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11. Oktober 2007, 09:14 Uhr

Der Hexenmeister der ARD

Seit 1992 amtiert Dr. Günter Struve als "Mister ARD". Den Nachmittag hat er zugeknallt mit Soaps, Tieren und Boulevard; Pilawa, Beckmann, Maischberger, Schmidt und Pocher zurückgekauft von den Privaten; Dokus und Polit-Magazine an den Programmrand geschoben. Um in die Geschichte einzugehen, muss er nur noch wenige Coups landen. Von Bernd Gäbler

Es geht eine beinahe diabolische Kraft von ihm aus: Als Programmdirektor der ARD hat Günter Struve in allen Landesanstalten seine Finger drin© Berthold Stadler/DDP

Ein Zauberer. Seit 1992 amtiert Dr. Günter Struve als ARD-Programmdirektor. Fürst ist er zu seinem Leidwesen nie geworden. Das sind die Intendanten. Er sitzt auf keinem Thron. Offiziell ist Programmdirektor fürs Erste, "Koordinator", Organisator verschiedener "Fachkonferenzen" und Arbeitsgruppen. Aber vom Platz zwischen allen Stühlen aus regiert er souverän sein Reich, das viele für den Kern der ARD halten.

Bei Problemen übernimmt er gerne die Verantwortung, aber andere müssen gehen. Bei der Schleichwerbung, von der er nie auch nur einen Hauch ahnte, wurde er von treuen Vasallen bitter betrogen. Bei Jan Ullrich hatte er zwar seine Unterschrift unter einen Geheimvertrag gesetzt, aber leider - kann ja mal passieren - versäumt, dessen Inhalt zur Kenntnis zu nehmen. Da war sein ohnehin schon belasteter Sportchef Hagen Boßdorf aber endgültig nicht mehr tragbar.

Dr. Günter Struve hat alle Fährnisse überstanden. Man kann ihn nur bewundern. Er hat das Programm professionell gemanagt wie kein Zweiter. Dazu gehört auch, dass man ihm selbstverständlich nie den naiven Vorwurf machen durfte, dass er den Quatsch, den er mit großem Wirbel auf beste Sendezeiten hievte, gut finden würde. Um Gottes willen! Er selbst würde natürlich lieber in die Oper gehen.

Aber das Publikum müsse man doch ernst nehmen. Dessen Diener sei er, geradezu ein Wunscherfüller der Menschen, die ja schließlich auch alles bezahlten. Zur Not konnte er aber auch eine Groschen-Serie wie "Rote Rosen" in geradezu Shakespear'sche Dimensionen hinein loben; Pfarrer Fliege, als der noch nicht über Bord gekippt worden war, zum bedeutenden, sanftmütigen Senioren-Therapeuten promovieren oder Fußball zum menschlichen Grundbedürfnis erklären. Dabei waren für ihn stets zwei argumentative Waffen elementar:

a) Die Abgrenzung nach unten: immer muss es irgendwo anders im Fernsehen etwas Schlimmes geben, auf das sich gut verweisen lässt. Aus Verantwortung und eingedenk des öffentlich-rechtlichen Auftrags werde man so etwas nie tun: z.B. Dschungelshows, "Big Brother" oder Pornografie
b) Lakonie: Die abgebrühte Lebenserfahrung macht es ratsam, nur ja nicht für irgendetwas feurige Begeisterung zu zeigen. Nachher geht e schief und es hängt einem an. Besser ist es stets, gepflegt Distanz zu wahren.

So wurde Dr. Struve zum unangefochtenen und unanfechtbaren Zauberer der ARD. Jetzt befindet er sich auf der Zielgeraden seiner schillernden Amtszeit. Den ein oder anderen Coup muss er rasch noch landen, dann wird das Ende zum Triumph werden. Nachfolgen werden ihm ohnehin Kleinere.

Das Zeitfenster

Die Möglichkeiten sind da. Das Bundesverfassungsgericht hat die öffentlich-rechtlichen Sender noch einmal ordentlich ermächtigt. Der Geldzufluss wird nicht stoppen. Die Gebühr bewegt sich solide auf 20 Euro zu. Die ARD ist mit weitem Abstand zum Verfolgerfeld der nach Bertelsmann zweitgrößte Medien-Mischkonzerns des Landes. Die Produktion von fast allen Programm, die die ARD jenseits der Nachrichten prägen, wurde ausgesiedelt - meist ohne Abbau beim Stammpersonal der Sender. Das Land ist überzogen mit einem Netz von produzierenden Tochterfirmen, die angeblich nicht quer subventioniert werden. Bis eine Definition von "Grundversorgung" vorliegt, die womöglich irgendeine Einschränkung bedeuten könnte, werden noch Jahre vergehen. Also heißt es: jetzt noch einmal aus dem Vollen schöpfen.

Der Arbeitsplan

Was also müsste Dr. Struve in seiner Logik tun, um für sich, für die ARD und insbesondere das Erste Programm in einem furiosen Schluss-Spurt noch mal das Beste herauszuholen?

Das Bayern-München-Prinzip

Bayern München hat immer davon gelebt, einfach durch mehr Geld die Besten von der Konkurrenz wegzukaufen. Pilawa, Beckmann, Maischberger, Schmidt, Pocher - das funktioniert auch beim Fernsehen. Oh, wie gerne hätte Dr. Struve doch noch Günther Jauch! Ohne weiteres ließe sich sogar "Wer wird Millionär?" als unterhaltsames öffentlich-rechtliches Bildungsprogramm verkaufen. Wen braucht er sonst noch? Jetzt kommt erst einmal Kleinkram: Was "C&A" lieb ist, ist der ARD teuer. Ob das schräge Pflänzchen Bruce Darnell von "Germanys Next Top Model" nach einem Umtopfen in die ARD-Muttererde auch noch so lustig die Handtasche schwenkt, steht zwar dahin, aber zur Not schadet so ein Transfer wenigstens der Konkurrenz. Kai Pflaume, der ohnehin nur "Nur die Liebe zählt" kann, darf gerne bleiben, Oliver Geissen auch - was der kann, kann auch Jörg Pilawa - Stefan Raab ist öffentlich-rechtlich nicht zu vermitteln, bleibt: Hape Kerkeling. Den braucht die ARD unbedingt - egal ob fürs Tanzen oder den Deutsch-Test - mit Hape Kerkeling ließe sich endlich der Einstieg in das ganze jugendorientierte Casting- und Selektions-Show-Gewese als sinnvoll und qualitätsbewusst verkaufen. Für beide lohnt es sich, ordentlich Milliönchen locker zu machen.

Die Bundesliga-Sportschau

Kaum einer weiß so gut wie Struve, wie wichtig der Sport für Quote und Zuschauerakzeptanz ist. Und Sport heißt Fußball. Henri Maske wurde ja gerade erst eingekauft und hilft nun zu vertuschen, wie sehr der Boxstall "Sauerland" die ARD gerade mit seinem Kirmesboxen an der Nase herumführt. Und bald geht das Bietertheater für die Bundesliga wieder los. Angeblich ruft der olle Leo Kirch schon 500 Mio. Euro pro Saison für alle Fußballrechte auf. Aber noch steht die ARD-Sportschau wie eine Eins. Die Vereine wollen sie, die Sponsoren wollen sie, wunderbar lässt sie sich als Dienst am sportbegeisterten Volk darstellen. Selbst "Bild" zieht da mit. Die Kosten werden explodieren. Egal. Und wenn die Sportschau alleine demnächst fast soviel kosten wird wie ein kleiner ARD-Sender, jetzt muss und wird es de facto eine Blanko-Vollmacht für die nächste Runde der Sportrechte-Verhandlungen geben.

Der Coup: Peter Kloeppel für die Tagesthemen

Die ARD soll sich nichts vormachen: egal wie rund die Soap-Nachmittage und Zoo-Serien (solange sie noch nicht bei "Spulwurm, Quallenflohkrebs und Co" angekommen sind), die Schnulz-Serien, Boulevard-Magazine und Degeto-Streifen, die "Event-Filme" und Talk-Schienen auch laufen, die Zuschauer sind zu alt. Das knabbert allmählich auch am Image-Kern "Tagesschau" und "Tagesthemen". Schon hat "RTL aktuell" nicht nur die jüngeren Zuschauer, sondern bekommt auch noch den Deutschen Fernsehpreis als "beste Informationssendung". Nun gut, das mag als Konzession an den Veranstalter der diesjährigen Preisverleihung durchgehen, ist gleichwohl ein Signal. Die ARD muss handeln. Der größte Coup: Tom Buhrow darf wieder als Korrespondent nach Washington, das hat er doch prima gemacht, und die ARD kauft für einen Betrag, über den Stillschweigen vereinbart wird, Peter Kloeppel auf Lebenszeit als Anchorman für die ARD-"Tagesthemen" ein. Und wenn das alles gelingt, heißt es am Ende nur: "Aus allen ARD-Konferenzsälen klang es lange noch, Dr. Struve lebe hoch!"

Richtigstellung: Aufgrund eines Hinweises seitens der ARD nehmen wir eine Korrektur vor und berichtigen gerne den sachlichen Fehler: Richtig ist: "Von 1999 bis 2002 und dann wieder ab 2003 gab es einen exklusiven Geheimvertrag zwischen der ARD und Jan Ullrich. Zuletzt erhielt der Radsportler dafür - inklusive einer leistungsbezogenen Komponente - 195.000 Euro im Jahr. Als das aufflog, übernahm Dr. Struve die Verantwortung..."

