Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

In eigener Sache - Nachrichten als Werbefläche

Es gibt viele schlechte Sitten im Journalismus. Diese hier greift erst in jüngster Zeit stärker um sich: die als absolut seriös und unabhängig geltenden Nachrichtensendungen werden hemmungslos genutzt zur Reklame in eigener Sache.

Von Bernd Gäbler

Die News verweisen auf den Spielfilm, der realistischer sei. Jüngst geschah in "RTL aktuell", der Hauptnachrichtensendung des Kölner Senders, in der Peter Kloeppel stets um die Duftmarke der Seriosität bemüht ist, etwas Eigenartiges. Es jähre sich ein schwerer Unfall auf einem Campingplatz, betextete eine Reporterin ihren Beitrag. Allerdings sei nicht mehr viel davon zu sehen. Ein Kameraschwenk bestätigte dies. Um eine realistische Vorstellung zu bekommen, müsse man unbedingt den Spielfilm am Abend anschauen, den RTL sende. Es folgten einige Sequenzen daraus mit Explosionen und vielen Flammen. Die Reporterin begnügte sich als nicht damit, in der Nachrichtensendung für den kommenden Spielfilm Reklame zu machen, sondern bescheinigte diesem auch noch einen höheren Realitätsgehalt als den nüchternen News. Ohnehin war dieser Jahrestag nur wegen des fiktionalen Produkts in die News gerutscht. Kein anderer Sender machte ihn zum Thema.

Der Sehschlitz der Sender.

Dies ist inzwischen nicht mehr ungewöhnlich. Die alte Regel hieß: Nachrichten müssten nach ihrer Relevanz gewichtet werden. Zur Relevanz trat als Kriterium bald das vermutete Zuschauerinteresse. Es gab sogar Chefredakteure, die sich den Schlachtruf: "Interessant geht vor relevant" zu eigen machten. Neuerdings folgt die "Nachrichtenselektion" - ein Begriff, über den Medienwissenschaftler gerne sinnieren - zusätzlich häufig einem noch simpleren Gedanken: was ist für unseren Sender wichtig? So entfernen sich allmählich auch jene Nachrichtensendungen, die als Hort von Objektivität und Unabhängigkeit gelten, von ihrem Ideal. Die Welt wird angeschaut durch den Sehschlitz der Bedürfnisse des eigenen Senders.

Die Gewichtungen im Sport. Mag sein, dass dies nicht entscheidend ist, aber eine Veränderung bezüglich der nachrichtlichen Objektivität ist an der Sportberichterstattung gut zu erkennen. Die Sportwelt sieht aus der Sicht von "RTL aktuell", "Tagesschau" und "heute" (nebst "Tagesthemen" und "heute-journal") jeweils völlig anders aus. Bei RTL dominiert die Autorennen Formel 1 allen Sport, während das ZDF in seinen News selbst völlig irrelevante Boxereien adelt, wenn diese nur auf der eigenen Welle übertragen werden. Immer häufiger schaltet das ZDF auch mitten in den Nachrichtenformaten kurz zu Reportern in Stadien und Boxarenen, die eigentlich erst später etwas zu sagen haben. Das ist "audience flow" statt Information.

Politik.

