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4. September 2007, 18:12 Uhr

Fiese Models und verklemmte Freaks

Mit mittelprächtigem Erfolg in der jüngeren Zielgruppe sendet ProSieben seit einiger Zeit dienstags um 21.15 Uhr eine in pseudo-dokumentarischem Stil gehaltene Show, die zwischen Styling-Tipp und Therapieangebot changiert. Tatsächlich ist dies zurzeit Deutschlands fieseste Sendung. Von Bernd Gäbler

Monica Ivancan und Jana Ina sind zwar keine Topmodels, kümmern sich aber "rührend" um ihre Freaks© ProSieben

Ohne Zorn soll man eine Sache untersuchen. In diesem Fall fällt das schwer. Zu alt, zu abgebrüht ist man normalerweise, um sich über Hervorbringungen des Fernsehens noch zu erregen. Das hieße ja, sie ernst zu nehmen. Im Falle von "Das Model und der Freak" ist es anders. Ich empfinde die Sendung als so unendlich gemein, dass jede Jugendschutzinitiative gegen Bushido-Texte sich dagegen vergleichsweise mit Kinkerlitzchen befasst.

Die Grundidee. Es geht um eine Verwandlung. Wie immer wird aus dem hässlichen Entlein ein Schwan. Aber nicht von einem "Coming Out" wird erzählt, sondern von einem "Coming In". Die erzählte Wandlung ist eine Geschichte der Einpassung. Am Ende entspricht der erleichterte Proband jenen jugendkulturellen Normen von Selbstbewusstsein und Attraktivität, denen man angeblich genügen muss, um nicht Außenseiter zu sein.

Der Freak. Ein junger Mann ist schüchtern, verklemmt, sozial isoliert, hat einen Spleen, den Eigenheit zu nennen schon eine Untertreibung wäre, und unbedingt Probleme auf dem Feld von Erotik und Sexualität. Da soll Abhilfe geschaffen werden. Am Ende ist er "ein anderer Mensch" geworden. Es soll ausdrücklich nicht darum gehen, dem Probanden nur eine strubbelige Frisur, schickere Klamotten oder eine schräge Brille zu verpassen. Nicht allein die Fassade soll erneuert werden, sondern dessen humane Substanz. Zu diesem Zweck lässt der Kandidat manches mit sich anstellen. Wer ängstlich ist, muss zum Beispiel mit dem Fallschirm springen, wer besonders schüchtern ist, muss einen Gipsabdruck vom nackten Hinterteil einer attraktiven jungen Frau nehmen.

"Konfrontation" nennt dies eine sonore Off-Stimme und tut so, als handele es sich um eine erprobte Therapieform. Man hofft nur, dass es in jedem Fall um TV-typische Übertreibungen geht. Wird also verkündet, dass der gerade vorgestellte junge Mann sich aus Gründen des Selbstschutzes ausschließlich in einer mittelalterlichen Ritterrüstung auf die Straße wagt, hofft man, dass hier nur ein etwas kurioses Hobby von den TV-Leuten ausgeschlachtet wird. Denn sonst müsste dieser junge Mann tatsächlich sofort in eine fachlich ausgewiesene Behandlung und jede Minute Dreh mit ihm und den "Models" wäre einfach ein völlig unverantwortlicher Missbrauch. Unfassbar ist, mit welchen Worten die jungen Männer und ihre Probleme jeweils dargestellt werden. Schon die offene Bezeichnung eines Menschen als "Freak" weist die Richtung: Hier geht es nicht einfach unhöflich oder unverschämt zu, sondern frank, frei und unverblümt wird eine Sprache herrenmenschlicher Verachtung gepflegt.

