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4. August 2008, 13:00 Uhr

Invasion der Phrasen

Lässiges Geplapper war einst jugendlichen Radiomoderatoren vorbehalten. Nun scheinen auch seriöse Nachrichtensendungen im Meer der Phrasen zu versinken. Ständig "lehnt sich jemand aus dem Fenster" oder "rudert zurück". Damit soll jetzt "mehr als" Schluss sein. Von Bernd Gäbler

Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga hat die Invasion der Phrasen unter Kontrolle - sie ist leider eine der wenigen© Thorsten Jander/AP

Ach, wäre es doch schön, wenn einmal jemand all diesen Moderatoren, die sich im Fernsehen tummeln, wenigstens die ein oder andere Basisinformation über die deutsche Sprache und deren Grammatik geben könnte: Dass zum Beispiel auf "Mannschaft" die Verbform im Singular folgt, auch wenn es viele sind, die eine Mannschaft bilden. Oder dass man nicht zum Kollegen überleitet, weil der noch ein paar "sportliche Meldungen" vorliegen hat, wenn dieser dann Meldungen zum Sport vorliest. Oder dass das Wort "Mädchen" in unserer Sprache - man mag es kurios finden - tatsächlich sächlich ist. Benutzt man es, geht der darauf folgende Satz also nicht mit dem Personalpronomen "sie" weiter, sondern mit "es". Das wisse doch jeder? Nein, es vergeht kein Tag im Fernsehen ohne diese Fehler. Wer sich darüber noch aufregt, müsste das Programm als Ohrenfolter empfinden.

Sprachkritik als unzeitgemäße Pedanterie

Wollen wir also nicht unrealistisch oder gar beckmesserisch sein. Wer an der verwendeten Sprache Kritik übt, setzt sich ohnehin dem Verdacht aus, ein konservativer Knochen, ein miesepetriger Pedant oder ein humorloser Zausel zu sein. Zumindest aber keine Ahnung von der Jugend oder der Popkultur zu haben. Sei's drum. Mögen sie reden, wie sie wollen: Im Sat.1-Frühstücksfernsehen, im Morgenmagazin des ZDF, in der WDR-"Lokalzeit", bei "Taff" oder im Sport. Die Hoffnung, das Meer der Phrasen - von der "Seele, die stets baumelt" bis hin zur "Kanzlerin, die zurückrudert" - jemals auszutrocknen, haben wir aufgegeben. In Moderationen und Filmbeiträgen wimmelt es nur so vor "Leidenschaft pur" und Leuten, "die in die Negativschlagzeilen" gerieten.

Früher gab es Ausbilder, die Texte redigierten. In den Redaktionen gab es Fibeln mit Sprach-Leitlinien, sogar Listen mit Ausdrücken, die tunlichst zu vermeiden waren. Heute scheint das Motto "Einfach drauflos quatschen und auch noch Geld dafür kriegen", das die jugendliche Moderatorin Miriam Pielhau einst auf ihre Homepage stellte - universell geworden zu sein. Man könnte darüber lachen, man könnte darüber weinen. Aber in beiden Fällen würden wir uns fühlen, als bestünden wir auf etwas, was doch längst passé ist. Es könnte verzweifelt wirken. Aber das sind wir gar nicht: Wir lassen sie laufen, die Flut der Wörter, der Wendungen und Irrungen, die sich über uns ausschüttet.

Heikler Jugend-Jargon

Nur - und daran halten wir fest - in den Nachrichtensendungen soll es sprachlich nicht so anarchisch zugehen. Die Sprecher sollen eben nicht reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern wie es der Verstand erfordert. Wer von uns ernst genommen werden will, soll auch uns ernst nehmen. Könnte man sich darauf nicht mit den Machern einigen? Caren Miosga hat sicherlich kein Problem mit der Sprache. Tom Buhrow schon eher. Sobald es kompliziert wird, ist "heikel" seine Lieblingsvokabel. Claus Kleber und insbesondere Dunja Hayali empfinden es dagegen als ihre Mission, die Grenzen zwischen ernsten und unterhaltenden Informationen einzureißen und sie tun ihr Bestes, sich dem vermeintlichen Jugend-Jargon anzupassen.

