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8. September 2008, 11:39 Uhr

Steinmeier und die freie Rede

Man vergleiche einmal Sarah Palin und Frank-Walter Steinmeier. Die eine hat gerade eine große Rede gehalten, der andere noch nie. Warum nur? Im US-Wahlkampf spielt die freie Rede eine viel bedeutendere Rolle als bei uns. Hier glauben viele Politiker immer noch, ihre langweilige Ausstrahlung sei ein Ausweis für Seriosität. Von Bernd Gäbler

 

Während US-Wahlkämpfer mit ihren Reden oftmals ihr Publikum mitreißen, verkaufen deutsche Politiker ihre Langeweile gerne als Seriosität© Robert Galbraith/Reuters; Arno Burgi/DPA

Sarah Palin. 37,2 Millionen Zuschauer hatten eingeschaltet. Sie alle wissen jetzt, was der Unterschied zwischen einer "Hockey-Mom" und einem Pitt-Bull ist: der Lippenstift. Das war einer der Scherze, die ein kluger Stab von Wahlstrategen, Spin-Doktoren und Redenschreibern der bis dahin weitgehend unbekannten republikanischen Kandidatin für das Amt des Vize-Präsidenten der USA, der Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, ins Redemanuskript geschrieben hatten. Und sie trug es einigermaßen authentisch vor - als erzkonservative Kulturkämpferin, als warmherzige Mutter, die zugleich forsch und gegen den Gegner aggressiv wie eine Löwin ihr unorthodoxes politisches Credo vortrug. Nicht um den Medien zu gefallen gehe sie nach Washington, sondern um dem Volk zu dienen.

Mit dieser Rede wurde sie zum Star des RNC - wie Eingeweihte den Parteitag der Republikaner zu nennen pflegen. Präsidial und über den Parteien stehend legte der mit viel nationalem und Helden-Pathos präsentierte eigentliche Präsidentschaftskandidat John McCain demgegenüber seine Rede an. Von dieser Rede blieb nur in Erinnerung, dass die Bühne für den schlechten Redner extra umgebaut wurde und sie dann vor einer seltsamen "green-screen" stattfand, auf die eigentlich Bilder projiziert werden sollten. Eine Panne.

Politik und Show

Egal. Am Ende regnete es Konfetti und Luftballons; die Delegierten ergingen sich in Orgien von Beifall, Hymnen erklangen. Wie nirgendwo sonst ist in den USA alle Politik Show, Inszenierung, Hollywood. Sie unterwirft sich den Gesetzmäßigkeiten des Entertainments. Und dennoch: das mediale Kalkül ist etwas anderes als die Wirkung; wären die führenden Politiker lediglich Kunstprodukte - sie wären schnell erledigt. Der investigative, fragende, nachhakende Journalismus ist immer noch gut genug, um Politiker, die nur glitzernde Oberfläche sind, nur Popstars oder Showman, ganz schnell desavouieren zu können. Darum kommt es bei aller Inszenierung immer noch darauf an, ob sie auch passt. Nur dann hat sie Chancen zu wirken.

Bei Sarah Palin war das der Fall. Deswegen wurde sie zum Star des Parteitags und wirkte auf ihre Anhänger ermutigend. Aber sie griff kaum über diese hinaus. Sie wendete zwar ihre familiären Angelegenheiten von der Defensive ins Offensive, rückte aber die Republikaner zugleich auch weiter nach rechts. Es war eine wichtige Rede, einige Sentenzen werden in Erinnerung bleiben, aber es war auch eine Eigene-Leute-Rede. Dennoch: so "gemacht" diese Rede auch war - durch den dicken medialen Schleier hindurch machte sie immer noch sichtbar, wie wichtig, die große, freie Rede in der Demokratie für die Politik und für das Profil jedes Politikers ist.

