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24. Dezember 2007, 17:30 Uhr

Süßer die "Dritten" nie klingen ...

Außer am Heiligen Abend, wenn Bescherung ist, beschäftigen sich die deutschen über die Feiertage am liebsten mit dem Fernsehen. Das gemeinsame Starren auf den Bildschirm simuliert Familie. Und Quotensieger werden dabei am Ende vermutlich wieder einmal die Dritten Programme. Von Bernd Gäbler

Wenn an Heiligabend die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen, bleibt in den meisten familien der Fernseher aus© Picture-Alliance

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat herausbekommen, was sich die Deutschen für die Weihnachtsfeiertage vornehmen. Fernsehen bleibt die liebste Beschäftigung. 63 Prozent der befragten werden die Feiertag vor allem vor dem TV-Apparat verbringen. Ganz schlecht steht es um den Sport. Lediglich 19 Prozent haben fest vor ihren Körper zu bewegen. Einen mittleren Rang zwischen TV-Konsum und Sport nimmt der Kirchgang ein - immerhin 47,5 Prozent der Deutschen planen ihn ein. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt zudem, dass der 24.12., also der Heilige Abend, an dem die meisten Familien auch die "Bescherung" stattfinden lassen, der schlechteste Fernsehtag des Jahres ist. Es hat sich eingebürgert: wenn der Weihnachtsbaum strahlt, die Glocken klingen und die Geschenke ausgepackt werden, dann bleibt der Bildschirm ausnahmsweise einmal dunkel.

Kirchen kritisieren Horror und Katastrophen

Alle Jahre wieder ähnelt sich das wohlige Weihnachtsprogramm der großen Sender. Märchen wie Rotkäppchen und Rumpelstilzchen versüßen die Nachmittage, Wiederholungen alter Filme - vom "Kleinen Lord" bis zu "Lauras Wunschzettel" - sorgen für das Gefühl tiefer Geborgenheit im Ritual. Obwohl so das Programm fast durchweg auf Idylle und Schmonzette getrimmt ist, kritisieren die großen christlichen Kirchen zuverlässig und regelmäßig, dass auch an Weihnachten so viel Horror und Katastrophen gezeigt werden. Recht haben sie. Es wimmelt nur so von Florian Silbereisen, Marianne und Michael, Pilcher und Traumschiff, Harry Potter und Stars in der Manege. RTL und Pro Sieben versuchen stets, sich etwas von diesem Versöhnungs-Terror abzusetzen - in diesem Jahr mit "Pearl Harbour" und "Armageddon".

Fernsehen und Familie

So sehr sich die großen Sender um gemeinschaftsstiftende Programme mühen - eine Prognose ist wenig gewagt und jetzt schon möglich: am Ende der Feiertage werden die Dritten Programme wieder einmal Quotensieger sein. Dieser Zuspruch für die Regionalprogramme hat mit dem konkreten Programm wenig, mit der allgemeinen Stimmung viel zu tun. Das gemeinsame Fernsehen simuliert über die Weihnachtstage familiären Zusammenhalt. Der ist den Deutschen am wichtigsten. Er soll auf Teufel komm' heraus über Weihnachten praktiziert werden. Es gibt eine Sehnsucht nach Nähe. Das Dritte Programm symbolisiert das. Hier wird vom örtlichen Weihnachtsmarkt berichtet, von den letzten Einkäufen, vom Chor der Kirchengemeinde, in dem man ein paar Sänger kennt, Plätzchen werden um die Wette gebacken, der schönste Vorgarten wird ausgezeichnet, selbst den Moderatoren wird ganz feierlich ums Herz. Alle praktizieren und berichten zudem in irgendeiner Form von sozialen Hilfsprojekten. Außer Nähe und Heimat schreiben die meisten Menschen den Dritten Programmen auch ein Bewusstsein für Tradition und Brauchtumspflege zu. Selbst wenn dies oft konstruierte Folklore ist, sie entspricht einem diffusen Bedürfnis nach Verwurzelung und Vertrautem. Es gilt die Faustregel: je lokaler ein Programmangebot, desto spießiger. Und Weihnachten ist nun wirklich nicht die Zeit für Experimente. Das ist die Basis für einen erneut möglichen Siegeszug der Dritten.

Gottsuche oder Säkularisierung?

Und - die Dritten Programm, präziser gesagt: der Bayerische Rundfunk hat ein Alleinstellungsmerkmal. Nur dort ist am 1. Weihnachtstag ab Null Uhr die berühmte Mitternachtsmesse aus dem Vatikan zu empfangen. Da haben wir nun einen deutschen Papst, der auch noch die schönsten roten Schuhe aller Zeiten trägt, der das christliche Zentrum der gesamten Veranstaltung wunderbar zelebriert, aber das Fernsehen, das noch bei jeder dämlichen Adelshochzeit stundenlang mit von der Partie ist, ist nur mit einem Randprogramm dabei. Angeblich wimmelt es doch nur so von neuer Religiosität, Pilgern, Gott- und Sinnsuche. Volker Panzer, Sandra Maischberger und selbst Frank Plasberg haben bereits versucht, aus diesem Thema ein paar Funken für eine eifrige Debatte zu schlagen - nun ja: es scheint typisch zu werden für das gegenwärtige Fernsehen, dass es bei nahezu jedem Thema vor allem die Meta-Ebene bespielt. Statt etwas zu zeigen, wird etwas bequatscht. Dabei sehen wir dann zu.

Feiern im Halbkreis

So macht das Fernsehen - das ist die schon von Günter Anders in der "Antiquiertheit des Menschen" festgestellte wesentliche Veränderung - aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis. Alle schauen in dieselbe Richtung. Sie schauen sich nicht an. So simuliert das Fernsehen eine festlich gestimmte einverständige Gemeinschaft. Und im "Dritten" sind sich alle ganz nah.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
faustjucken_de (26.12.2007, 11:00 Uhr)
26.12. noch immer nicht vorbei..
bald... bald...
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