. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
13. November 2007, 14:54 Uhr

Raab schlägt Bohlen

Talent- und Musikwettbewerbe sind so alt wie das Fernsehen. Mit "DSDS" ist es RTL und Dieter Bohlen gelungen, das alte Prinzip zu einem glanzvollen "TV-Event" zu veredeln. Jetzt hält Stefan Raab erneut dagegen. Sein Musikwettbewerb ist ganz anders, echter - und das Sensationelle: es geht um Musik. Von Bernd Gäbler

casting-show, dsds, dieter bohlen, stefan raab, pro sieben, rtl

Raab macht jetzt auch einen auf Casting-Show, der Titel ist nicht aussprechbar© Willi Weber/ProSieben

"SSDSDSSWEMUGABRTLAD" - so lautet die Abkürzung der Casting-Show von Stefan Raab. Sie läuft als Teil von "TV total". An diesem Donnerstag steigt das Finale. Schon der Name, den nur Stefan Raab selber fehlerfrei aufsagen kann, verrät den ironischen Bezug auf die größere RTL-Show. Er entstand als Max Buskohl, ein Junge, der sich selbst als eigenwilliger Rocker darstellte, aus der RTL-Show ausstieg, weil er sich nicht nach RTL-Stromlinie trimmen lassen wollte, wie er eifrig bekundete. Stefan Raab bot ihm eilig seine Bühne an, was RTL wiederum untersagte. Jetzt sitzt der Vater - mit Künstlername Carl Carlton - in Stefan Raabs Jury. Der mittlerweile ins sechste Lebensjahrzehnt gekommene Hamburger Alt-Rocker musizierte mit Udo Lindenberg in dessen "Panikorchester" und produzierte Peter Maffay.

Neben diesem Carl Carlton und Stefan Raab selber ist als Jurorin auch die bildschöne Joy Denalane mit von der Partie. Die Juroren bemühen sich, die Gesangtalente zu unterstützen und auf freundliche Weise ehrlich zu sein. Da wird dem Kandidaten Armin schon gesagt, dass sein Gesang zu gleichförmig gewesen sei. Anderen wird geraten, doch lieber eigene Stücke zu singen als solche, die auf Zustimmung kalkuliert sind. Aber was bemerkenswert ist: ob die junge Stefanie, der röhrende Rocker Marcel oder der ruhige Gregor - es sind schon Typen, die da ins Finale gekommen sind.

Die Selbstinszenierung als "David"

Die Show will anders sein, etliche Zuschauer in den Internet-Chats kritisieren, sie wirke amateurhaft. Das aber ist gerade der Kniff. Raab demonstriert, dass eine Selbstverständlichkeit im Fernsehen wie eine Sensation wirken kann: Bei seinem Gesangswettbewerb geht es tatsächlich ums Singen. Raab kennt die Alternative zum inszenierten "Glamour" - sie heisst "Street Creditibility". So groß die Sehnsucht der jungen Zuschauer nach Shows und Inszenierungen ist, die "bigger than life"sind, so sehr sehnen sie sich auch nach Echtem. Das bedient Stefan Raab als alternativer David zum falschen RTL-Goliath.

Bohlen und Raab – Gemeinsamkeiten

Dabei haben Stefan Raab und Dieter Bohlen durchaus einiges gemeinsam. Beide sind nicht per se sympathisch. Eher sind sie omnipräsente Nervensägen. Die Vorstellung ist angenehmer, ihnen mit etwas Distanz zuzuschauen als sie zum Freund zu haben. Beide sind typische Vertreter des gegenwärtigen Unterhaltungs-Fernsehens. Sie sind fleißig, raffinierte Netzwerker, eng mit der Musikindustrie verdrahtet und wissen, wie man effektiv die Verwertungsketten rasseln lässt. Sie sind clevere Geschäftsleute, schlau, aber nicht intellektuell. Sie sind Jäger des Erfolgs. Gerne treten sie selber ins Rampenlicht. Sie haben einen Sinn für gängige Hits und produzieren Gassenhauer. Sie sind ausgefuchste Strategen einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit".