Der gute Redner Barack Obama

200.000 Menschen kamen zu Obamas Rede nach Berlin. Seine sperrige, 37-minütige Rede "A more perfect Union", in denen er recht komplex sein Herangehen an die Überwindung der Rassenspaltung vorstellt, wurde im Internet inzwischen fast fünf Millionen Mal angeschaut. Barack Obama ist ein guter Redner. Viele werfen ihm vor, er predige zu wolkig oder spreche zu allgemein. Auf dem Parteitag der Demokraten hat er ein konkretes ökonomisches Programm dargelegt. Dennoch klang es nicht wie aus einem Aktenordner verlesen. Obama versteht es, mit seinen Reden zu begeistern; Menschen, vor allem junge Leute, mitzureißen, die sich vorher nicht für Politik interessiert haben. Viele sind skeptisch: er könnte ein Demagoge sein, es nicht ernst meinen, mit seiner Fähigkeit egoistisch spielen. Das kann alles sein - aber welch eine Erholung ist es, am Beispiel Barack Obamas zu erleben, dass Politik nicht grau und blass sein muss, nicht langweilig wie Lateinunterricht oder detailversessen wie der siebte Unterausschuss zur Gesundheitsreform. Es geht auch mit Herz und Leidenschaft.

Bei uns: Tristesse

Vor ihrer Rede kannte kaum jemand Sarah Palin. Frank-Walter Steinmeier hatte schon gute Umfragewerte bevor er zum SPD-Kanzlerkandidaten nominiert wurde. Aber die hat jeder Außenminister. Er könnte immer noch eine Art Kinkel der SPD sein. Stellt er sich uns nun also mit einer großen Rede vor, die live im Fernsehen übertragen wird und millionenfach im Internet angeklickt wird? Erklärt er uns mitreißend die vier, fünf Eckpunkte sozialdemokratischer Politik heute. Iwo! Was er wurde, wurde er in Hinterzimmern. Dafür reicht auch sein Image als ordentlicher Büro-Organisator aus. Politik ist da Verwaltung, eine persönliche Leidenschaft könnte unbesonnen wirken. Zuletzt hat er sich ein paar Mal als Redner versucht, dann trat er hemdsärmelig vor seine Genossen und wurde sehr laut, wenn er einen Gedanken unterstreichen wollte.

Noch viel schlechter redete Kurt Beck: ausschweifend und unpräzise. Das hatte natürlich viel mit seiner vertrackten Lage zu tun: er wollte die Partei zusammenhalten, in dem er sich gegenüber allen Flügeln offen zeigte, kaum Richtlinien vertrat, nur interne Sprachregelungen ausgab, die normale Zuhörer nicht interessierten und vor allem - arg schnell beleidigt war. Niemand hat ihm verraten, dass ein SPD-Chef auch dann, wenn er sich vor allem als bodenständig profilieren möchte, dennoch auch eine intellektuelle oder zumindest pfiffige Ausstrahlung braucht. Kein Wunder, dass wenigstens der Gegenpol Franz Müntefering sein "Comeback" über eine Rede zelebriert hat. Sie gab sich bescheiden als Beitrag zum Landtagswahlkampf in Bayern - und jeder wusste, dass sie mehr bedeutet. Leider haben wir in Deutschland zwar drei so genannte Nachrichtenkanäle (N-TV, N24 , Phoenix), aber kein CNN. Sonst wäre sie angemessen "gecovert" worden. Jetzt wird der Meister der Knappheit und Ex-und-erneut-SPD-Chef auf dem beschlossenen Sonderparteitag begeistern müssen. Rede und Gegenrede; Langeweile und Charisma Unsere besten Redner reden gegen etwas an. Oskar Lafontaine ist so einer, der eigentlich raffiniert argumentieren kann, sich aber auch sehr echauffiert, dann einen ganz roten Kopf bekommt und nur noch seine eigenen Leute demagogisch aufpeitscht. Auch Guido Westerwelle kann ein guter Redner sein. Aber er steht immer in dem Zwiespalt, staatsmännisch tun zu wollen, im Herzen aber durch und durch Oppositionspolitiker zu sein. Auch er ist ein klassischer Gegenredner. Die Taktiker, Strategen und politischen Gestalter dagegen haben bei uns leider das Image von Aktenkofferträgern und Geschäftsführern. Ronald Pofalla und Hubertus Heil sind die Prototypen jener Profis ohne Charisma. Ihre Politik wirkt stets berechnend, nie verführerisch. "Talk-Show" können sie einigermaßen, aber Säle mitreißen nicht. Sie reden, als äßen sie dabei trockene Brötchen. Parteitage organisieren sie so prickelnd wie Elternpflegschaftsversammlungen.

