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15. Januar 2007, 12:00 Uhr

Das Scheitern der ARD

Die ARD und Günther Jauch konnten sich nicht einigen. Das lag nicht an Günther Jauch. In der ARD aber wollen einige dies gar nicht als Desaster wahrnehmen. Tatsächlich ist spürbare Desorganisation und Kakophonie Symptom für eine tiefe ARD-Identitätskrise. Von Bernd Gäbler

Ein öffentliche-rechtliche Anstalt versinkt im Chaos© ARD

Natürlich gibt es wichtigeres im Leben als die Frage, ob Günther Jauch in Zukunft im "Ersten" am Sonntagabend zu sehen sein wird. Aber für das Teilsystem Fernsehen ist dies nicht unbedeutend. Günther Jauch ist einfach der universellste Moderator dieses Mediums. Sein Erfolg hat nichts damit zu tun, dass die Leute blöd sind. Er ist ein Meister des Timings und der Stimmungen, der es sogar versteht, mit seiner Popularität einigermaßen stilvoll umzugehen. Jetzt hat er sich entschieden: Danke, das war's.

Es lag nicht an ihm. Liebend gern hätte er die Nachfolge von Sabine Christiansen angetreten. Aber die ihn wollten und schon früh den vermeintlichen Coup mit reichlich öffentlichem Feuerwerk feierten, sattelten drauf, diktierten immer neue Bedingungen, waren unfähig, Günther Jauch wenigstens willkommen zu heißen. Jauch lässt sich aber nicht knechten. Als allenfalls Geduldeten bekommt man ihn nicht. Das ist jetzt entschieden. Viele haben sich mittlerweile geäußert. Allmählich verzieht der Rauch. Konturen treten hervor. Die höfliche Absage Günther Jauchs hat etwas freigelegt. Sie ist Symptom für eine tiefe Identitätskrise der ARD.

Manche Kommentatoren sehen das Hin und Her anders. Sie hoffen und erwarten die Selbstfindung der ARD. Diese Analyse wäre zutreffend, hätte es innerhalb der ARD eine klar konturierte Fraktion gegeben, die den Jauch-Wechsel offensiv abgelehnt und damit eine Profildiskussion über "das Erste" verbunden hätte. Ihr Sieg hätte zur Besinnung auf ursprüngliche öffentlich-rechtliche Ziele führen können. Tatsächlich aber ist es völlig anders: Durchgesetzt haben sich Desorganisation, Kakophonie und Widersprüche.

Dass nun, nach dem Hin und Her, ARD-Obere noch fröhlich tönen: "Ohne Jauch geht’s auch" oder unbeeindruckt zu Protokoll geben, dass man auf den nun wirklich nicht angewiesen sei, zeigt nur, dass einige ARD-Leute gar nicht begreifen, was für ein Desaster sie angerichtet haben. Einkehr wäre die Voraussetzung für Umkehr.

Desorganisation. Das wäre selbst für die föderale ARD normal: Die Intendanten beraten, dass sie Jauch wollen, einigen sich auf Kriterien und ein Verhandlungsmandat. Selbst bei den Fußball-Bundesliga-Rechten schafft die ARD das inzwischen einigermaßen. Jauch verhandelte mit einem ARD-Programmdirektor (Günter Struve) und zwei Intendanten (Jobst Plog und Fritz Pleitgen). Die wollten ihn. Schnell einigte man sich über Geld, Werbung und Zuordnung. Dann aber zeigt sich, dass die ARD gar nicht präzise wusste, was sie wollte, außer: irgendwie Jauch und dann auf Dauer noch mehr Jauch. Aber zu ihren Konditionen und Gewohnheiten. Also wurde fröhlich draufgesattelt.

Als abstrakte Wahrheit ist es auch völlig richtig: Was Politik ist, gehört in den Beritt der Chefredaktion. Das gilt selbst für den privilegierten Kolumnisten. Das hätte man Jauch gut von vornherein sagen können. Das tat aber keiner. Dass sie das wollte, fiel der ARD erst später ein. Kein Wunder, denn der Chefredakteur versteht sich selbst ja lediglich als Koordinator. Für das, was jeder normale Chefredakteur zu tun hat, die Bestückung von Programmplätzen, die Abnahme von Formaten, richtet er dezentrale Arbeitsgruppen ein. Über manche Sendeplätze wird autonom von Fachgremien bestimmt: sei es die Sport- oder die Kirchen-Koordination. Je nach Kräfteverhältnis exponiert sich der Chefredakteur oder duckt sich weg. Er ist der Kopf in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit und aufgeregten Selbstbeschäftigung.

Da hätte eine Zuordnung gar nichts genutzt. Dass der ARD-Polit-Koordinator dann am Ende pikiert zum besten gibt: was Jauch mit "Farbenlehre" meine, sei ihm völlig unbekannt. Statt ihm einfach geistige Freiheit zu versichern, taucht ihn noch einmal in genau jenes Licht, das Günther Jauch als beengend befürchtet hatte. Als abstrakte Wahrheit ist auch völlig richtig: Mitbestimmung ist eine bedeutende Größe in der ARD.

Schmidt hat Sondervertrag

Als der willige Harald Schmidt in die ARD gelockt wurde, gelang ein mitbestimmungsfeindlicher Coup. Er erhielt einen Sondervertrag mit der ausgelagerten ARD-Tochter Degeto. Es war klar: Das ist nicht wiederholbar. Längst ist die ARD kein Angestellten-Fernsehen mehr, aber einheitliche Richtlinien für ihre frei agierenden Stars hat sie auch nicht. Günter Struve und Jobst Plog hatten diesmal tatsächlich vor, den Vertrag mit Günther Jauch durch neun Gremien zu bringen. Absurd! Da dürften den Beckmanns, Maischbergers und Pilawas ordentlich die Knie schlottern. Nein, doch nicht - sie wissen ja inzwischen, dass es mal so, mal so geht. Eben Desorganisation.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

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