Das Model. Als Model werden jeweils zwei junge Frauen vorgestellt, die zum festen Inventar der Sendung gehören und den Wandlungsprozess initiieren, begleiten, anfeuern und kommentieren, also die Funktion des Katalysators einnehmen. Auch hier stimmt die Bezeichnung "das Model" nicht. Erstens sind es immer zwei, mit denen es der Proband zu tun bekommt - beziehungsweise in deren Fänge er gerät. Zweitens hat er es nicht mit jungen Frauen zu tun, die den Beruf "Model" pflegen, also zum Beispiel mit Naomi Campbell, Heidi Klum oder auch Kolleginnen geringeren Ruhms Mode vorführen oder über Laufstege schreiten, sondern ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie sich schon einmal gegen Geld haben nackt fotografieren lassen.

Sie werden wohl "Model" genannt, weil sie eine sehr bestimmte Art Sexiness verkörpern. Diese Art Sexiness hat viel mit Körpermaßen und Mode zu tun - und einem daraus resultierenden Selbstbewusstsein. Die jungen Frauen tragen ihren Sex stolz vor sich her, wie sie eine teuer erworbene Handtasche schwenken. Die Idee, dass sexuelle Ausstrahlung auch mit Persönlichkeit verbunden sein könnte, mit Lebenserfahrung, Interessen oder Haltungen, verkörpern sie nicht. Ganz schlimm wird es, wenn sie den noch unbearbeiteten Ist-Zustand des Probanden kommentieren: "Geht gar nicht" ist da das Harmloseste. Als einer erzählt, er gehe gern in Ausstellungen, werden sofort Kotz-Bewegungen imitiert; das sei etwas für Opas, total langweilig.

Als einer sich am Ende willig und stolz alles hat anziehen lassen, was "die Models" ihm aus den einschlägigen Boutiquen zusammengestellt hatten, und sich noch eine klotzige Brille verpassen ließ, erntete er großes Lob: Jetzt sehe er echt aus, als würde er in einer Werbeagentur arbeiten. Das sind so die Ideale. Die jungen Frauen können mit dem Hintern wackeln, aber kein Deutsch. Mit falschen Fällen und Verbformen artikulieren sie völlig ungeniert ihre Abscheu vor den noch nicht zurecht getrimmten Jungs. Das mag an der Herkunft liegen - Jana Ina und Monica Ivancan heißen zwei der eingesetzten "Models". Aber leider entspricht die sprachliche Schwäche den geistigen Interessen.

Nun muss nicht jedermann das Hobby haben, die Feuilleton-Artikel von Patrick Bahners zu entschlüsseln, aber einen etwas weiteren Horizont als Party machen, schicke Klamotten, "Promis" und toll aussehen dürfen doch auch junge Leute haben, die erst einmal fröhlich und optimistisch die Welt erobern wollen. Wenn schon nicht über Bücher, vielleicht reden sie ja miteinander über Filme, Reisen, Erlebnisse. Die unfassbare geistige Dürre der "Models" verblüfft erst recht, seit bekannt ist, dass eine von ihnen die Lebensgefährtin des Oliver Pocher ist, der sich demnächst zumindest in die Nähe Harald Schmidts zu bewegen beabsichtigt.

Ideale. Die gepredigten Ideale, zu deren hingebungsvollem Bekenntnis die "Problem-Jugendlichen" hinsozialisiert werden sollen, sind nicht einfach nur dümmlich, sondern sie entsprechen stromlinienförmig den gerade marktgängigen Konventionen von attraktiver Jugendlichkeit. Hier werden nicht Empfehlungen gegeben, nicht ein paar Tipps, sich typgerechter zu kleiden oder besser zu frisieren, sondern hier wird letztlich als nachhaltig positive Persönlichkeitsänderung ausgegeben, was eine individualitätsbereinigende Geschmacksdiktatur ist.

