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11. September 2007, 12:12 Uhr

Herr Kenntemich kann nicht kommentieren

Obwohl er vielen Zuschauern längst auf die Nerven geht, genießt der "Tagesthemen" - Kommentar in den ARD-Sendern besondere Aufmerksamkeit. Er soll subjektiv, klar und meinungsstark sein. Leider kann nicht jeder, der es tut, gut kommentieren. Besonders einer nicht: der Chefredakteur des MDR. Von Bernd Gäbler

Wolfgang Kenntemich ist Chefredakteur des MDR und verwendet in seinen Kommentaren gerne blumige Bilder© MDR/Jehnichen

Vorfahrt für Chefredakteure. Chefredakteure gehen vor. Fast immer, wenn er will, darf Wolfgang Kenntemich, Chefredakteur des MDR, deshalb auch kommentieren. Manchmal, besonders in den Sommermonaten, muss er sogar ran, weil viele Chefredakteurskollegen im Urlaub sind. Das Thema und der Kommentator werden in der mittäglichen Schaltkonferenz der ARD-Sender bestimmt - von der Sendungs-Kritik am Tag danach ist er allerdings ausgenommen. Mal entscheidet man sich für Fach-Kommentare, dann spricht zum Beispiel der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über die Vogelgrippe, meist aber sind Generalisten gefragt. Chefredakteure stechen Ressortleiter aus. Nur bei gleichem Rang in der Hierarchie kann es zu Kampfabstimmungen kommen. Das wird meist durch Telefonate vorab vermieden.

Der Kenntemich-Sound

Wenn der MDR-Chefredakteur abends in unsere Wohnzimmer spricht, entfaltet er stets einen besonderen Sound. Es soll hier gar nicht um seine Meinung gehen, sondern um seinen Gestus und seine Sprache. Er schaut ernst und klingt so:

"Glückliches Deutschland? Also ein bisschen Freuen ist durchaus berechtigt. Die bisher maßvollen Tarifabschlüsse haben deutsche Unternehmen wieder wettbewerbsfähig gemacht und viele machen sogar satte Gewinne. Und weil wir Arbeitnehmer den Gürtel enger geschnallt haben (...) . Also: "Her mit der Kohle!", denken sich nicht nur die Lokführer. Der Beifall scheint beiden gewiss: den Politikern, die mit sozialen Wohltaten die Stimmung beim Wähler aufbessern wollen, aber auch den Arbeitnehmern,(...), die jetzt nach dem großen Schluck aus der Pulle dürsten. Aber weder der Silberstreif am Konjunkturhimmel noch der wachsende Zuspruch für Sozialromantik à la Lafontaine sollten uns täuschen: (...) der globale Wettbewerb bleibt knallhart und viele Unternehmen haben längst nicht alle Schularbeiten gemacht." (Tagesthemen vom 5. Juli)

Vielleicht hatte er ja wenig Zeit, vielleicht weigert er sich, einen sprachbegabteren Kollegen gegenlesen zu lassen - aber man muss nicht so pingelig sein wie Wolf Schneider, um zu erkennen: hier ist ein Phrasenkönig am Werk.

Immer ist der Wettbewerb knallhart, sind die Gewinne satt - selbst vor dem Schluck aus der Pulle und dem Silberstreif am Horizont scheut er nicht zurück.