Bohlen und Raab - was sie unterscheidet

Stefan Raab trennt strikt zwischen öffentlich und privat. Sein Privatleben schirmt er ab. Dieter Bohlen dagegen zerrt noch jede private Regung, aktuelle oder Ex-Freundin extensiv durch die Boulevard-Medien. Stefan Raab verweigert sich der Bildzeitung, Dieter Bohlen lässt sich von einem ehemaligen Chefredakteur beraten. Sein Glück gedeiht, wenn er Bild, RTL, BMG und weitere zusammenbringen kann. Bohlen klopft gerne Sprüche, die er sich vorher aufschreiben lässt. Er lässt seine Bücher von der Gattin des aktuellen Bild-Chefredakteurs schreiben.

Dieter Bohlen hat eine Antenne für alles, was Neugierde wecken könnte und den Mainstream trifft. Darum ist er einer der erfolgreichsten Musiker: als Interpret, Komponist und Arrangeur. Er prägt das RTL-Format "Deutschland sucht den Superstar" mit Unverschämtheiten gegenüber weniger Talentierten und von Verwertungsabsicht ebenso wie von echtem Interesse getriebenem Drang, jungen Leuten zum Erfolg zu verhelfen, der dann auch seiner ist. Dazu kennt er die Mittel. Er weiß, wie man Nummer-Eins-Hits herstellt. Die Selbstentfaltung der jungen Musiker, ihre Selbstbestimmung gar, scheint ihm dabei herzlich egal zu sein. Weil er weiß, wie es geht, geht er kein Risiko ein.

Zu Stefan Raabs Showpräsenz gehört dagegen stets Körpereinsatz. Er scheut kein Risiko. Ein von der Box-Weltmeisterin Regina Halmich eigenhändig zertrümmertes Nasenbein dient ihm als Echtheits-Zertifikat. Wie auch Dieter Bohlen fördert er gerne den musikalischen Nachwuchs. Was für Dieter Bohlen der RTL-Wettbewerbsieger Mark Medlock ist, dem er Songs auf den Leib schreibt, ist für Stefan Raab der zweifellos talentiertere Max Mutzke. Nach fulminantem Start hat dieser aber kaum noch Erfolg, obwohl Stefan Raab für den jüngsten Titel ausgiebig die Pro-Sieben "cross promotion" - Maschinerie angeworfen hat.

Raab als Sieger der Herzen

Die RTL-Show ist die deutsche Adaption eines international erfolgreichen Formats. In Deutschland sind aus den "Superstars" aber kaum dauerhaft bedeutende Interpreten geworden. Die Show inszeniert das Kleine groß. Die Teenager werden in Konzept und Kostüme gesteckt, die sie überfordern. Die Familien werden zu Tränen gerührt, die Fans mobilisiert. Im Dschungel von Telefon-Voting, Plattenverkauf, tränenreichen Auftritten, Zeitschriften und Cross-Promotion wirken die jungen Sänger am Ende wie Rädchen in einer perfekt geölten Maschinerie. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Sieger eine Nr.1-Hit-Garantie bekommt, ist bei RTL groß, bei Stefan Raab deutlich geringer.

Trotzdem gucken junge Zuschauer, denen es um die Musik geht, die selber in einer Band spielen oder singen, seinem Wettbewerb viel lieber zu. Nach allen gängigen Quotienten für messbaren Erfolg liegt Dieter Bohlen weit vor Stefan Raab: Einschaltquoten, Plattenverkauf, Telefoneinnahmen des Senders. Auch Raab macht Kompromisse in die Richtung des gängigen TV-Castings: das Telefon-Voting selbst tief in der Nacht und die unsäglich quietschige Moderatorin Johanna Klum gehören dazu.

Eins aber ist bei ihm durchgängig anders. Sein Versprechen lautet: "Hier kannst Du echt sein!" Das gilt für die Klamotten, die Songs, die Bewegungen. Er fördert Individualität und die Pluralität ästhetischer Stile. Für Identifikation suchende Heranwachsende ist das wichtig.

