Heute Abend geben sich die türkischstämmige Allround-Moderatorin Gülcan Karahanci und der millionenschwere Back-Erbe Sebastian Kamps vor laufenden Kameras das Jawort. Wie hier "Traumhochzeit" und "romantische Liebe" inszeniert werden, kann man nur mit erschüttertem Staunen registrieren. Von Bernd Gäbler

Gülcan Karahanci und ihr Freund Sebastian Kamps geben sich heute Abend live auf ProSieben das Ja-Wort© Jörg Carstensen/DPA
Das Prinzip Gülcan. Gülcan ist ganz offen. Sie hat einen Haufen Klamotten und unglaublich viele güldene Blech-Armreifen. Sie mag Glitzer, Herzchen und hat kein Geheimnis. Sie redet über alles, sogar dass sie sich die Haare färbt, aber auch über Hochzeitskleider, Unterwäsche, BHs oder ihre Angst vorm Fliegen. Sie redet immerzu. Ihr ist nicht einmal peinlich, dass sie ihre Schoßhündchen dressieren will, die Trauringe zum Altar zu bringen. Sie hat ein Fest-Komitee gegründet, da wird laufend Prosecco getrunken. Sie umarmt alle. Sie will alle einbeziehen. Darum nennt sie ihre "Schwiegermutter" schon bald "Schweigertussi". Das signalisiert Nähe und soll witzig sein.
Sogar die türkische Mama wird mitgezerrt zum Abschiedsabend als Junggesellin. Dafür wurde eine Bar komplett gemietet, ebenso die "Chippendales", ein Trupp gut gebauter Männer, der durch eine Art Soft-Striptease Hausfrauen zum Kreischen bringt. Die "Chippendales" umtanzen auch die türkische Mama. Der besten Freundin, Collien Fernandes, auch eine aus dem Fernsehen, fällt immerhin auf, dass das unangemessen sein könnte. Gülcan redet immerzu, aber sie hat noch keinen Satz von Bedeutung ausgesprochen. Alles ist gleich wichtig.
Wenn Sebastian ihr die Augen verbindet, um sie zu überraschen, sagt sie: "Das ist wie bei Gottschalk." Fast alle Vergleiche nimmt sie aus dem Fernsehen. In der modisch eingerichteten lichten Wohnung gibt es keine Bücherwand, aber einen riesigen Flat-Screen. Wenn sie sagen will, wie sehr sie ihren Freund liebt, erklärt sie, dass sie ihn nicht einmal gegen die Chippendales (also die physisch gut gebauten Stripper) tauschen würde. Sie ist extrovertiert und die Wörter fallen ihr nur so aus dem Mund. Sie produziert ein ständiges kommunikatives Rauschen ohne spezifisches Gewicht. Vielleicht - und das wäre zu hoffen - gibt es ja hinter der Fassade, die wir als Zuschauer sehen, ein ganz anderes Individuum. Wie sie sich uns aber darbietet, ist sie zwar etwas schrill und schräg, aber letztlich nichts als die Inkarnation von Äußerlichkeit und sinnfreier Informationsflut. Gülcan verkörpert das Prinzip Fernsehen.
Das Prinzip Kamps. Sebastian Kamps dagegen, der künftige Ehemann, scheint weniger engagiert mitzuspielen. Er sagt nur selten etwas. Ist sie der Wirbelwind, so präsentiert er sich als bräsiger Abhänger mit gelegentlichen Macho-Allüren. Wäre diese Behäbigkeit ein latenter Protest gegen die Allgegenwart der Kameras, könnte er aus dieser Haltung sogar etwas Sympathie schlagen. Tatsächlich aber spielt er apathisch-arrogant mit, wendet sich mit brav gelernten Sprüchlein an das Publikum. Was er Besonderes hat, worin Talent, Kreativität oder Individualität bestehen sollen, bleibt verborgen. Damit auch jeder Grund der Liebe. Er kann nichts richtig, erst recht nichts sagen. Wenn er seine Liebe dokumentieren will, sagt er ganz oft "Schatz", malt Herzchen, vor allem aber kauft er ihr etwas.
Nur ein einziges Mal hat er einen Satz gesagt, den man als authentisch empfinden konnte. Sogleich wurde er zigmal kolportiert. Nach einem kleinen Streit stürmte er aus dem Haus, zog die Tür hinter sich zu, nicht ohne ihr verärgert zuzurufen: "Lackier' dir die Nägel." Um seine Liebe zu zeigen, mäht er ein Herz ins Kornfeld und lässt sie es dann per Helikopterflug bestaunen. Er lässt ihr einen teuren, türkis-farbenen Schminktisch mit vielen bunten Lämpchen schreinern. Wenn er etwas tut, hat er dafür eigentlich immer Bedienstete oder Helfer, die die eigentliche Arbeit machen. Er ist etwas tapsig und will vor der Hochzeit noch abnehmen. Also engagiert er einen "Personal Trainer". Auf dem Rückweg vom Schreiner schaut er noch mal eben beim Autohändler vorbei. Für sich selbst will er noch rasch einen Sportwagen anschaffen - gerne einen Lamborghini für rund 260.000 Euro. Er kann sich aber noch nicht entscheiden, macht erst mal eine Probefahrt. Das ist das einzig sichtbare, worüber der Spross des Brötchen-Imperiums sicher verfügt: Geld.