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8. Juli 2008, 12:47 Uhr

Kein Bohlen im Bremer Rathaus

Als Ministerpräsident eines Bundeslandes ist Jens Böhrnsen wenig bekannt. Er tut auch nichts dafür, dass sich das ändert. Und dafür verdient er sogar Applaus. Warum es in Zeiten medialer Selbstdarstellung so herausragend ist, einem Pop-Titan zu widerstehen. Von Bernd Gäbler

Zoom

Politiker sind es gewohnt, dass eine Traube von Presseleuten und Fotografen sie umgibt - Jens Böhrnsen ist da anders© Ingo Wagner/DPA

Nach repräsentativer Empirie im persönlichen Umkreis des Verfassers dieser Kolumne ist Jens Böhrnsen ein Spitzenpolitiker, den garantiert so gut wie keiner kennt. Er ist Bürgermeister in Bremen und weil Bremen gemeinsam mit Bremerhaven - warum, weiß keiner, aber alle murmeln etwas von "Tradition" - auch noch Bundesland ist, bekleidet er den Rang eines Ministerpräsidenten. Er ist der Ministerpräsident, der außerhalb seines ohnehin sehr kleinen Sprengels unerkannt über alle Straßen gehen kann. Will man Schüler bei Prüfungen in die Pfanne hauen, fragt man nach ihm.

Während Klaus Wowereit, der auch einem armen Bundesland vorsteht, für Berlin den Slogan "arm, aber sexy" bundesweit bekannt gemacht hat, beschränkt sich das Nordlicht Böhrnsen für sein Bundesland auf das erste Attribut. Jens Böhrnsen redet - anders als Kurt Beck - druckreif und in ganzen Sätzen, meist aber noch langweiliger. Er hat das Charisma eines vornehmen Bürostuhls. Den Bremern aber scheint das zu gefallen.

Seit einem Jahr nun regiert - oder sollte man besser sagen: verwaltet? - er brav, bieder und geräuschlos das Land an der Weser mit einer rot-grünen Koalition, ohne dass dies bundesweit jemandem aufgefallen wäre. Vorher war da Henning Scherf, der seine Bürger permanent umarmte und als juveniler Senior ständig von sich reden macht - vor allem aber: er überragt alle. Jens Böhrnsen ist anders. Er ist wie seine Untertanen, die es ja auch so gut wie nie ins Fernsehen schaffen. Aus Jens Böhrnsen Sicht wäre es also verständlich, würde er nach Populärem gieren, um TV-Auftritte buhlen, jede Möglichkeit ergreifen, aus dem Schatten der Anonymität herauszutreten.

Bohlen gibt Böhrnsen eine Chance

Und so eine Chance bot sich Jens Böhrnsen tatsächlich. Mit einem Schlag hätte er - so die Verlockung - bundesweit bekannt und populär zu werden können. Der große Dieter Bohlen, der Gigant der Populär-Musik, der Hitparaden-Stürmer, der von sich selber bescheiden beteuert, er könne selbst ein Viertelpfund Hackfleisch in die Charts bringen, wollte mit einem der Vorentscheide für die nächste Staffel der Selektions-Show "Deutschland sucht den Superstar" ins Bremer Rathaus einziehen.

Jens Böhrnsen hätte Dieter Bohlen offiziell begrüßen dürfen. Dieser hätte gar noch den umwerfend beliebten Hessen-Barden Mark Medlock mitnehmen können. Ein Marktanteil von 30 Prozent beim jüngeren Publikum wäre sicher gewesen. Vielleicht hätte der Gigant aus Tötensen sich sogar zu einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt herabgelassen, während Jens Böhrnsen vom Rathausfenster aus mindestens zehntausend kreischenden Teenies hätte zuwinken können.

Jens Böhrnsen ist nicht Christian Wulff

Jens Böhrnsen ist ein wenig so wie Christian Wulff früher war. Da trat der brav gescheitelte Chef der CDU-Opposition noch wie ein Osnabrücker Provinz-Politiker auf der Bühne auf, die ihm allein der niedersächsische Landtag bot. Gegen seinen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder lag er aussichtslos im Hintertreffen. Messdiener: ja. Papst: nie. So ein Schicksal schien ihm für ewig beschieden zu sein. Niemand interessierte sich für den jungen Konservativen, der stets so wirkte als sei das Studium der Geschäftsordnung seine Lieblingslektüre.