Gerne darf Sprache originell sein - sie soll es sogar sein. Aber schlampig ist eben nicht originell. Eine Verführung mag in den vielen Nebenjobs der Moderatoren liegen, für die es gutes Geld gegen schlechte Vorbereitung gibt. Wenn Tom Buhrow, dessen Haupthaar-Teppich deutlicher zugenommen hat als die Sprachkompetenz, beispielsweise bei der "Jugend forscht"- Preisverleihung in Bremerhaven seiner Assistentin für die unauffällige, aber hilfreiche Mitarbeit danken will, sagt er, diese habe ganz toll "unscheinbar" gearbeitet. In dieser Art liegt er häufig ein bisschen daneben. Sprachliche Präzision ist seine Sache nicht.

Stark nur durch Verstärker

Im Grunde ist es ein riesiger Fortschritt in der Geschichte unseres Landes: Ein Großteil unserer Bevölkerung kann nicht nur sprechen, sondern auch schreiben. Wunderbar! Dass sie uns inzwischen auch alle medial beglücken - nun ja, so ist wohl der Lauf der Dinge, wenn sich immer mehr Medien als "Bürgermedien" verstehen. Natürlich verändert sich dadurch unsere Sprache. Aber könnte man nicht wenigstens versuchen, einen einzigen, letzten Damm noch zu errichten und die beiden folgenden sprachlichen Auswüchse nicht zuzulassen?

Selbst in der ARD-"Tagesschau" vergeht kein Tag mehr ohne das grauenhafte Füllsel "mehr als". Keiner ist einfach nur "erfreut", "zufrieden", "bestürzt", "besorgt" oder "begeistert". Nein, alle sind "mehr als" das. Warum? Weil Autoren, die so texten, ihren eigenen Worten nicht mehr trauen. Sie haben das vage Gefühl, ihren Worten könnten sie mehr Kraft verleihen, wenn sie einen Verstärker vorsetzen. Das ist falsch. Und das wiederum ist eine stärkere Aussage als die Behauptung, sie lägen damit "mehr als falsch".

Mit ebenso großer Begeisterung bedienen sich Moderatoren der Phrase "im Vorfeld". Wie Barbaren arbeiten sie daran, die schönen deutschen Wörter "vor" und "vorher" auszurotten. Alles findet "im Vorfeld" statt. Jüngst gab es eine Ausgabe der "Tagesschau", in der diese Floskel gleich dreimal hintereinander vorkam. Unbewusst wird hier eine vage Ortsbestimmung in eine zeitliche Bestimmung umgemodelt. Denn das Feld ist weit - wann und weshalb da etwas genau stattgefunden hat, muss man beim Überblicken dieser Landschaft nicht wissen. Die Formel passt also wunderbar zum üblichen journalistischen Gestus.

Seriös ohne Floskeln

Liebes "heute-journal", liebe ARD-"Tagesthemen", liebe Frau Slomka, Frau Miosga, Herr Kleber und Herr Buhrow, vielleicht auch Herr Gniffke und Herr Brender als Verantwortliche hinter den Kulissen, könnte man sich nicht auf einen Minimalkonsens einigen? Dieser könnte lauten: Keine seriöse Nachrichtensendung mehr, in der etwas "im Vorfeld" geschehen war oder jemand "mehr als betroffen" ist. Es wäre ein kleiner Schritt für die Menschheit. Man darf gespannt sein: Wann gibt es die erste Sendung, die ganz ohne diese beiden Floskeln auskommt? Der Autor wäre nicht "mehr als zufrieden". Er wäre zufrieden.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 25)
 
