29. Mai 2007, 12:50 Uhr

Boxen-Luder - TV im Sportsumpf

Als habe es gar keine andere Vergangenheit gegeben, werfen sich die Sportreporter des Fernsehens plötzlich in die Pose der empörten Sauber-Männer. Da haben Radsportler doch tatsächlich gedopt. Mal sehen, was beim Boxen geschieht - dort ist ja auch ein Sumpf zu vermuten. Von Bernd Gäbler

Ex-Weltmeister Nikolai Valuev an der Seite von Don King. King fungiert neben Valuevs Sauerland-Team in den USA als Co-Promoter©

Kennen Sie Adnan Catic?

Adnan Catic ist derzeit der einzige deutsche Boxer von internationaler Klasse. Er ist physisch hervorragend ausgebildet, der beste Techniker und kämpft inzwischen auch mit großer boxerischer Intelligenz. Nie gehört den Namen? Kein Wunder. Denn seine Manager haben ihm den Namen "Felix Sturm" verpasst. Sturm ist einer der Stars im Universum-Boxstall von Klaus-Peter Kohl. Klaus-Peter Kohl hat einst viel Geld verdient mit Spielhallen und Imbissbuden. Dann stieg er im Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) rasch auf vom Zeitnehmer zum Vize- und dann Präsidenten des Verbandes. Einer seiner Nachfolger wurde Mario Ohoven, Gatte einer heute "Charity-Lady" genannten Dame. Klaus-Peter Kohls bester Boxer war Dariusz Michalczewski, dem er den "Kampfnamen" "Tiger" verpasste. Vielleicht wäre der mit einem deutschen Namen auch noch beliebter geworden.

Denn eigentlich gibt es nur zwei deutscher Boxer, die je das Volk - und nicht nur das Milieu - begeistert haben: Max Schmeling und Henry Maske. Mit dem ehemaligen Offizier der NVA als kopfarbeitendem Gentleman-Boxer, der es abgelehnt hatte, sich als "weißer Tiger" vermarkten zu lassen, erreichte RTL Traumquoten. Seitdem hecheln alle anderen Sender - egal ob privat oder öffentlich-rechtlich - diesem Erfolg hinterher. Henry Maske war der Star im Boxstall von Wilfried Sauerland, der in verschiedenen afrikanischen Ländern, unter anderem mit dem Verkauf von Getränke-Abfüllanlagen viel Geld verdient hatte. Wenn es um Geld geht, bekämpfen sich Sauerland und Kohl mindestens so erbittert wie ihre Boxer. Als der Maske-Boom vorbei war, musste der Markt neu sortiert werden.

Sauerland (ARD) vs. Kohl (ZDF)

Sauerland hat die Gelegenheit schnell ergriffen und wurde zum ARD-Sender. Kein Mensch kennt die Verträge. Kein Kontrolleur weiß en detail, wie viel Gebührengeld zum Unterhalt der Boxställe draufgeht. ARD-Programmdirektor Günther Struve behauptet lediglich, dass dies in der Kosten-Nutzen-Relation - also in Kosten pro erreichtem Zuschauer - die günstigsten der erworbenen Sportrechte seien. Zunächst konnte Sauerland der ARD noch eine Fülle von Weltmeisterschaftskämpfen mit Sven Ottke und Markus Beyer anbieten. Letzterer ist immer noch aktiv. Beide dürfen - obwohl dazu nicht talentiert - bei der ARD als "Experten" fungieren, dass heißt jeweils nette Worte über ihre boxenden Stall-Kollegen sagen.

Von der anfangs praktizierten Übung, mit "Waldi" Hartmann nicht nur den Reporter, sondern auch gleich den Ringsprecher zu stellen, ist die ARD wieder abgekommen - es soll doch der Schein einer Differenz zwischen Veranstalter und Berichterstatter gewahrt bleiben. Zum Sauerland-Stall gehört auch der russische 2,13 Meter große Schwergewichts-Riese Nikolai Valujew. Dessen zirzensischen Wert hatte auch der König aller Box-Manager, der etwas verrückte US-Amerikaner Don King, erkannt und sich 50 Prozent der Einnahmen aus den nächsten Kämpfen gesichert. Er wollte (oder will ihn sogar noch) unbedingt auf den US-Markt bringen. Die Basis-Plattform dafür gab die öffentlich-rechtliche ARD ab. Also boxte in der ARD Nikolai Valujew gegen Don King-Boxer und gewann regelmäßig.

