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15. September 2008, 12:02 Uhr

Kurt Beck bleibt ZDF-Chef

Die Berichterstattung über Kurt Becks Rücktritt als SPD-Chef hat es deutlich gemacht: Es gibt Probleme zwischen der SPD und den Medien. Denn sie wollen die Selbstinszenierungen der Partei nicht mehr mitmachen. Dabei besitzen die Sozialdemokraten hinter den Kulissen nach wie vor viel Einfluss. Von Bernd Gäbler

 

Übt auch nach seinem Rücktritt als SPD-Vorsitzender großen Einfluss aus: Kurt Beck, Ministerpräsident und Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats© DPA

Kurt Beck ist nicht mehr Vorsitzender der SPD, aber er bleibt Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats. Die Funktion ist wichtig. In ihr manifestiert sich der sozialdemokratische Einfluss auf die Medien: Er ist indirekt. Aber wenn es auf dem Mainzer Lerchenberg um Finanzen und Führungspersonal geht, dann kommt an Kurt Beck keiner vorbei.

Die geplante Märchenstunde

Welche Vorstellung von guten Medien er hat, demonstrierte Kurt Beck rund um seinen Abschied eindrucksvoll. Allen Ernstes erwartete er, dass die Medien seiner Erzählung folgen würden, die Ursache des Rückzugs vom SPD-Vorsitz seien Heckenschützen aus der zweiten Reihe gewesen. So leicht war er also umzupusten. Auch für das Wochenende am Schwielowsee hatte er eine schöne Märchenstunde geplant.

Angeblich haben Vertrauensbruch und fiese Medien dies durchkreuzt. Becks Plan: Er wäre vor die Presse getreten, als unumstrittener Führer der SPD, hätte das gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier erarbeitete Papier umrissen, dann generös, seine eigene strategische Klugheit und Selbstlosigkeit betonend dargelegt, warum er in voller Verantwortung erst für das Land, dann für die Partei aus eigenem Antrieb heraus Steinmeier die Kanzlerkandidatur angetragen habe. Heiliger Simplicius! Sie wollen uns wirklich ihre eigene, eingebildete Welt als Wahrheit verkaufen!

Aber auch nach Kurt Beck wird man von der SPD nicht erfahren, was denn nun das Wesen des politischen Prozesses vom Wochenende in Werder bei Berlin war: ein Putsch? Der koordinierte Griff von Becks Rivalen in der Parteiführung zur Notbremse, um die Talfahrt der SPD zu stoppen? Eine Richtungsentscheidung gar, um sich wenigstens über die nächsten Wahlen hinaus in die Fortsetzung der Großen Koalition zu retten? Kein führender SPDler hat dazu bisher klare Auskünfte erteilt. "Wir mussten es tun, anders ging es nicht mehr weiter" - ach, würde doch nur ein einziger der Frondeure dies offen zugeben. Wie schon nach dem Rücktritt des auf einem Parteitag noch frenetisch gefeierten Matthias Platzeck, dessen wahre Ursachen nie geklärt wurden, plant die SPD auch jetzt ihren Neustart ohne Aufarbeitung des Geschehenen. Wahrheit und Klarheit müssen sich die Medien schon selbst erarbeiten.

Wo steckt das Problem?

Weil viele Medien die märchenhaften Selbstinszenierungen der SPD nicht mehr mitmachten, sind die Sozialdemokraten einerseits sauer, andererseits trauen sie sich nicht, das auch zu sagen. Bei ihren TV-Auftritten betonen sie - von Peer Steinbrück bis Dieter Wiefelspütz, - nichts liege ihnen ferner als "Medienschelte". Allerdings sei der arme Kurt Beck unfair behandelt worden, habe manches wohl wahrgenommen als werde er verfolgt oder als arbeiteten gar seine Stellvertreter gegen ihn. Wie konnte er nur darauf kommen?

Wenn in der engsten Parteiführung abgesprochen worden war, am Wochenende Steinmeier zum Kanzlerkandidaten auszurufen, Peter Struck aber erst am Sonnabend einzuweihen, was dieser dann schon vorher in einem Artikel lesen konnte, dessen Redaktionsschluss am Freitagabend lag, dann sind nicht die Medien die Bösewichter. Das ist auch nicht Recherche, sondern Durchstecherei. So fällt manches Problem, das die SPD den Medien anlastet, in Wirklichkeit auf sie selbst zurück.

Medieneinfluss - direkt und indirekt

Das ist eine beliebte Quizfrage für angehende Journalisten: Welche Partei in Deutschland verfügt als einzige über eine eigene Tageszeitung? Die meisten antworten: SPD. Dabei ist es "Die Linke". Die SPD verkauft ihren modernisierten "Vorwärts" zwar jetzt auch am Kiosk, aber niemand soll glauben, darin stünden nun die wahren Hintergründe des Beck-Endes. Wichtiger ist auch der indirekte Einfluss der Partei auf Medien. An der "Frankfurter Rundschau" besitzt die SPD noch Anteile. "Reißt Euch zusammen" flehte diese Zeitung am fraglichen Wochenende auf dem Titel gen SPD. Mit Kurt Beck und Reinhard Grätz sitzen im ZDF und im WDR Sozialdemokraten an Schlüsselstellen.