Toleranz-Erziehung. Man könnte darüber lachen. Die Sendung ironisch nehmen. Einfach als ein weiteres Beispiel des zahlreichen Fernseh-Quatsches. Dies würde funktionieren, gäbe es keine Bulimie; wären nicht so viele Mädchen unglücklich, nur weil ihr Hintern ein bisschen dicker ist als der jener TV-"Models", wären nicht so viele Jungs allein, nur weil sie etwas ernsthafter sind als die Scharen der feucht-fröhlichen Partygänger.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 34)
 
Yamatho (06.09.2007, 11:55 Uhr)
Pharisäer?
Jetzt wollen wir mal nicht die Empörten mimen, bei allem Gutmenschentum müssen wir anerkennen, das dieses Sendeformat mit einfachen Gesetzmäßigkeiten der Partnerwahl spielt: Männer wählen nach Optik, Frauen nach Versorge- und Schutzpotenz (und etwas nach Optik), Männer sind sich für einen Akt zu kaum etwas zu schade http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,503601,00.html. Was wir von den handelnden Akteuren und Aktricen dargestellt bekommen sind Stereotype, die nichts mit den dahinter stehenden Menschen zu tun haben. Klar halten Sie uns (euch auch?) einen unbequemen Spiegel vor, aber genauso wenig, wie ich das Sendeformat auf Schmutz reduziert sehen möchte, möchte ich die "Models" als Dummbeutel oder die "Freaks" als Fashionvictim-Victims diffamiert lesen. Bei aller künstlich erzeugten Asymmetrie: Alle verdienen gutes, einfaches Geld (auch durch euren Wirbel) und erhöhen Ihre persönliche Erfolgs- (und Jagd-) Bilanz. Wieso könnte bei uns erfolgreichen Eroberern da Zorn entbrennen? Die Debatte erinnert mich ein bisschen an die lächerliche Prämisse aus der Schulzeit: "Sie muss vor allem einen guten Charakter haben." Und: Kein "Freak" verliert doch seine Wesensmermakmale, nur weil er probehalber mit einer klotzigen Brille balzt? Gruß an Olli Pocher :-)
4thmelvin (06.09.2007, 06:25 Uhr)
Hot boobs
Manchmal denkt man ja doch kurz, schade, daß die Prügelstrafe abgeschafft wurde.
Twipsy (05.09.2007, 19:18 Uhr)
Anregung
Sehr guter Artikel, leider werden die Freak-Models (so nenne ich sie mal) ihn nicht lesen, denn schon der erste Satz enthält einen Nebensatz und ist somit viel zu uncool. ;) Ich habe eine Anregung. Letztens wurde hier über die Unsinnigkeit des Dt. Fernsehpreises geschrieben. Führen wir doch - vgl. mit den "Razzies" in Hollywood - einen Anti-Preis ein! Zeit wirds. Als Kategorien fallen mir ein: Meschenverachtenste Coaching-Show (s.o.), dreisteste Gebührenverschwendung, am schlechtesten kopierte US-Serie, unverschämteste Call-in-Show, schlechteste Daily-Soap, etc... was fällt euch ein??
toob911 (05.09.2007, 19:14 Uhr)
Schauspieler
Ein entscheidender Punkt wurde in diesem Artikel nicht thematisiert: Sind die Freaks "Schauspieler"?
Man findet einige Indizien dafür jedoch konnte ich diese mittels Internetrecherche nicht entsprechend untermauern.
Ich würde mir schon wünschen, dass der Verfasser auf diese Frage eingeht.
Phil_undso (05.09.2007, 18:09 Uhr)
Danke!
Für diesen guten Artikel. Ich würde mir wünschen diese Sendung würde öffentlich stärker kritisiert werden. Ich teile Ihre meinung 1:1
Vikar (05.09.2007, 16:58 Uhr)
Dinge...
die die welt nicht braucht!
chashmir (05.09.2007, 16:28 Uhr)
bäh
zum glück gibt es beim tv ein und aus tasten!!!!schade ist nur, das dies scheinbar zu wenig leute wissen und sich daher lieber solche sendungen ansehen.wer da letzendlich der freak ist, bleibt offen...
Malt (05.09.2007, 15:14 Uhr)
Konditionierung...