Stefan Raab, der sonst egozentrisch auf jeden Erfolg aus ist, wirkt anders. Der zähnefletschende Beleidiger wirkt als Ausrichter seines Musik-Wettbewerbs gegenüber Dieter Bohlen wie ein Sieger der Herzen. Warum? Weil die Musik seine "weiche Stelle" ist. Vermutlich fördert er Talente, weil er selbst gerne besser wäre als er ist. Die Musik ist Stefan Raabs "weiche Stelle" nicht wegen irgendeines emotionalen Kitsches, sondern weil er davon so viel versteht, dass er hier über eine realistische Selbstwahrnehmung verfügt. Das ist der wesentliche Unterschied zu Dieter Bohlen.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
wolf7 (14.11.2007, 09:53 Uhr)
Gut getroffen
Sehr gut geschriebener Artikel!
Zum Glück haben wir schon lange kein TV mehr, und können uns nicht diesen unsäglichen Bohlen antun.
Diese ganze Fernsehkacke, bei der ständig irgendwelche jungen Leute verschlissen werden, ist kaum zu ertragen.
Aber wenn der (ansonsten auch nervensägende) Raab mal endlich authentische Sänger/Sängerinnen auf die Bühne bringt, dann ist das sehr lobenswert.
RomanTicker (13.11.2007, 17:43 Uhr)
Respekt, Stefan
Stefan Raab verdient größten Respekt dafür, dass er eine solche Show macht, in der es um die Musik geht und nicht ums Geld. Der RTL-Show sieht man hingegen deutlich an, dass es eigentlich nur darum geht, schnelles Geld zu machen, indem man ein One-Hit-Wonder aufbaut, das möglichst massentauglich ist.
Resekt verdient Stefan Raab auch dafür, dass er sich für nichts zu fein ist und sich auch gerne selbst zum Ziel des Spotts macht, wie z.B. beim Haumich-Boxkampf. Die meisten Personen im TV wollen doch unantastbar und großartig sein. Angst vor Blamage ist Stefan Raab anscheinend auch fremd und so tritt er immer wieder gegen Kandidaten in der Sendung "Schlag den Raab" an.
rayer (13.11.2007, 17:16 Uhr)
Wie wahr
Endlich mal eine objektive Bemerkung. Eigentlichbin ich Bohlen leid, aber was Raab hier für die Szene leistet bedarf Anerkennung.
Nicht der verdammte Kommerz sonder endlich einmal Stimme.
Grossartig
havranek (13.11.2007, 17:12 Uhr)
Gäähhn!
Da scheint jemand keine grossen Sympathiepunkte für Herrn Raab zu haben. Liest sich wie ein zähneknirschendes Eingeständnis, da man doch eigentlich lieber negativ über diesen, insgesamt doch sehr erfolgreichen Herrn berichten würde, das Thema es aber beim besten Willen nicht zulässt.
Nur schon der Vergleich zwischen Bohlen und Raab ist lächerlich. Bohlen mag zwar ein Gespür für den Zeitgeist zu haben, aber ausser Sendungen aus dem amerikanischen zu kopieren kann er gar nichts! Ich kenne kein Lied in dem Dieter Bohlen anständig singt, fazit -> er kann es nicht! Oder wer kann mir ein kreatives Werk von Dieter Bohlen nennen??
Und wieso sollen eigentlich diese 2 Herren per se unsympathisch sein, der einzige der mir mit jeder Medienkolumne immer unsympathischer wird, sind Sie Herr Gäbler. Neid?
MEHR ZUM ARTIKEL
Deutschland sucht den Superstar Geht Max Buskohl zu "TV total"?

Max Buskohl wollte nicht als Solo-Künstler berühmt werden, sondern laut Dieter Bohlen den Auftritt mit Band erzwingen. Nun könnte sich Stefan Raab den rausgeflogenen Buskohl inklusive seiner Band "Empty Trash" schnappen. mehr...

Dieter Bohlen "Es gibt zwei Bohlen"

Der eine faltet bei "Deutschland sucht den Superstar" die Kandidaten zusammen, der andere kocht seiner Freundin Tee: Dieter Bohlen über Randale und Verantwortung, Frauen um die 40 und sein Vorbild Johannes Heesters. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft