Der blamabel gescheiterte Comeback-Versuch von Axel Schulz ist auch für das Fernsehen eine herbe Niederlage. Jetzt sind neue Ideen gefragt. Von Bernd Gäbler

Die Box-Brüder Vitali (r.) und Wladimir Klitschko kommentierten für RTL den Kampf© Bernd Thissen/DPA
"So ist das im Sport". Der arme Axel Schulz. Mit dem tapsigen Kerl, im Gesicht schwer gezeichnet, durfte man ausgiebig Mitleid haben. In der sechsten Runde war Schluss mit seinem "Comeback": technischer K.o. Er hatte sich wehrlos stehend verprügeln lassen. "So ist das im Sport", sagte RTL-Moderator Florian König zu den "traurigen Bildern", die wir spätestens ab der dritten Runde des Faustkampfes zwischen dem 38-jährigen Rückkehrer mit der "Fackelmann"-Kappe und einem bis dato unbekannten tatsächlichen Boxer anschauen mussten. Damit blieb König bei der Grundidee des übertragenden Senders RTL, die ganze Sache als ernsthaften Sport darzustellen.
Zwar ließ man nie Zweifel daran aufkommen, dass es keine gewöhnliche Sportveranstaltung ist, von der berichtet wird. Auch war klar: Der berichtende Sender ist auch zugleich der ausrichtende Veranstalter. Ebenso gab es an der Verteilung der Sympathien keinen Zweifel. Mit einigem Aplomb und aufwändigen Einspielfilmen wurde "Axel", der fast durchgängig geduzt wurde, dem Publikum nahegebracht. Brav beglaubigten auch die für ernsthaftes Boxen stehenden Klitschko-Brüder eine reale "Comeback"-Möglichkeit. RTL tat so, als ginge es um einen großen Boxkampf wie in vergangenen Tagen. In Bildsprache, Inszenierung und Ablauf zitierte RTL sich selbst.
Der Faustkampf als Lagerfeuer. Vom Kampf Mann gegen Mann verspricht sich das Massenmedium Fernsehen die "Lagerfeuer"-Wirkung. Hier geht es um alles: Schlagen und Aushalten, Physis und Psyche, Aufstieg und Fall. Das versteht jeder. Das zivilisierende Regelwerk sorgt dafür, dass eine Differenz bleibt zwischen Niederlage und Vernichtung. Die Kameras sind nahe dran und erfassen das große und ganze wie eine Oper. Als das Privatfernsehen ganz bei sich war, da stiftete Boxen auf RTL eine virtuelle Gemeinschaft. Den großen Kämpfen von Henry Maske schauten 18 Millionen Menschen zu. Noch immer sind solche "Events" das Ziel aller Fernsehmacher. Obwohl die Interessen der Zuschauer sich stärker differenzieren, wollen sie nicht nur zerstreuen, sondern versammeln. Aber so einfach ist das nicht mehr.
Mit Henry Maske war das Privatfernsehen ganz bei sich selbst. Dieser Effekt gelingt sicher nicht, wenn Timo Hoffmann oder Sascha Dimitrenko boxen. Solche Boxkämpfe sind mehr oder weniger beliebige Ereignisse. Damals, bei Henri Maske, sah man, wie es funktioniert: Die Identifikation mit dem Akteur war riesig, der stets akkurate ehemalige NVA-Offizier einte die Nation, holte das Boxen aus der Schmuddelecke und mystifizierte es als eine Art Schach mit Körpereinsatz. Seine Kampftechnik ließ kurze Kämpfe kaum erwarten. Auch das kam den Senderinteressen entgegen. Im Laufe der Zeit entstand für so einen TV-Abend eine ausgearbeitete Choreografie. Schon die Porträts der Duellanten schwelgten in prächtigen Bildern; Trainingsschweiß und Zeitlupe wurden selbstverständlich; zum Boxring gehörten Lichteffekte und pathetische Musik.
Als Kontrast zur opulenten Inszenierung aber kam mit Werner Schneyder ein Kommentator, der Distanz und sportliche Objektivität verhieß. Das war das Rezept. Damals schon war Axel Schulz in Grunde nur ein Nachläufer, der die Maske-Ära verlängern sollte. Die verheerende K.o.-Niederlage gegen Wladimir Klitschko am 25.September 1999 beendete die Karriere des ohnehin begrenzteren Boxers. Ähnliches entstand nicht wieder. Die Klitschko-Brüder brachten es nie zu vergleichbaren Identifikationswerten, selbst wenn sie gut boxten. Das tut zur Zeit außer Wladimir Klitschko nur noch Felix Sturm. Der Rest ist Abklatsch, Trittbrettfahrerei oder Farce.