Thema, alles nur Augenwischerei!!! Es wird immer nur über andere geredet, wirklich betroffene werden selten geladen und sind meistens nicht rethorisch gefestigt. Sollte doch mal was gegensätzliches, oder wahrheitsgemäßes geäußert werden, unterbricht der Moderator/in doch sowieso und lenkt den Diskusionspunkt um.
Wer diesen Scheiß glaubt, der ist selbst dran Schuld.
Übrigens, diese Gangart wird von jedem Sender praktiziert, nicht nur von ARD/ZDF.
MEHR ZUM ARTIKEL
Die Medienkolumne Multikulturelle Selbstverstümmelung

Erst kürzlich riefen Vertreter von ARD und ZDF beim Integrationsgipfel dazu auf, mehr für die Zuwanderer zu tun. Nun macht der rbb, der ARD-Landessender für Berlin und Brandenburg, ausgerechnet seine Integrationswelle "Radio Multikulti" dicht. Ein Signal, das in die falsche Richtung geht. mehr...

RBB-Integrationsradio vor dem Aus Kulturszene kämpft für Multikulti

Hier wurden Künstler wie Shakira, Joy Denalane oder Gentleman entdeckt und gefördert. Doch "Radio Multikulti" soll eingestellt werden - genau wie das TV-Magazin "Polylux". Der Rundfunk Berlin-Brandenburg begründete die Entscheidung gegen seine Prestige-Programme mit Sparzwängen. Nun kommt es zu massiven Protesten. mehr...

Die Medienkolumne Abschied vom "Ossi"-Kommissar

Ausgerechnet der MDR, der bislang DDR-Nostalgie und Gegenwarts-Kitsch zu versöhnen suchte, nahm im achtzehnten Jahr der Deutschen Einheit einen schweren Einschnitt vor: Mit dem neuen Ermittler-Duo Eva Saalfeld und Andreas Keppler betritt der moderne "Großstadt-Single" nun auch die östliche "Tatort"-Bühne. mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft