Waren es wieder die Medien, an denen alles lag? Haben sie eine überflüssige, ja unpolitische Kritik an einer Person unzulässig dynamisiert? Oder war die Triebkraft im Schwank mit Edmund Stoiber und Gabriele Pauli doch politisch? Von Bernd Gäbler

Frau Pauli nutzt die Öffentlichkeit© Alexandra Beier/Reuters
Unter jenen, die sich publizistisch oder wissenschaftlich mit den Medien beschäftigen, grassieren gravierende Irrtümer: Schröder sei in erster Linie ein Medienkanzler gewesen; einer wie Adenauer würde es schon wegen seiner Talkshow-Untauglichkeit heutzutage in der Politik zu nichts bringen; vor allem die Fernsehbilder hätten die USA zum Rückzug aus Vietnam bewegt; immer häufiger ersetze eine richtige Medienstrategie politisches Handeln. Nichts davon stimmt. So wird man nur selbst wichtig. Tatsächlich sind die Medienphänomene von Fall zu Fall genau zu untersuchen. Auch wenn sie nicht Quell von Entwicklungen sind, sondern eine abgeleitete Größe, spielen Medien eine Rolle. Meist ist es so: Um Lawinen loszutreten, muss der Schnee schon locker sein.
Der soeben im Bayerischen aufgeführte Schwank, der sich mit einigen Qualen dann doch recht flott bis zum Rücktritt des bisherigen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber entwickelte, ist auch ein Lehrstück für die Politik und das Mediale - aber gerade nicht für den Primat der Medien.
Lassen wir das Theater kurz Revue passieren:
1. Akt: Auftritt Gabriele Pauli. Zunächst wirkt sie wie eine Nebenfigur. Nun gut, Landrätin seit einiger Zeit, wohl auch erfolgreich und mit gutem Wahlergebnis. Sie will nur eins und legt das völlig offen: der Herrschende muss weg! Darüber will sie reden. Säße die Herrschaft fest im Sattel, würde der Ruf rasch verhallen, die Landrätin nur noch nerven - sie bliebe Nebenfigur. Stattdessen:
2. Akt: Zur Herrschaftssicherung - eine Intrige. Die Herrschaft reagiert - wahrscheinlich wie gewohnt. Eine rasche Intrige soll die Nebenfigur abräumen. So etwas erledigt der Diener. Sein Arsenal: etwas schnüffeln, etwas denunzieren.
3. Akt: Die Gegenintrige scheitert - Frau Pauli nutzt die Öffentlichkeit. Damit hatte keiner gerechnet. Die eigentliche Nebenfigur macht die Herrschaftsintrige öffentlich. Jetzt erst gewinnt das Stück Fahrt, wird dynamisch. Jetzt interessieren sich die Medien: Die Gegenintrige wird skandalisiert, wirkt kontraproduktiv. Sie ist gemein, nicht die Rücktrittsforderung. Sofort zeigt sich: die herrschaftssichernde Gegenintrige liegt völlig schief - schon weil Frau Pauli gar nicht hinterhältig ist. Ab jetzt ist sie gefragt, betritt die großen Medienbühnen - von "Christiansen" bis "Hürriyet", von "Tagesthemen" bis "stern TV". Sie wird wer. Spürbar genießt sie das, vertritt aber glaubhaft, dass es nicht um egoistische Ambition, sondern um die Sache geht, das gemeinsame Wohl der CSU. Sie wirkt ehrlich, anders, bewundernswert. Wer hätte gedacht, dass solche Frauen mitten in der CSU leben und wirken?
4. Akt: Die Herrschaft reagiert, straft den Diener, verbannt ihn aber nicht vom Hofe. So bleibt sie defensiv und zweideutig, gesteht Schuld ein, aber doch nicht.
5. Akt: Die Herrschaft reagiert erneut und erklärt: "Ich bleibe bis 2013." Was als Offensive geplant war, geht erst recht nach hinten los. Selbst jene, die bis dato dachten, ohne Aufstand im Windschatten der alten Herrschaft nach oben zu treiben, sind nun brüskiert.
6. Akt: Massenszenen hinter den Kulissen und ein großes Palaver, das in einem Patt endet. Das große Gerede in Kreuth zeigt, dass es so nicht weitergeht, die Verschwörer aber noch immer nicht wagen, aus dem Gebüsch zu treten.
7. Akt: Querschüsse. Punktgenau wird - von wem auch immer - eine Enthüllung über das private Doppelleben eines potenziellen Nachfolgers lanciert. Jetzt geht es schon um die Verteilung des Fells des noch nicht erlegten Bären.
8. Akt: Der Pakt der neuen Führung. Auch das ist herrlich. Erst als der alte Herrscher Stoiber physisch nicht mehr da ist, wagen es die Nachfolger Beckstein und Huber endlich, aus dem Gebüsch zu treten und machen es unter sich.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.