Liegt es daran, dass bei uns die Politik eine ernsthaftere Angelegenheit ist als in den USA? Dass Spin-Doktoren, Strategen, Inszenierer und Medienregisseure keine Rolle spielen? Quatsch! Unsere sind nur viel schlechter. Und - anders als in den USA - bedienen sich die Politiker ihrer mit schlechtem Gewissen. Sie wollen unbedingt seriös wirken. Deswegen sind sie die einzigen, die Langeweile verlockend finden.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
AchazIII. (08.09.2008, 16:58 Uhr)
In den USA wird Rhetorik zelebriert - schon in der Ausbildung
An den US- Unis gibt es auch in technischen
Studiengängen Wettbewerbe und Preise "für den besten studentischen Redner".
Die USA weiß, was Schrift und Rede für einen Stellenwert haben, wie man sich verkauft, dass Fachwissen allein nicht allein reicht.
Das ist eine Mentalitätsfrage.
In Deutschland´s Schulen herrscht immer noch die alte autoritäre Devise "Rede nur, wenn Du gefragt wirst". Seit Menschengedenken schon zu Kaisers Zeiten hat sich daran nichts geändert. Der deutsche Untertanengeist gilt auch heute noch.
Ein Herr Steinmeier, wenn er schon angesprochen wurde, hat den Reiz eines staubigen, biederen Beamteninspektor, der jeden Zuhörer zum Einschlafen bringt. Für Deutschland reicht´s zum Kanzlerkandidaten. Wenn man so will, auch ein sehr bezeichnender Zustand in diesem Land.
Sukram71 (08.09.2008, 16:57 Uhr)
Und überhaupt ...
Bei uns sind die "Spin-Doktoren, Strategen, Inszenierer und Medienregisseure" nicht "viel schlechter".
--
Der US-Präsident hat nur 10 mal mehr Macht. Und es ist eine Personenwahl. Dort geht es um sehr viel mehr.
Deshalb ist die Schlamm-Schlacht viel größer.
--
Und ich kann es immer noch nicht fassen, wie sich jemand diese teilweise übelsten Schlamm-Schlachten aus den US-Präsidentenwahlen bei uns wünschen kann.
Dort werden doch ganze Agenturen angeheuert, die nur irgendwelche dunklen Flecken in den Biographien der Kandidaten suchen.
Und Präsident wird dann nicht der mit dem bessen Konzept, sondern wer im TV-Duell besser war und wer besser mit Dreck auf den Gegner geworfen hat.
Sukram71 (08.09.2008, 16:47 Uhr)
Argh ...
Und dann auch noch Sarah Palin mit Walter Steinmeier zu vergleichen... Argh!!!
--
Wenn das gute Reden-halten dazu führt, dass zukünftig solche ultra-konservativen Karriere-Zicken wie diese Frau Palin in der Politik erfolgreich sind, dann aber gute Nacht.
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Frau Palin ist ja wohl der lebende Beweis dafür, dass man auf solche Dinge wie Rehtorik einen untergeordneten Wert legen sollte. Zumal bei unserer Geschichte.
--
Diese Frau Palin, ist doch gegen sexuelle Aufklärung von Jugendlichen und hat jetzt ne schwangere 17-jährige Tochter zu Hause. ;)
Und die ist gegen Abtreibung selbst nach Vergewaltigungen.
Und steht in ihrem US-Staat vor nem Untersuchungsausschuss, weil sie einen Polizeichef aus familiären Gründe angeblich hat feuern lassen.
--
Also ich würde jeden Vergleich mit dieser Frau als Beleidigung auffassen.
jsbach (08.09.2008, 16:43 Uhr)
Dank Churchill sind wir frei
Leider ist die Bedeutung der Redekunst hierzulande kaum bewußt, geschweige denn, daß sie ausreichend gelehrt würde. Und das ist der schwerste Fehler unserer Schulbildung. Guter Artikel! Aber was folgt daraus? Warum haben wir so einschläfernde Redner? Das Problem fängt in der Schule an: Anstatt die Kinder das Reden und Debattieren zu lehren, wurde z. B. Energie in die schwachsinnige Rechtschreibreform verpulvert. Und welcher Erwachsene weiß, daß wir die Freiheit Europas letztlich der berühmten "Blut-Schweiß-und Tränen"-Rede Churchills zu verdanken haben?