Auch für das "Blutbad in der Roten Moschee", das in Pakistan stattgefunden hat, greift er kommentierend in die bereitstehende Kiste gängiger Begriffe:

"Die Besetzung der Roten Moschee war in Wahrheit ein Fanal. Die Atommacht Pakistan ist längst zum gefährlichen Pulverfass geworden. Der Staatschef in Generalsuniform als Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird. (...) Die Lunte am Pulverfass Pakistan glimmt weiter." (Tagesthemen vom 11. Juli)

Schlechte Formulierungen sind keine Ausrutscher

Zum Glück bleiben die Kommentare ja neuerdings im Internet erhalten. Da merkt man: Das ist nicht schlechte Tagesform, es sind keine einmaligen Fehltritte. Gegen soziale Wohltaten poltert Herr Kenntemich in seinem Starkdeutsch sogar, wenn es gerade um den Schießbefehl geht. Da zeigt der ärgerliche Kommentator auch, wie gerne er die rhetorische Figur verwendet, die Wolf Schneider den "fünfstöckigen Hausbesitzer" nennt. Bei ihm ist es nicht das Haus, aber der Balken tut es auch.

"Es ist schon ein Skandal, wie ausgerechnet am Tag des Mauerbaus vor 46 Jahren über den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze diskutiert wird. Da wird wieder relativiert, heruntergespielt, beschönigt oder gar geleugnet, dass sich die historischen Balken biegen." (Tagesthemen vom 13. August)

Wenn einer zufrieden ist, ist er bei Herrn Kenntemich "mehr als zufrieden", wenn ihm etwas recht ist, ist es ihm selbstverständlich "mehr als Recht" (ebd.).

Unterhalb von Skandal ergreift Herr Kenntemich übrigens gar nicht erst das Wort.

Wenn in Afghanistan Bundeswehrsoldaten getötet wurden, beginnt Herr Kenntemich so:

"... steht vor allem eines fest: Wir können und dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen!" - (ach !) Er findet den Bundeswehreinsatz richtig und möchte, dass er fortgesetzt wird - "aber das ist nicht zum Nulltarif zu haben" (wer hätte das gedacht !). Warnend spricht er auch zu den Gegnern seiner Meinung: "Wenn wir alle auch nur einen Funken von Verantwortung und Moral verspüren". (alle Zitate: Tagesthemen vom 21. Mai) In ihm lodern diesbezüglich nämlich Feuer!

Kraftvolle Worte kaschieren mangelnden Inhalt

So liebt es Herr Kenntemich, mit großen Worten offene Türen einzurennen. Damit nicht genug. Meist glaubt er, es gehöre zu einem politischen Kommentar, auch recht konkrete politische Vorschläge zu machen. Manchmal ahnt er, dass diese Vorschläge so großartig nicht sind - umso kraftvoller werden dann die Worte:

"Angesichts der zunehmenden terroristischen Bedrohung braucht die Bundesregierung dringend einen Masterplan, der Risiken und Perspektiven des Einsatzes benennt." (TT vom 21. Mai)

"Damit Afghanistan nicht vollends im Chaos versinkt, muss dringender denn je ein deutliches Signal gesetzt werden: eine neue Afghanistan-Konferenz ist überfällig." (TT vom 2. August)

Nun: Masterplan und Konferenz sind deutliches Signal und überfällig, aber andererseits gilt - mit Kenntemich - stets auch: "Alles Lamentieren und Konferieren wird am Ende nichts nützen, wenn wir das eigentliche Problem nicht lösen." (TT vom 23. August zu Mügeln)

Und so zieht Herr Kenntemich die Lehre aus Mügeln: "Jeder von uns muss sich engagieren mit Mut und Zivilcourage gegen jede Form von Gewalt." (TT 23. August) Wo er recht hat, hat er eben mehr als Recht.

Der Chef

Ob er ein guter Chefredakteur ist, wissen wir nicht. Es mag sein, dass er im Sender die richtigen Entscheidungen trifft, die richtigen Leute mit den richtigen Aufgaben betraut und tolle Vorlagen für seine Gremien schreibt. Womöglich ist er ein sehr agiler Entscheider. Wir urteilen nur aus Zuschauerperspektive über das, was wir sehen. Und da ahnen wir: dieser Chefredakteur will kein Weichei sein.