Dann passierte es: als er das erste Mal auf einen Nicht-Don-King-Boxer traf, verlor er prompt. Sieger wurde Ruslan Chagajew aus dem konkurrierenden Universum-Boxstall des Klaus-Peter Kohl. Der hat inzwischen mit Fritz Sdunek, Torsten Schmitz und Michael Timm die besseren Trainer an Bord und auch ein größeres Angebot an manierlichen Boxern vorzuweisen - von "Felix Sturm" bis Regina Halmich. Vorzeitig, bevor noch irgendwer auf den dummen Gedanken kommen konnte, da einmal genauer hinzusehen, hat das ZDF den Vertrag mit diesem Boxstall bis zum Jahr 2010 verlängert. So wie bei der ARD auch, sind selbstverständlich Volumen und Konditionen geheim. Sicher aber wird man jetzt bald die Versicherung hören, dass es verpflichtende Vertragsparagraphen gibt, gemeinsam dem Doping entgegenzuwirken. Das ZDF überträgt seit 2002 "exklusiv" die "Universum Champions Night".

Das insofern wichtig, weil Universum parallel auch noch Verträge mit Pro Sieben abgeschlossen hat, die dortigen Kämpfe aber gleich "Pro Sieben Fight Night" heißen.

Von dem anfangs gepflegten Brauch, an den jeweiligen Box-Abenden gleich das komplette "Sportstudio" als Rahmenprogramm an den Veranstaltungsort zu verlegen, ist man wieder abgekommen. Immerhin sitzt mit Günter-Peter Ploog wieder einen Kommentator am Ring, der sich wenigstens ab und an etwas kritische Distanz erlaubt. Als Reporter wurde René Hiepen, der übereifrig sogar noch mit den Hallen-Namen Werbung machte, durch den ehemaligen Judo-Kämpfer Alexander von der Groeben ersetzt, der herrlich sinnfrei im Insider-Jargon Sumo-Kämpfe übertragen kann.

Gegenüber diesem "dualen System" aus Universum und Sauerland - respektive ZDF und ARD - selbständig gemacht haben sich die Klitschko-Brüder, die eine eigene Vermarktungsfirma "K2" gegründet haben und mit dieser wieder vom ZDF zu RTL gewandert sind.

Als Kumpel des türkischen Schwergewichtsboxers Sinan Samil Sam, der einst in einem sehr umstrittenen Urteil gegen Luan Krasniqui verlor, den das ZDF durch eifrige Filmchen über Spätzle-Essen und schicke Herrenmode angestrengt eindeutschte, versucht sich Ahmet Öner mit dem eigen Stall "Arena" in die Szene zu drängen. Bisher hat er Verträge mit türkischen Sendern und Premiere abgeschlossen.

Bei aller Konkurrenz ist das Veranstalter-Milieu aber auch schön miteinander verzahnt. Einer der "Match-Maker", Jean-Marcel Nartz, Patenonkel von Sauerlands Tochter, ist von Sauerland zu Kohl gewechselt. Öner ist mit der Tochter des Universum-Trainers Fritz Sdunek verheiratet; Dietmar Poszwa, der den Universum-Schwester-Stall "Spotlight" führt, ist Klaus-Peter Kohls Schwiegersohn. Es ist ein wenig wie bei den "Freunden der Oper" - sie bekriegen sich, aber sind doch eigentlich alle eine Familie.