jockel_us (08.09.2008, 16:38 Uhr)
Korrektur: "Anders als in Deutschland"
"Anders als in Deutschland werden Politiker in den USA als unvermeidbares Uebel angesehen..." sollte es heissen.
Sukram71 (08.09.2008, 16:33 Uhr)
So ein Blödsinn ...
Vielleicht sollte man es gar nicht beklagen, dass man bei uns mehr Wert auf Parteiprogramme und Inhalte legt als in den USA.
Und sich nach gerade 8 Jahren Bush-Regierung US-Verhältnisse zu wünschen, finde ich dann doch etwas ähh - mutig.
--
Und vielleicht sollte man Herrn Bernd Gäbler darüber aufklären, dass man bei uns in der Bundesrepublik bei Bundestagswahlen das Parlament wählt. Und das dann den Bundeskanzler.
In den USA wählt das Volk den Präsidenten quasi direkt und dieser hat dann auch eine sehr viel größere Macht als jeder Bundeskanzler bei uns.
--
Also kann man 1. uns und die USA, vom politischen System her, in keiner Weise her vergleichen.
Und 2. sollete man es nicht auch noch beklagen, dass auch bei uns immer mehr Wert auf Show und große Reden gelegt wird, statt auf Inhalte, Parteiprogramme und Koaltionsfähigkeit.
jockel_us (08.09.2008, 16:32 Uhr)
Politiker- Arroganz in Deutschland
"Liegt es daran, dass bei uns die Politik eine ernsthaftere Angelegenheit ist als in den USA?"
Kaum. Die brutalen Nominierungs- und Wahlkaempfe in den USA sprechen da eine andere Sprache. Mehr daran, dass Politiker und Regierung in Deutschland - zu unrecht - viel ehrfurchtsvoler behandelt werden als in den USA. Also nehmen sie sich auch selbst zu ernst und meinen, nicht mehr an ihren Praesentations- und Fuehrungsqualitaeten feilen zu muessen. Medien und Plebs schlucken's ja auch so.
Und insgesamt ist es ja auch so, dass Rhetorik in den USA bereits im Grundschulalter geuebt, und dann durch Highschool, College und University vertieft wird. Kleine und mittlere Firmen schicken Mitarbeiter aller Ebenen zu entsprechenden Kursen oder bieten solche sogar selbst an. In Deutschland bleibt das selbst in groesseren Unternehmen auf "high potentials" beschraenkt und wird sozusagen als Bonus "gewaehrt".
Die Liste laesst sich beliebig fortsetzten. Schlechte Redekultur, finde ich, zeugt nicht von hoeherer Moral, sondern schlichtweg von zu wenig bis gar keinem Respekt vor dem Elektorat, von dem ja erwartet wird, dass es sich diesen Quark in seiner kostbaren Zeit zu Gemuete fuehrt.
Anders als in den USA werden Politiker als unvermeidbares Uebel angesehen, und nicht als Repraesentanten eines Obrigkeitsstaates, die nioht fuer ihre Waehlerstimmen arbeiten muessen.
Ratsrepus (08.09.2008, 13:49 Uhr)
Äpfel und Birnen
Meine Partnerin ist Amerkikanerin und geht in dem Wahlkampfgetose in den USA geradezu auf. Auch ich verfolge das mit Amüsement. Der Show-Effekt ist in den USA geradezu wahlkampfentscheidend. Feuerige Reden in den "Debates" sind überlebenswichtig für die Kandidaten. Der Inhalt gerät in den Hintergrund. Eine völlig andere Politkultur als bei uns in Europa. Gute Rhetorik ist schon von den alten Philosophen angemahnt worden. Aber den amerikanischen Habitus wünsche ich mir nicht für Deutschland - weder links noch rechts! Es würde auch anmaßend und demagogisch für unsere Ohren klingen!
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