Die Sprache

Der Sprache des Kommentierenden merkt man an, was sie unbedingt sein möchte: kraftvoll und selbstgewiss. Dass da einer eine feste Meinung Millionen Zuschauern vorträgt, macht ihn nicht schüchtern oder demütig. Nie ist die Sprache tastend, abwägend, vorsichtig oder elegant. Man kann in Kommentaren auf Widersprüche hinweisen, eine Haltung vorschlagen, etwas zur Diskussion stellen, zum Nachdenken anregen. So ein Kommentar muss deswegen nicht kraftlos werden. Es kann darin sogar eine Leichtigkeit verborgen sein. Wolfgang Kenntemich aber spricht seine Kommentare als seien sie Dekrete.

Die Mimik

Zur Sprache passt die Mimik. Der Mann ist immer ernst. Mehr noch: ernst und eindringlich. Er guckt uns an, als breite sich gerade eine Giftwolke über ganz Deutschland aus und wir müssten sofort Türen und Fenster schließen. Dabei reicht es, den Ton abzudrehen. Man sollte die Transkripte der Kommentare des Herrn Kenntemich in der Volontärsausbildung einsetzen: zur Abschreckung.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
profilneurosa (14.09.2007, 10:37 Uhr)
Großes Kompliment für Gäbler
Wunderbar! Endlich bekommen diese Lauschwätzer mal gepflegt einen mit! Die Phrasenkönige und Plattitüdenschrauber versauen die deutsche Sprache, und sie werden leider auch noch vor die Kamera gelassen. Ich arbeite auch bei einem Fernsehsender und haue jedem Mitarbeiter solch bräsigen Schwachsinn an den Texten... zum Glück ist Herr Kenntemich nicht mein Chef...
SKRunge (12.09.2007, 13:43 Uhr)
Herr Kenntmichnicht
Lieber Herr Gäbler, da haben Sie aber den Nagel genau auf den Kopf getroffen, bzw. dem Herrn Kenntmichnicht kräftig eins auf die Fresse gegeben. Hoffentlich bringt ihn die Lektüre ihres Beitrags zum Nachdenken und ihm geht endlich mal ein Licht auf am Ende des Tunnels damit er einen Silberstreif am Horizont sieht. Ich bin sicher, er ist ein mit allen Wassern gewaschener Chefredakteur und läßt seine Leute niemals im Regen stehen oder gar in die Traufe kommen. Also: dran bleiben am Ball.
sportartmakler (12.09.2007, 13:22 Uhr)
danke sokrates
ich hätte auf jeden fall auch getippt das hier eine persönliche geschichte dem autor aufstößt. warum bekommen solche beschissenen /neidzerfressenen artikel (wenn man das geschreibsel so nennen möchte) nur immer wieder eine plattform? wenn das journalismus sein soll hat der herr gaebler seinen abschluß wohl auf ner abendschule binnen zwei wochen gemacht.
@Nobilitatis - kommentare zum kommentar deuten im regelfall immer auf die höchste intelligenzform hin. ich ziehe meinen hut!
Nobilitatis (12.09.2007, 11:11 Uhr)
@sokrates 123 oder so
Lieber Beinahe-Philosoph!
Diese krude Mischung aus Groß- und Kleinschreibung ist genau das, was Sie hier zum Besten geben: Wirr!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Einer, der noch mit der deutschen Sprache umgehen kann.
sokrates321 (12.09.2007, 10:30 Uhr)
PURER NEID !

jemand fragt hier in diesem "STERN"- forum: " wer? ist eigentlich dieser bernd gaebler" .. das ist leicht beantwortet:
gaebler war noch in den 80ern bundesvorsitzender (!!) des, der DKP sehr nahe stehenden "marxistischen studentenbundes spartakus" - als der herr wolfgang kenntemich bereits chefredakteur war - bei der "ddp" und danach bonn-bueroleiter bei axel springer fuer 'BILD' und 'BamS' !!!