figaroo (05.08.2008, 12:05 Uhr)
sehr schön - bitte mehr..
so wahr dieser artikel ist - er schreit nach einer fortsetzung. Reden wir doch auch über den Inhalt. Herr Kleber langweilte uns gestern in den ersten 25% seiner sendung mit Herrn Clement. Hat die Welt nichts wichtigeres zu bieten? Fast schon entschuldigend leitete er dann auch über: "auf der Welt ist noch weiteres wichtiges, vielleicht sogar noch wichtigeres passiert.." und landet beim thema Aids..
also: bessere Form UND besserer Inhalt bitte...
ach und Mr. Pommeroy: zu den floskeln zählt übrigens auch seine eigene Meinung als "unbestritten" darzustellen... ohne je selbst überprüft zu haben, ob etwas unbestritten sind - im gegensatz zu verkehrstoten, sind nämlich tote passiv-raucher ausschließlich theoretisch daran gestorben..und zwar noch weit theoretischer als an smog, stress, dick sein, bewegungslosigkeit und was man sonst so wohlstandskrankheiten nennt..
sportartmakler (05.08.2008, 11:13 Uhr)
jaja, die jugend
der verfall der sprache, man könnte auch von einer sich immer wieder verändernden sprache sprechen, aber das würde sich wohl nicht so dramatisch anhören, ist ein thema unter vielen wo sich die generationen und deren geister scheiden, nicht mehr und nicht weniger. das witzige an der sache ist das erscheinen auf einer plattform, die normalerweise ein gegenlesen geardezu verteufelt....
volle zustimmung zu pommery und monsieuralex
MonsieurAlex (05.08.2008, 09:56 Uhr)
Sprache als Massenablenkungswaffe? Ja natürlich, aber es gehören immer zwei dazu:-)
Die Klage über den Verfall der Sprache ist so alt wie Sprache selbst. Das atemlose Geplapper unserer Medien und Poltiker klingt allerdings mittlerweile irgendwie immermehr nach dem Pfeifen im Walde. "Es ist was faul im Staate Dänemark!"
troller (05.08.2008, 08:36 Uhr)
MrPommeroy
(gähn): Die Foren übers Rauchen sind zwei Türen weiter...
Und die für Oberlehrer in der Etage darunter...
Augen auf beim Eierkauf :-)
MrPommeroy (04.08.2008, 17:48 Uhr)
loempia07
Danke für diesen Kommentar: einfach lustig, ein wenig naiv und zur Belustigung geeignet.
Zitiere Sie
"und Politiker diskutieren am Sonntag bei Collien Fernandez. Oder irgendeiner anderen Viva-Maus, die sich durch ihre Konfektionsgröße qualifiziert hat."
Dieses, Ihres Denken ist die genau die geistige Minderleistung, die mir Vergnügen bereitet, mich über Sie lustig zu machen.
Als ob das Gequassel bei Anne Will irgendeinen, aber nur irgendeinen Wert hätte. Ganz im Gegenteil: Es gaukelt eine informiert-intellektuelle Debatte vor, die an Volksverdummung nicht zu überbieten ist. Da wäre mir eine Viva Maus mit pubertierender Direktheit, etwas klaren Menschenverstand vorausgesetzt, lieber. Die würde vielleicht mal klare Fragen stellen. Stellen Sie sich vor, die hätte gefragt: „Herr X/Y, Sie sind für eine Raucherlaubnis in Gaststätten. Ich war in einer Krebsklinik und habe Menschen mit Lungentumoren schmerzvoll sterben sehen. Das Passivrauchen ist unbestritten ein hohes Risiko für Lungenkrebs. Erklären Sie mir mal, mit welchen Recht ich Passivrauchen ausgesetzt bin. Ich erwarte eine klare Antwort aus dem gesunden Menschenverstand heraus, kein Gefassel der über Gesetzgebung oder ähnlichem.“ Und dann hätte sie so lange nachgefragt, bis ihr eine Antort darauf verständlich geworden wäre. Na, das wäre eine Sendung geworden, da hätte es sich tatsächlich einzuschalten gelohnt.
loempia07 (04.08.2008, 17:31 Uhr)
Danke für diesen Artikel!
Einfach treffend, wunderbar und längst überfällig!
.