...heißt das Zauberwort. Hier wird doch nur das fortgesetzt, was bei Taff etc. dem "Bürger" tagtäglich suggeriert wird: Nämlich das man dieses und jenes braucht, um "cool" zu sein, dass nur diese und jene Marke "hip" ist und dass es der letzte Schrei ist, sich heute hier, morgen da tätowieren zu lassen. Die Opfer kann man z.B. sehr gut an den noch vorhandenen "Arschgeweihen" sehen. Dies sind jetzt die modischen überbleibsel einer riesigen und immer größer werdenden Gleichschaltungsmaschinerie!
RomanTicker (05.09.2007, 13:55 Uhr)
mannmannmann
Einen so niveauvollen Artikel hat diese Show nicht annähernd verdient. Durch diesen Artikel bekommt sie außerdem mehr Aufmerksamkeit als ihr zusünde. Das ist der Paris Hilton Effekt.
Im Grunde muss man nur den Titel der Sendung kennen, dann weiß man bereits, dass die Sendung unterste Qualität ist. Mir genügten ein paar Ausschnitte, um mich davon abzuhalten auch nur mal reinzuschauen. Aber das ist kein Grund gleich die ganze TV Landschaft zu denunzieren. Es gibt ja durchaus noch anspruchsvollere und gute Sendungen. Auch Kinder und Jugendliche können heutzutage vom TV profitieren, wenn sie nur von den Eltern ein wenig beachtet werden. Denn wenn die Eltern den TV Konsum ihrer Sprößlinge zumindest zum Teil beeinflussen, dann sehen sie gute Sendungen wie "Die Sendung mit der Maus", "Kopfball", "Quarks & Co" und von mir aus auch mal "Galileo".
Tom3 (05.09.2007, 13:04 Uhr)
Logische Entwicklung
Die Zielgruppe dieser Sendung ist sicherlich nicht das, was man als Bildungsbürgertum bezeichnet.Mich würde interessieren, wer sich sowas ganz anschauen kann.Wobei ich nicht glaube,das diese Sendung gute Quoten hat.Ich habs auf jeden Fall schon drei mal versucht, halte dass dann nach spätestens 10 min nicht mehr aus.Aus Sicht der Sender ist so eine Sendung aber sehr lukrativ,wenig Produktionskosten,ein bisschen Quote u. viel Medienrummel.Das nennt man wohl in Fernsehmacherkreisen Geschäftssinn. Aber das hier nur Nachgestellt wird, was in jeder Schule (auch schon zu Großvaters Zeiten) 100 mal täglich abläuft, nämlich das die "Coolen" über die "total uncoolen" lästern, bzw. genau diese Abgrenzungsgefühle provozieren, stört keinen.Mich auch nicht,wieso denn auch.Spätestens meine eigenen Erfahrungen lehren mich, dass sowas auf lange Sicht betrachtet immer auf Kosten derer geht,die eh keine eigene Meinung haben u. gespannt auf den neuen Trend warten,ob er jetzt von einem Schulfreund herangetragen wird oder vom Fernsehen ist doch egal.In einer Leistungsgesellschaft in der wir nun einmal leben zählt letztlich nicht,ob man gut ausssieht,zumindest nicht bei den Jobs,bei denen man Kariere machen kann,dort schaut der/die Personalchef/in schon mehr darauf was in einem steckt.Da nützt es dann auch nichts,wenn man von Kopf bis Fuß wie ein vermeintliches Model aussieht.Wenn man sein Leben auf die Schwerpunkte stützt,die uns die beiden Models vorleben,dann muss man das halt auch logisch zu Ende denken.Wenn ich mich nur für Mode u. Trends u. Party interessiere dann wird aus mir halt kein Bänker oder Arzt,dann werd ich halt sehr viel wahrscheinlicher Verkäufer oder Kassierer und träume weiterhin vom Traumberuf Model.Wer dann den Traum nicht aufgeben will wird in unserer heutigen Medienlandschaft schon seine Sendezeit eingeräumt bekommen.Das ironische daran ist,wenn man dann an diesem Punkt angkommen ist,hilft es den Betroffenen auch nicht mehr, dass sie so gut gekleidet sind,denn dann sind sie nur noch etwas Wert,wenn sie sich nackig machen.
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