Direkten Einfluss auf die Berichterstattung haben sie gottlob nicht. Den öffentlich-rechtlichen Matadoren der Berliner Politik-Berichterstattung kann man aber schon Nähe oder Ferne zu dieser oder jener Partei ansehen. Im ZDF besetzt Peter Hahne den Platz für das Konservative, Peter Frey steht dem Sozialdemokratischen näher, was im ARD-Hauptstadtstudio auch für den WDR-Mann Ulrich Deppendorf gilt.

Just diese beiden nun waren rund um den Rücktritt Kurt Becks einigermaßen auf Ballhöhe. Ständig gab es kurze Nachrichten-Sondersendungen; schon am Samstag wussten beide sicher, dass Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gekürt werden würde, spekulierten ein wenig und Peter Frey murmelte gar etwas davon, dass sich Kurt Beck dann wohl auch wieder etwas stärker um Rheinland-Pfalz kümmern könne. Nicht die "Rechten" redeten übel nach, sondern die "SPD-nahen" waren in etwa eingeweiht.

Woher kam die erste Rücktrittsforderung?

Wenn die SPD zwar "Medienschelte" scheut, aber doch auf diese sauer ist, sollte man sie auch daran erinnern, woher die ersten, offen artikulierten Rücktrittsforderungen an Kurt Becks Adresse kamen: von einem beurlaubten Journalisten, den die SPD vorübergehend zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt hatte. Gerne hätte Michael Naumann, Ex-Staatsminister und Mit-Herausgeber der "Zeit" in Hamburg, für sich und die SPD ein besseres Wahlergebnis erzielt. Schuld gewesen am abgebrochenen Höhenflug sei Kurt Becks "Laissez faire" gegenüber der Linkspartei.

Das und keineswegs dessen handfestes Umspringen mit unrasierten Arbeitslosen oder die im pfälzisch-provinziellen verhaftete Bodenständigkeit waren der Wendepunkt in der Kurt-Beck-Darstellung. Die einzige von einem sozialdemokratischen Ex-Kanzler herausgegebene Zeitung, die sich eigentlich dem Inhaltlichen und Hintergründigen verschrieben hat, leitartikelt in ihrer ersten Ausgabe nach Beck auch prompt frohlockend von der neuen "Chance, sich als Volkspartei zu behaupten" und nennt Münteferings Auftritt kurzerhand "brillant".