Hinzufügen möchte ich noch eine Phrase, die ebenfalls zwanghaft angewendet wird. Sobald es um die Königin von England geht, folgt zwingend IMMER die Feststellung, die Queen sei "not amused" gewesen". - Egal, welchen Inhalt die Nachricht hat.
.
Obwohl ich es in diesem Forum schon einmal schrieb, muss ich es noch einmal loswerden: Vermutlich sehen wir uns in naher Zukunft die Tagesthemen mit Gülcan Kamps an und Politiker diskutieren am Sonntag bei Collien Fernandez. Oder irgendeiner anderen Viva-Maus, die sich durch ihre Konfektionsgröße qualifiziert hat.
MrPommeroy (04.08.2008, 17:16 Uhr)
Wie wäre es mit Schoppenhauer TV??
(hoffe, das DoPPel hat nicht wehgetan). Nur für Hörer, ZuSEHER, die des deutschen Schachtelsatzes auch mächtig sind und sich durch ein Freizeit Germanisten Studium als würdig erwiesen haben. Alle anderen bleiben außen vor, diese dummen Bildungsproleten aber auch.
Es ist ja unbestritten, dass eine gewisse Bildung und eine exakte (keine überblähte, keine komplizierte, nur eine exakte) Sprache Notwendigkeit für ein klares Denken ist. Hier ziehen aber manche die falschen Schlüsse, allen voran unsere gute Maria.
Nennen Sie mir ein Volk, das Ihre Schüler so lange in der Schule sitzen lässt, sie so lange zur Uni gehen lässt und sie so theoretisch ausbildet, wie es das deutsche Volk handhabt. Ein Volk, das seine eigene Sprache so ernst nimmt, wie das der Deutschen? Da müssten wir doch eigentlich nach wie vor das Volk der Dichter und Denker sein? Sind wir aber nicht? Hat sich mal jemand hier gefragt, warum dem trotzdem nicht so ist? Und was soll dann die Lösung sein? Mehr sprachliche Bildung? Vielleicht kommt mal jemand auf den Gedanken, dass unsere Sprache zu kompliziert, zu altbacken ist, um zum einen eine moderne Welt wiederzugeben und zum anderen um für die „Massen“ greifbar zu sein.
Vielleicht kommen mal einige aus Ihren Sesseln heraus und gehen zu einem „Meeting“ junger intelligent-neugierigen Inder, Chinesen, Holländer (jaja, Holländer), Amerikaner und verfolgen deren Sprache und Dynamiken. Und dann versuchen Sie das mal ins Deutsche zu übersetzen. Vielleicht geht Ihnen dann langsam auf, was an unserem Anspruch an Sprache falsch läuft.
Sinibaldi (04.08.2008, 17:06 Uhr)
In the air.
I live in the
air: beautiful
young birds
escape in the
darkness like a
timid idea of
a youthful dream,
and the sun fades
away describing
my mind.
Francesco Sinibaldi
http://amicipoesia.mondoweb.net/topic814.html
Maria1000 (04.08.2008, 16:49 Uhr)
Ernsthaft: Der einzige TV-Sender, den man sich noch zumuten sollte,
ist PHOENIX! Nur dort kommt ab und zu noch fein differenzierter und gut getexteter und moderierter Journalismus ab und zu zum Vorschein. Und man hat noch den Eindruck, die Moderatoren, Texteschreiber der dortigen Dokumentqationen und Sendungen, können noch ganze und fehlerfreie Sätze formulieren und sich präzise und treffen dartikulieren.
Ich schalte fast keinen anderen Kanal mehr ein....
Maria1000 (04.08.2008, 16:45 Uhr)
@Robespierre:
Ihr ZITAT: "..In Frankreich ist die Sprachgewalt Statussymbol. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass es die allgemeine Sprachbeherrschung ermöglicht, Gedanken präzise zu formulieren. Und Gedanken verändern bekanntlich die Welt.
..."
----
DAs ist vermutlich genau der Punkt, dass gar nichts mehr "präzise" formuliert werden soll vom verdummten Volk, sondern alles nur noch Wischiwaschi-Geplapper, ohne jeglichen Inhalt/Aussage, sein soll.
Die Verdummung des Volkes ist Absicht(!) und das Volk ist leider inzwischen dumm genug, um das - und mangelhafte bis überhaupt nicht vorhandene Bildung auf allen Gebieten - auch noch gut zu finden!
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