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14. Februar 2007, 10:00 Uhr

Die Verschwörung der Falschbetoner

Früher, als Heinz Maegerlein fragte: "Hätten Sie's gewusst?", spielte das Bildungsbürgertum als Bezugsgröße des Fernsehens eine Rolle. Berichte und seriöse Nachrichten sollten auch sprachlich korrekt sein. Inzwischen aber wird nicht nur mit der Sprache geschludert, sondern neuerdings auch mit der Aussprache. Von Bernd Gäbler

Bei ihm hätte es das noch nicht gegeben: Früher schulte Ernst Huberty angehende Sportreporter, heute wird auf allen Kanälen falsch betont© DDP

Sprachfehler. Bastian Sick kritisiert Sprachfehler. Er macht das lustig. Gelegentlich auch hämisch. Obwohl er aus dem Korrektorat kommt, also von den Kollegen Journalisten keinen günstigen Eindruck hat, scheint es so als verorte er das Zentrum des Sprachmissbrauchs bei jenen Besitzern von Boutiquen und Würstchenbuden, die das Apostroph-"S" falsch setzen.

Woher kommen die Fehler? Ich habe eine andere Theorie. Nach meiner Beobachtung benutzen Medienmenschen eine eigene Sprache. Sie folgt Moden. Fehler breiten sich wellenförmig aus. Wenn das dem öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag verpflichtete Magazin "Titel, Thesen, Temperamente" über den Ort "Vogelsang" berichten will, an dem die NS Unheil anrichtete, heißt es in einem Programmhinweis: "Streitbarer Ort - was passiert mit dem NS-Ort Vogelsang?". Diese falsche Zusammensetzung von Adjektiv und Substantiv nach dem Vorbild des zweistöckigen Hausbesitzers, der längst auch in Nachrichten eingezogene Wildwuchs von zusammengesetzten Substantiven und falschen Steigerungsformen insbesondere bei schlechtplatziertesten, aber bestbezahltesten Sportlern hat mich auf die Spur gebracht: das Epizentrum der Sprachverwerfungen sitzt in den Sportredaktionen.

Sportives Stark-Deutsch. Es sind vor allem die Sportreporter, die emotional angestrengten Daumendrückerkolonnen, denen das normale, schlanke Deutsch mit seinen kräftigen Verben und farbigen Adjektiven nicht mehr reicht. Schon die Aufstellung einer Mannschaft wird inzwischen stets nachdrücklich angekündigt als "taktische Mannschaftsaufstellung". Ist eine Mannschaft zu Beginn noch nicht in Form, ist sie stets noch nicht auf Betriebstemperatur. Ein Spieler hat "muskuläre Probleme", Tore "mit Köpfchen" bleiben so aus - halt! Nein, nicht einfach Tore! Mit so einfachen, starken, kurzen Substantiven wie Tor, Sieg, Erfolg, Neid oder Abwehr ist unser Sportreporter längst nicht mehr zufrieden. Was manchen Mannschaften unbedingt fehlt, ist ein "Erfolgserlebnis", also etwas, das sich ein Subjekt sicher intensiver zu eigen macht als einen einfachen Erfolg. Statt an der Abwehr mangelt es am "Abwehrverhalten" im "Abwehrverbund". Nur so könnte aber die nötige "Euphorie" entstehen, damit gegen Ende nicht nur der Vorsprung verwaltet wird.

Neuerdings gibt es keinen zusammenfassenden Bericht in Sportschau oder DSF mehr ohne die Verwendung des Wortes "Körpersprache", auf das unweigerlich eine "breite Brust" zu folgen hat. Einer, der seiner Sprache nicht vertraut, beginnt jeweils mit dem Blödsinn, dann breitet er sich aus wie eine Epidemie. Keine Instanz verhindert das. Es müsste eine vierteljährlich aktualisierte Verbotsliste geben. Es gibt sie aber nicht, weil die Erfinder des sportiven Stark-Deutsch ansonsten verstummen würden. Dies sollen auch Moderatoren seriöser Sendungen nicht. Also müssen wir uns daran gewöhnen, dass etwas wechselweise "schon im Vorfeld in die Negativschlagzeilen geriet" oder "Kult wurde".

Betont falsch. Soweit, so ärgerlich. Längst nimmt man es hin. Nun aber gesellt sich zur falschen Sprache vermehrt eine falsche Aussprache. Vor einiger Zeit drohten Ärzte nicht nur regional zu streiken, sondern überall. Komischerweise wurde aus diesem Anlass quer durch die Nachrichten nicht mehr der Bund betont, sondern die Weite, als hätten Mediziner einmal ausnahmsweise nicht mit "bundes-engen" Streiks gedroht. Das setzt sich seitdem fort. Die "Bundeswehreinsätze" hörte ich schon mit Betonungen sowohl auf der "Wehr" wie auf "ein", als gelte es festzuhalten, dass da nicht zwei Sätze gemeint wären. Richtig niedlich klang es als ein Nachrichtensprecher die Beschlüsse auf einem "kleinen" Parteitag betonte. Was wird erst der große Parteitag dazu sagen?

Es liegt am Muskelfaserriss. Auf der Suche nach dem Quell des Übels wird man wieder bei den Sportreportern fündig. Früher fiel ein Spieler wegen eines "Muskelfaserrisses" aus - mit Betonung auf dem Muskel. Es könnte auch ein Muskelriss sein, nur reißt beim Muskel eben die Faser. Seit gut drei Jahren allerdings reißt allenthalben betont nur die "Faser". Ein Reporter des DSF betont stets so falsch, dass er neuerdings sogar bei "ge-troffen" oder "ge-schlagen" kraftvoll die erste Silbe betont, sie mit einer Pause vom Rest des Wortes absetzt und mit einem langen "e" unterstreicht. Der König aller Falschbetoner. Der König aller Falschbetoner aber ist ein ehemaliger Sportler, der inzwischen als Journalist arbeitet. Er hat sogar ein gutes Abitur gemacht, wird also keineswegs zu den Dummen bei jenen Jobwechslern gehören. Wahrscheinlich will er seinen TV-Job gewissenhaft ausüben. Nach ersten Gehversuchen hat sich Thomas Helmer einen Sing-Sang mit an- und abschwellender Lautstärke angewöhnt, der seinen Sätzen vermutlich Bindung geben soll, aber in permanent falschen Hebungen am Satzende mündet. Fast zwangsläufig zwingt dieser Sound dazu, die so geliebten zusammengesetzten Substantive unbedingt falsch zu betonen. Früher schulte Ernst Huberty all diese Job-Wechsler. Wo ist er jetzt? Ist er erkrankt? Jetzt wird er gebraucht, sonst brechen alle Dämme.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
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