Nicht immer sind die Medien schuld

Natürlich hatte sich in der Beck-Ära bei vielen Medien Häme eingenistet. Natürlich ist es nicht schön, wenn Journalisten, die im Quiz nicht einmal wissen, wozu die Zweitstimmen gut sind, ihr Mütchen an einer Partei im Niedergang kühlen. Gut aber ist, dass die meisten Medien die gewünschte Selbstinszenierung, wie sie sich die SPD und der in Medienverantwortung verbleibende Kurt Beck gewünscht haben, nicht mitmachten.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
DasBertl (17.09.2008, 22:08 Uhr)
Stern wird Bild
also den Artikel hätt ich von Bild erwartet nicht vom Stern... Da will wohl jemand den AxelSpringer-Preis....
Medley (16.09.2008, 11:18 Uhr)
Wayne interessiert's schon....
....was die von den Alt68ziger dominierten volkspädagogischen Staatsmedien zu dem Beck'schen "Königsmord" so zu vermelden haben. Eben! Niemanden. Denn das Interesse an linksgespülter "Ausgewogenheit" nimmt bei den Leuten aktuell ja in dem Maße ab, wie die Quoten für die weltweit größten medialen Volkshochschulen, "ARD & ZDF", kontinuierlich in die Tiefgaragenebenen fallen.
Und zu Kurt Beck: Wer sich als SPD-Chef allen Ernstes von ein paar parteieigenen "Roten Teppich"-Ausrollern ins Stolpern bringen lässt, der sollte sich mal fragen, ob er nicht lieber als Pausenclown im Circus Althoff anfangen sollte, als sich der närrischen Idee hinzugeben, wahrhaftiger Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.
jockel_us (16.09.2008, 03:49 Uhr)
Kurt Beck & Stefan Aust gruenden Opfer-Partei.
Programm & gemeinsame Plattform: Die Genossen sind an allem Schuld. Und die Medien.
manesse (15.09.2008, 21:26 Uhr)
Becks wolkige Rhetorik
hätte, gäbe es ein SPD-Medien-Monopol, erst recht zum Niedergang der Partei beigetragen. Man stelle sich vor, jede Äußerung dieses Mannes wäre dann abgedruckt worden oder über den Bildschirm geflimmert. Das erst hätte der Partei noch schwereren Schaden zugefügt als die tatächliche Berichterstattung über den Mann in den unabhängigen Medien. Man kann den Medien allenfalls vorwerfen, Beck viel zu viel Platz in der Berichterstattung eingeräumt zu haben, anstatt über seine notorischen Fehlleistungen im Amt des SPD-Vorsitzenden mitleidig hinwegzugehen. Hätte man Beck totgeschwiegen, ginge es heute der SPD besser, das ist schon richtig. Dieser Mann hat seine schlechten Schlagzeilen allesamt selber produziert - durch falsches Tun und unbeholfenes Gerede.
yamoto (15.09.2008, 19:53 Uhr)
Jetzt weiß ich endlich warum die Rundfunkgebühren angehoben werden..
...dem Beck ist das Buffet beim ZDF zu klein. Jetzt weiß man endlich warum das ZDF so positv über den 1 FCK berichtet hat. PFUI-Schiebung.
marcinek75 (15.09.2008, 19:31 Uhr)
Posse
Ist klar. Bei den Öffentlich-Rechtlichen bestimmen die Parteien wo es lang geht. Und beim Stern (bzw. Gruner+Jahr) sitzen nur Gutmenschen, die einzig und allein dem Journalismus verpflichtet sind. Das hier ist wohl eher die Märchenstunde des Stern.
tetrapanax (15.09.2008, 19:25 Uhr)
Zu einfach???
@sethuscalvisius
Die Medien haben Beck niedergemacht??
Das hat er doch wohl selbst durch sein kluges Auftreten und Reden in der letzten Zeit getan.
Und dann kommt der arme, gemobbte König zurück in sein Reich Rheinland-Pfalz und alle freuen sich, dass er wieder da ist. Hier kann er endlich wieder die Medien kontrollieren, bürgerfreundlich essen und trinken(!), mit Steuergeldern seinem FCK das Überleben garantieren usw. usw.
Und alle Pfälzer freuen sich, dass "unser Kurt" wieder da ist, wo er hin gehört. Und wenn er nicht gestorben ist.....
Clibanarius (15.09.2008, 19:13 Uhr)
Ist leider so...
...daß bei öffentlich-rechtlichen Sendern Parteibonzen mit ihre Finger im Spiel haben. Zwar nicht direkt bei der Berichterstattung, aber ein gewisser Küngel und Parteinähe ist manchmal kaum zu übersehen. Bei der BR z.B. ist es die Nähe zur CSU, beim ZDF die der zum konservativen Lager, ganz vorne mit der Peter Hahne - schreibt oder schrieb seine Ergüsse auch beim Springer-Schmierenpostille "Bild am Sonntag". Somit wird das Gebot der Staatsferne und der Unabhängigkeit per Hintertür ad absurdum geführt. Deshalb sollten beim ÖRR endlich jegliche Partei-Mitglieder und ihre Schläfer entfernt werden, und zwar in allen Gremien und sämtlichen Etagen. Ein Fall für den Bundesverfassungsgericht, da Politiker und Parteien ums Brechen nicht an ihre eigenen Pfründen und Sprachrohren sägen würden.
SethusCalvisius (15.09.2008, 19:03 Uhr)
zu einfach
Der Kommentator macht es sich hier doch ein bisschen einfach, wenn er hier die Berichterstattung über Becks Rücktritt als besondere Leistung der "freien Medien" würdigt. Tatsächlich sind die Medien seit Monaten auf SPD-, aber nur auf Seeheimer-Seite. Das zeigt sich ja schon an den unkritisch veröffentlichten merkwürdigen Umfrageergebnisse des SPD-Rechten Güllner. Bis heute hat der Stern es nicht für nötig befunden, auch nur zu erwähnen, dass FORSA die schlechten Ergebnisse für SPD als einziges Institut ermittelt hat.
Was der Kommentator als "Becks Märchenstunde" veralbert, war der Versuch, die Sache einigermaßen mit Würde zu beenden. Das ist von Intriganten aus der SPD verhindert worden. Dass die Medien da mitgespielt haben, ist ihr gutes Recht, Vorwürfe muss man nur den Maulwürfen in der SPD machen. Aber die Art und Weise, wie die Medien über Wochen Beck niedergemacht und Steinmeier sowie zuletzt Müntefering als Heilsbringer angepriesen haben, macht es schwer, an unabhängige Medien zu glauben.
Blacky007 (15.09.2008, 18:50 Uhr)
Becks Vollversorgung auf Kosten Steuer- und Gebührenzahler
Wusste nicht, dass Beck beim ZDF so tief verwurzelt ist. Da hat er sich aber ein schönes Vollversorgungspaket geschnürrt - einmal Kohle vom Steuerzahler als Politiekr und dann ncohmal Kohle vom dummen Gebührenzahler. Da braucht man sich dann aber auhc nicht zu wundern, warum die öff.rechtl. Sender nur geingfügig gegen die Unfähigkeiten der Politmarionetten vorgehen. Toll ausgedacht.
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Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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