Thomas Gottschalk, der größte, ja einzige TV-Entertainer, der die Nation eint, der Zuschauer in zweistelliger Millionenzahl versammelt, hat erstmals über seine eigene TV-Endlichkeit gesprochen. Wird er gehen? Soll er gehen? Wie kann ein würdiger Abschied aussehen? Von Bernd Gäbler

Irgendwann kommt für jeden das Ende vom Lied© Jörg Koch/DDP
"Die Wurschtigkeit ist weg", hat er gesagt, "manchmal spüre ich einen Druck, den ich früher nicht kannte. In solchen Momenten frage ich mich schon, ob ich mir das noch antun muss." Zu Protokoll gegeben hat Thomas Gottschalk dies gegenüber der Entertainment-Postille "Die Zeit". Das verleiht den Worten Gewicht. Gegenüber dem "Spiegel", den er wegen dessen Häme nicht so mag, hat er die düsteren Gedanken sofort demokratisch relativiert. Er denke zwar daran aufzuhören, aber er denke nicht daran, es auch wirklich zu tun: "Mein Schicksal liegt in der Hand der Zuschauer. Erst wenn die einschlafen, werde auch ich amtsmüde."
Thomas Gottschalk: Der Ungläubige - keiner Autorität verpflichtet - glaubt nur, was er sieht. Als Schalk ist er ein Gott. Zuverlässig versammelt er Millionen. Er eint die Nation zum Zweck der Zerstreuung. Das ist seine Mission. "Wetten, dass...?" ist seine Sendung, im ursprünglichen Wortsinn. Da überragt er alle. Selbst wenn er plötzlich weg wäre, überlebte er noch übergroß in der Erinnerung. Durch sein düsteres Sinnieren hat sich das geändert. Gottschalk hat sich selbst kleiner gemacht und allen ins Bewusstseins gerückt, dass auch er gar nicht mehr ist als einer der vielen TV-Gaukler. Er ist unsicher geworden, irdisch, spürt das eigene Nachlassen, hat Angst vor dem Abschied. Heimlich weiß er, dass das Ende unabwendbar ist, da er selbst es thematisiert hat. Als sei es ein letzter Dienst, begibt er sich in die Hand der Menschen, die ihm zuschauen sollen.
Vor allem aber schwächelt "Wetten, dass...?":
Thomas Gottschalk hat ein völlig unsicheres und ambivalentes Verhältnis zum deutschen Boulevard. Mal macht er bedingungslos mit, gibt den besten Kumpel der "Bild"-Zeitung, dann haut er gnadenlos drauf auf die Dschungelshows und "DSDS", Tanzshows und Stefan Raab, von dem er sich dann aber die Show stehlen lässt. Es reicht vom altbackenen Rock’nRoll-Geschmack bis zum Begrabschen der eingeladenen Damen - da er ein Problem mit dem eigenen Altern in der Sendung hat, verliert Thomas Gottschalk immer wieder mal Charme und Scham.c
Das alles nagt an Gottschalk. Schon wagen andere Sender eigene Shows - "Schlag den Raab" (ProSieben) oder "DSDS" (RTL) - ebenfalls am Samstagabend auszustrahlen. Früher machte man ihm noch respektvoll Platz. Schon gibt es Gerüchte und Spekulationen darüber, wer denn das Zeug habe, ihm nachzufolgen. Das ZDF und Hape Kerkeling müssen eilfertig dementieren, dass da was gewesen sei. Was ist jetzt zu tun?
Ein Gott redet nicht über sein Ende, dann hört er auf Gott zu sein. Wer irdisch ist, aber fast für gottgleich genommen wurde, sollte unbedingt versuchen, Subjekt seines eigenen Abschieds zu sein. Nur so kann er sich treu bleiben. Also sollte Thomas Gottschalk unbedingt schweigen, sich ins Zeug legen für gute Sendungen, seinen noch bis zum Jahr 2010 dauernden Vertrag mit Anstand erfüllen, aber doch - bevor er dazu gedrängt wird - hinter den Kulissen alles tun für einen jähen, selbstbestimmten und würdigen Abschied. Am besten wäre es, wenn mit ihm auch "Wetten, dass ...?" Geschichte würde.
Nach Gottschalk dürfte es eigentlich keinen Versuch mit neuer Moderation mehr geben. In einer zu Herzen gehenden Feier würde der 60-jährige dann im Jahre 2011 den deutschen Fernsehpreis bekommen - mit seinem Freund Hans-Dietrich Genscher als Laudator.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.