Informationen zum Milieu - Fehlanzeige

Erfährt man im Fernsehen etwas über diese Strukturen? Nein, denn es ist ja deren Bestandteil. Noch geht es gar nicht um Schlimmes, weder um enthüllte Manipulation, noch um Doping oder unlautere Geschäfte. Aber schon über die einfache Tatsache, dass Don King an Valujew mitverdiente und der russische Riese den ersten Kampf gegen einen Stall-fremden Boxer prompt verlor, erfuhren wir von der übertragenden ARD kein Sterbenswörtchen. Völlig distanzlos sprechen Reporter von Boxern als "Käpt'n Huck" oder "König Arthur", weil die Boxställe ihren Angestellten solche albernen Namen geben. Kritiklos beteiligen sich die Sender an dem Quatsch, ungefähr jeden Kampf einen Weltmeisterschaftskampf zu nennen. Sie verraten uns auch nicht, dass die jeweils auf der "Payroll" der Sender stehenden "Experten" einfach die dienstverpflichtete Kollegen der gerade Kämpfenden sind. Stattdessen tröstet im ZDF der Punktrichter Joachim Jacobsen mit der Erkenntnis: "Das Anrüchige, das dem Boxsport anhaftet, gehört einfach dazu". ZDF und ARD als Boxen-Luder. Und so flunkert die ARD: Ihr Landessender MDR hat den ARD-Vertragspartner Wilfried Sauerland porträtiert - als "Philanthrop" und "der Gentleman", ja als "Mr. Seriös aus dem Sauberland". Mal gespannt, wie lange es diesmal dauert - bis zu Widerruf und Selbstkritik.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Der_Knipser (30.05.2007, 15:25 Uhr)
Überzogene und ungerechtfertigte Kritik
Wer behauptet, dass Henry Maske und Max Schmeling die einzigen Boxer waren, die die Masse begeisterten weiß offensichtlich nicht viel über die Vergangenheit des Boxens.
Regina Halmich holt regelmäßig mehr Leute vor den Bildschirm als die Sportschau und die höchste Einschaltquote, die im Privatfernsehen je erreicht wurde (über 18 Millionen Zuschauer) kam beim Kampf Schulz - Botha zustande. Oder lautet die Argumentation etwa, dass 18 Millionen Deutsche zum Miljöh gehören?!
Von Boxkommentatoren Neutralität zu fordern macht ungefähr so viel Sinn wie Gerd Rubenbauer aufzufordern beim Spiel Deutschland - Argentinien bei einem Tor der Argentinier in Jubel auszubrechen.
Der Vergleich mit dem Radsport in Sachen Doping ist ebenfalls völlig überzogen. Können Sie mir den letzten deutschen Boxer nennen, der des Dopings überführt wurde?
Sicherlich sind die Entscheidungen im Boxen oft haaresträubend. Aber halten Sie es für weniger wettbewerbsverzerrend, dass Bayern München regelmäßig die besten Spieler der Liga aufkauft?
Das Interesse der Menschen kann diesem Sport sicher nicht abgesprochen werden und somit hat er genau so eine Daseinsberechtigung bei den öffentlich-rechtlichen wie die Bundesliga, die im übrigen eine viel höhere Gebühr pro Zuschauer kostet.
mitlaeufer1it (30.05.2007, 14:08 Uhr)
Boxen
Das boxen salonfeigt geworden ist bleibt ein räetzel.Diese ganoven ,schlaeger ,und zuhaelter freizeit legaliziertmord und tot schlag ist einem susammen kunft zwuischen die antike (RÖMISCHER GLADIATOREN) und die heutige geselschaft der hungrige ist nach blut und menchen ünwuerdige dahrstellung.Das verschweigt wird wie dieser gladiatoren voll gedopt im ring steigen und durch tausend vom wölfe als zuschauer gloriviziert werden ist teil dieser zerfleichung geschaeft. Oder komt kein im sinn das einer wie Mske im seiner alter 12 runde ohne gedopt zu haben uberstaet?.
oromer (30.05.2007, 10:13 Uhr)
Boxparodie
Es ist schon witzig zu sehen wieviel Weltmeister durch den Ring stürzen..Und auch so manches Urteil ist irgendwie witzig,aber ist es nicht jedesmal showtime.Und wer wenn nicht der Zuschauer kan dem entgegentreten,entweder durch den Ausknopf am TV-Apparat oder aber als belustigter Zuschauer,der wieder einmal die Sensation erwartet..
oromer
BurnOut (30.05.2007, 09:14 Uhr)
Sinnfreie Verschwendung...
von Gebührengeldern. Kennt man ja. Die Öffentlich-Rechlichen argumentieren sicher wieder, es gehöre zur Grundversorgung mit - ja was eigentlich? Unterhaltung? Kultur? Information? Wie auch immer, bei der Vielzahl von Verbänden (sind es 4?) die da mal alle lustig eigene Weltmeister stellen, kann man das doch irgendwie nicht für voll nehmen.
kritzlibaer (29.05.2007, 22:37 Uhr)
Schlagkräftiger Zirkus
Glaubt wirklich noch jemand ernsthaft an einen sauberen Boxsport? Bei Schmeling mag es noch so gewesen sein, vielleicht auch noch vor 10 Jahren bei Maske. Aber gerade der hat ja eindrucksvoll sein Showtalent erst kürzlich bewiesen.
Ich habe kein Problem damit. Es macht Spaß zuzuschauen. Zirkus eben. Nur sollten wenigstens die Öffentlich-Rechtlichen dies auch kenntlich machen. Sie arbeiten schließlich mit meinem Geld. Deshalb Dank für den Artikel.
Apropos Zirkus: Wenn schon, dann richtig: Schluss mit der Doping-Heuchelei! Gebt das Zeug frei! Leistungssportler sind unsere modernen Gladiatoren und das Volk verlangt wieder nach Spielen. Alle wissen, was sie tun. Was soll also der Zirkus?
MEHR ZUM ARTIKEL
Die Medienkolumne Unser Fernseh-Fußball - eine Saisonbilanz

In der Selbstbetrachtung des deutschen Fußballs gab es zum Saisonende hin noch eine interessante Wendung: Die Fußball-Bundesliga sei gar nicht so schlecht. Die besten Stadien, die meisten Fans, die wenigstens Schulden, das egalitärste System. Wie aber steht es um die Präsentation im Fernsehen?

Die Medienkolumne Die Große Show der Arbeit - das letzte Tabu

Das Fernsehen berät seine Kunden in allen Lebenslagen: beim Erziehen, Essen, Wohnen und Tanzen. In Shows und Ratesendungen winken Preise in Form von Geld ("Wer wird Millionär?"), einem Karriere-Start ("Big Boss") oder gar neue Karrieren ("DSDS"). Aber noch umkreist die TV-Unterhaltung ehrfürchtig ein Tabu: die Arbeit.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?