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
jhoschulz (10.10.2007, 09:47 Uhr)
Super "absolut unters Mittelmass"
Mich würde interessieren wie diesr Mensch zu seinem Dr.-Titel gekommen ist. In keinem Fall in Verbindung mit oder für seine Tätigkeit.Eindeutig Thema verfehlt!Wir haben unter riesigem Aufwand gegen die Gebühren Mafia unser Fersehen abgemeldet, bzw. sehen uns diesen Schund ( speziell ARD ) nicht mehr an. Wer dafür Geld bezahlt ist es selber schuld, wäre doch einmal angebracht bundesweiter Fernsehboykott um solche deorientierten Macher in die Schranken zu weisen.
ElPrimo (09.10.2007, 13:50 Uhr)
@ privat-tv
wobei wir wieder beim thema wären. wenn ich privat-tv net sehen will, meld ich mich ab und muss auch nix mehr dafür zahlen. ÖR muss ich trotzdem zahlen, auch wenn ichs nicht sehen will. das ist der kleine, aber feine unterschied...
atride (09.10.2007, 10:30 Uhr)
ein blick auf privat-tv mit dessen
grelldummen sendefäkalien versöhnt doch wohl schnell mit dem ör. dafür, dass sie es allen recht machen müssen, sind doch zum teil echte pralinen dabei. und ansonsten - glotze einfach mal abschalten...
RolfZinner (09.10.2007, 10:17 Uhr)
Im Namen der Zuschauer
Was von den öffentlich rechtlichen als Grundversorgung angesehen wird ist echt ein Witz. Schnulzen, Soaps, Shows und das alles für Zielgruppen jenseits der 50. Der riesen Konzern ist nicht in der Lage innovative Beiträge zu senden. Was für ein solches Programm spricht ist die zunehmende Überalterung der Gesellschaft. Was dagegen spricht ist die Gebührenfinanzierung. Warum zahlen alle Bürger für ein Seniorenprogramm? Warum wird nicht endlich der Zuschauer eingebunden. Und damit meine ich Zuschauer in jeder Altersgruppe.
Die Verschwendung der Gebühren wird immer offensichtlicher. Der Zorn der Bürger wächst und Struwe sollte sehen, dass er seinen Posten schnell abgibt, um nicht noch in Erklärungsnotstand zu kommen.
gehtdoch (09.10.2007, 09:20 Uhr)
geht nicht!
Mit Mittelmass zum Meister, das geht nur bei den ÖR.
michianso (09.10.2007, 09:07 Uhr)
Teufelskreis
Es gibt in der Tat nur ein Top-Pferd in der ARD auf das man setzen kann und sind die Nachrichten. Dass deren Zuschauer aber älter sind als die von RTL Aktuell liegt nicht daran, dass die Nachrichtensendungen der ARD gehaltloser oder weniger zutreffend sind, sondern seriöser, weniger spektakulär und weniger Boulevard-orientiert.
Hier zählen echte, wichtige Nachrichten. Hier ist es nicht von Belang ob Brad Pitt einen neuen Haarschnitt hat oder Britney Spears das Sorgerecht verliert. Aber - traurig aber offenbar war - das scheint es zu sein, was die Konsumenten wollen. Wenn man diesem Wunsch z.B. durch den 'Zukauf' eines Peter Klöppel und der Umgestaltung der betreffenden Sendungen erliegt, dann geht die letzte sehenswerte Sendung der ARD verloren, denn das weitere Programm ist es gar nicht Wort auch nur ein Wort darüber zu verlieren.
Nur eines noch: Der einzig wirklich wahre Coup, den Hr. Dr. Struve wahrhaftig in den Olymp heben würde wäre die ÖRs zu privatisieren. Ob die ARD damit einen Imagewechsel erzielen kann, sei mal dahingestellt, aber wenigstens hätte der Bürger etwas davon: Keine GEZ mehr. Die ARD würde auf der Beliebtheitsskala sicher steigen.
undjetztnochder (09.10.2007, 09:02 Uhr)
Versagt
hat der Herr Struve auf ganzer Linie. Also: entweder man kommerzialisiert und proletarisiert die ARD weiter, aber dann fällt irgendwann auch der Anspruch auf die von Zuschauern finanzierte Zwangsabgabe a la GEZ. Oder man kehrt zu dem hohen Niveau zurück, das man von einem öffentlich-rechtlichen erwarten darf und schielt nicht nur auf die Quote, macht dafür aber anspruchsvolle Programme und legetimiert sich darüber neu. Herr Struve hat seine Chance gehabt und die Sache ziemlich vermasselt, je früher er geht umso besser. Auf seinen Nachfolger wartet keine leichte Aufgabe.
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