Heute gilt Christian Wulff als der einzige CDU-Mann, der Angela Merkel das Wasser reichen kann. Und den Medien hat er sich anverwandelt. Den Umzug in sein "Liebesnest" konnte man exklusiv in der Hannoverschen Ausgabe der "Bild"-Zeitung verfolgen, die auch hautnah von seiner zweiter Eheschließung und der Geburt seines Sohnes berichten durfte. Inzwischen plaudert Christian Wulff vor Kameras sogar weltgewandt mit der Drag-Queen "Olivia" und als Stefan Raab mit seinem "Bundesvision Song Contest" im Februar die TUI-Arena zu Hannover bespielte, wippte Wulff elastisch auf die Bühne als sei er persönlich der Manager der favorisierten Band "Madsen" ("Du schreibst Geschichte"), deren Heimspiel er frenetisch befeuerte. Wie hat sich dieser Mann gewandelt! Oder ist es nur sein Image? Hängt er inzwischen nur das Fähnchen in den Wind, den er um sich selber macht? Wenn es ihm nützte, würde Christian Wulff vermutlich sogar ein Duett mit Dieter Bohlen singen.

Medienhype? Nein, danke!

Jens Böhrnsen aber ist anders. Jens Böhrnsen sagte: "Nein!". Kein "DSDS"-Casting im Bremer Rathaus. Rathaus und Roland seien Unesco-Weltkulturerbe und würden nur für ernsthafte Anliegen geöffnet. Im Übrigen gefalle ihm die Show nicht. Sie sei hämisch, Kandidaten würden mit Spott und Beleidigungen überzogen, Respekt und Toleranz aber seien die Leitideen aller Jugendarbeit in Bremen. Da fühlte sich allerdings ein anderer, mental auch immer noch Jugendlicher, nicht respektiert, sondern beleidigt: Dieter Bohlen himself. "Ich wäre sowieso lieber nach Oldenburg gegangen. Da gefällt es mir besser", beschied die beleidigte Leberwurst. Und wie Politiker so sind, hieß ihn Oldenburgs Bürgermeister Gerd Schwandner (parteilos) umgehend willkommen und der dortige emsige Gebäudechef Jan Wartemann bot, weil das Rathaus in der "Stadt der Wissenschaft" leider zu klein sei, eilfertig die Weser-Ems-Halle an.

Vielleicht sagt sich da ja auch Christian Wulff noch an? Dieter Bohlen, der sichtlich nicht gewohnt ist, dass ihm ein Wunsch abgeschlagen wird, trat noch ein wenig nach: Bevormundend sei der Bremer Bürgermeister, seinen Bürgern wolle er den Spaß nehmen. Dabei hatte Böhrnsen lediglich seine Meinung gesagt und sein Hausrecht wahrgenommen. Weder wollte er die Sendung verbieten, noch junge Leute davor warnen.

Allerdings tat er etwas heutzutage einigermaßen Ungewöhnliches. Er beharrte darauf, dass es eine Differenz gibt zwischen Politik und Show, dass ein Bürgermeister nicht alles tun muss, was nur irgendwie Popularität verheißt. Dass es Dinge gibt, die gerne im Fernsehen einen Platz haben dürfen, aber deswegen noch lange nicht unbedingt ins Rathaus müssen. Das ist ein starkes: "Nein!" Der unbekannte Mann hat Rückgrat gezeigt. Egal, was man von "DSDS" hält, Jens Böhrnsen hat bewiesen: Ein Politiker kann resistent sein gegenüber einem Popularität verheißenden Medienhype - Glückwunsch, Herr Böhrnsen!

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Crossbow (08.07.2008, 13:55 Uhr)
Der Mann hat Stil!
Herrn Böhrnsen weiß: 'Müll gehört nicht in ein Rathaus'. Und er handelt entsprechend, Hut ab! Bohlen als Repräsentant des withe Trash und der Generation RTL soll lieber irgendeine Turnhalle o.ä. beschmutzen, da geht man mit dem Kärcher nach und fertig.
Molch66 (08.07.2008, 10:11 Uhr)
Lieber Herr Gäbler
Danke!
Johann58 (08.07.2008, 01:48 Uhr)
Herzlichen Glueckwunsch
da ist endlich mal wieder gerade gerueckt und deutlich gemacht was wichtig ist. Alleine der Begriff Pop Titan schein zu eine hoffnungslosen Totalueberschaetzung eines geistig Minderbemittelten zu fuehren.
Saddams_Rache (07.07.2008, 21:37 Uhr)
na ya..
..vielleicht habn die ya was zu verbergen.. wer weiss :P
SchobelGrott (07.07.2008, 20:40 Uhr)
In Wolfsburg
hätte der Dieter sicherlich auch offene Türen eingerannt.
Diese mediengeilen Wolfsburger Idioten würden wahrscheinlich auch noch das Rathaus für ihn umbauen, nur um in die Glotze zu kommen.
herdubreid (07.07.2008, 19:52 Uhr)
...scheint ehrlich und realistisch zu sein und
das ist heutzutage in der Politik ja wirklich eine Ausnahme. Wenn er dazu noch DSDS nicht in sein Rathaus lässt, wird er mir absolut sympathisch.
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