DAHER !! "" weht der wind"" !! der gaebler als ex-kommunist bei 'spartakus' und herr w. kenntemich bei axel springer fuer 'BILD' und 'BamS' in bonn.. !!

lange davor, zu seiner zeit als bundeswehroffizier war herr w. kenntemich schon " presseoffizier " !!! herr w.kenntemich ist bereits seit 1991 chefredakteur des mdr fernsehens..

ein posten, den ein beim 'grimme-institut' gescheiterter bernd gaebler NIE und niemals erreichen konnte - und wird.. ( = purer neid ist die folge)

gaebler ist nicht kompetent, einen w.kenntemich zu kritisieren! gaebler arbeitete fuer SAT 1 bei "schreinemakers live" und anderen mittelmaessigen tv-formaten..
gaebler ist nicht kompetent, ueber herrn kenntemich zu urteilen. als GESCHEITERTER "grimme" instituts-leiter... /
unter seiner instituts- "leitung" bekamen sogar VIVA moderatoren (!!)den "grimme preis"! ( war vom ex- 'chef vom dienst' bei 'schreinemakers' nicht anders zu erwarten!)

gaebler zitiert oft und gerne den journalisten-guru 'wolf schneider' .. gaebler sollte mal besser das buch 'grosse verlierer' von wolf schneider lesen.. dort steht viel ueber menschen wie gaebler!! ..
Hannes73 (11.09.2007, 19:42 Uhr)
Wieder so eine Art von Rausschmiss?
Also, ich hab das mit dem Kenntemich nie so gesehen. Ich habe sogar gern hingehört, wenn er sprach.
Und wer ist eigentlich dieser Herr Gäbler, der nun so eine Art Todesurteil über ihn ausspricht? "Kraftvolle Worte kaschieren mangelnden Inhalt", schreibt er. Ob das nicht auch auf seinen Kommentar selbst zutrifft?
Was ist es also, was der Kenntmich verbrochen hat. Vielleicht seine Worte zu Mügeln: "Jeder von uns muss sich engagieren mit Mut und Zivilcourage gegen jede Form von Gewalt."? Das darf im Fernsehen so natürlich nicht sein. Er hätte sagen müssen " ... gegen jede Form von rechtsextremer Gewalt", denn die Sache muss von vornherein klar sein, Gewalt kommt eben immer nur von rechts.
Nach dem Rausschmiss der Eva Herman hat man eben so seine Befürchtungen, wenn beim Fernsehen nun weitere Personen geschasst werden sollen. Oder hat es mit der Fernseh-Gebührenerhöhung zu tun? Da werden die Jobs beim Fernsehen ja jetzt noch interessanter. Vielleicht macht sich dieser Herr Gäbler mit diesem Kommentar schon deswegen so bemerkbar.
Corum (11.09.2007, 18:12 Uhr)
Pffff....
....nur weil die Ausdrucksweise dem achso gebildeten intellektuellen Autor mißfällt wird mal kräftig draufgehauen.
Endlich mal jemand der sich nicht hinter pseudo-intellektuellen Politchinesisch versteckt, sondern auch mal etwas konkreter seine Meinung zum Ausdruck bringt.
Pffff....
Twipsy (11.09.2007, 17:43 Uhr)
Lieber Herr Gäbler,
zu Ihrem Kommentar kann ich nur sagen: Chapeau! Sie sind wirklich ein Meister ihres Fachs! Neulich sah ich den Kommentar von Herrn Gottlieb, der angesichts der versuchten Terroranschläge dringend Onlineuntersuchungen forderte, denn darüber auch nur zu diskutieren, sei mal wieder typisch deutsch!
Also: Bevor hier in Deutschland gedankenlos Grundrechte ausgehebelt werden wie im dritten Reich (DAS wäre früher typisch deutsch gewesen!), oder nach dem 11.9. in USA, wird hier erstmal diskutiert. Aber Hauptsache mal die große Keule rausgeholt!
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