Jedes einigermaßen ergiebige Politiker-Interview aus "Berlin-Mitte" wird nach Zitierfähigem geflöht und dann vorab durch die Nachrichtenmaschinerie geschickt; befragt Maybrit Illner gar Josef Ackermann und der antwortet sogar mehr als nur Floskeln, steigert sich das zu einem fast orgiastischen Vorab-News-Stakkato. Enttäuschend, wenn die am Ende der Schlange dann doch noch zur Ausstrahlung kommenden Interviews dann tatsächlich kaum mehr enthielten als vorab schon gemeldet wurde. So verpufft gesteigerte Vorlust. Mehr als alle anderen Sender würdigte die ARD auch in "Tagesschau" und "Tagesthemen" die RAF und den Jahrestag des "Deutschen Herbstes". "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust mutierte gar zum Autor eines Beitrags für die Hamburger ARD-Nachrichtenzentrale, sein Rechercheur Helmar Büchel durfte am Freitag vor Ausstrahlung des RAF-Zweiteilers aus dem Hause "Spiegel-TV" in der ARD Tom Buhrow und dem "Tagesthemen"-Publikum noch einmal erklären, was Tolles zu erwarten sei. Mit Nachrichten hat das wenig zu tun - mit Reklame viel. Einfache Trailer und Programmhinweise aber werden als das wahrgenommen, was sie sind. Nachrichten dagegen werden aufmerksam verfolgt und ernst genommen.

In eigener Sache. Manches Aktuelle aber betrifft ja auch die Sender selbst. Über was aber berichtet wer wie? Frank und frei, als sei dies höchste Staatspolitik, berichten "Tagesschau" und "Tagesthemen" über Moderatorenwechsel bei ARD-Sendungen, die für wichtig erachtet werden. Das ZDF wirkt etwas zurückhaltender. Fast dreist stellt die ARD bei Preisen aller Art stets die eigenen Preisträger in den Vordergrund. Natürlich ist ein wichtiges Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Gebühren eine Nachricht wert. Auch wird niemand erwarten, dass die ARD nun Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu Wort kommen lässt. Aber dass selbst Caren Miosga, die doch wahrlich mit Sprache umzugehen weiß, plötzlich tremoliert, hier gehe es "um nichts Geringeres als die Rundfunkfreiheit" wirkt aufdringlich. Im Kontrast dazu steht: Als der NDR Eva Herman herauswarf, machte manche Zeitung damit auf, in Rundfunknachrichten und Boulevard-Magazinen wurde berichtet - nur der ARD erschien dies nicht berichtenswert.

Der Experte vom Schreibtisch nebenan.

Schön ist es, wenn Journalisten etwas von dem verstehen, worüber sie berichten. Der eine kennt sich mit Sozialpolitik aus, der andere mit Verteidigungspolitik. Gut so. Man kann auch innerhalb von Nachrichtensendungen Journalisten, die etwas Besonderes herausbekommen haben oder Korrespondenten vor Ort befragen. Neuerdings aber gibt es folgende Mode: die beim Sender angestellte Nachrichtenmoderatorin interviewt brav ihren Vorgesetzten, zum Beispiel den stellvertretenden Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen. Der aber ist längst zum "Terrorismus-Experten" promoviert worden. Was einen "Experten" ausmacht, ist ohnehin unklar. Diese Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Und warum in die Ferne schweifen, wenn der Experten-Schreibtisch steht so nah. Im Gegenzug hat auch die ARD ihren stellvertretenden Studioleiter in Berlin, Joachim Wagner, der vor kurzem noch "Großbritannien-Experte" war, feierlich zum "Terrorismus-Experten" ernannt. Bleibt alles im eigenen Hause, sind die "Experten-Meinungen" auch viel besser plan- und kalkulierbar. Wenn sie dann noch auf einen Film hinweisen, der bald kommt - wunderbar!

Korrektur? Fehlanzeige!

Die Sender haben entdeckt, dass gerade die Nachrichtensendungen schöne Plattformen sind für cross-promotion, Programmhinweise und seriös wirkendes Selbstlob. Das funktioniert gut. Durch die Bank finden sie das unheimlich geschickt. Die Macher kommen sich listig vor. Sie unterliegen keiner Kontrolle außer dem eigenen Gefühl, es nicht zu übertreiben. Dass sie dabei das gute Image der TV-Nachrichten nachhaltig schädigen, ist ihnen zunächst herzlich egal. Kritik wehren sie eifrig ab. Aber es gibt keinen anderen Mechanismus, der zu Korrekturen führen könnte.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools