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27. Oktober 2008, 14:36 Uhr

Unterhaltung schlägt Kultur

Beim ZDF bahnt sich ein Frauentausch an: Während Elke Heidenreich vor die Tür gesetzt worden ist, steht Andrea Kiewel schon in den Startlöchern für ihr Comeback. Einmal mehr siegt Unterhaltung über Kultur. Von Bernd Gäbler

Frauentausch? Während Elke Heidenreichs Zeit beim ZDF vorbei ist, bereitet Andrea Kiewel ihr Comeback vor© DPA/DDP

Verlorenes Vertrauen. Den Status einer Märtyrerin mag man Elke Heidenreich nicht zuerkennen. Dafür war ihr Vorgehen nicht nur zu ruppig, zu nervig, nein auch zu unerzogen und zu unverschämt. Wer in einer "Wutschreibe" seinen Arbeitsgeber beleidigt, ja, ihn geradezu auffordert, er möge sie doch rauswerfen, nicht einlenkt, sondern draufsattelt, muss sich nicht wundern, wenn jene fast erbettelte Kündigung dann auch erfolgt. Soweit, so normal. Das ZDF hat gehandelt, wie es zu erwarten war. Das Vertrauen sei dahin, eine Basis für weitere Zusammenarbeit nicht vorhanden. Das ZDF sprang nicht über seinen Schatten.

Ein größerer Verlust

Nicht wegen der Quote, nicht wegen der kulturellen Einzigartigkeit der Sendung "Lesen!", sondern wegen der besonderen Begabung der Person Elke Heidenreich hat das ZDF mehr verloren als Vertrauen. Heidenreich hat nicht nur den Buchhandel befeuert. Sie hatte auch Fans in einer Art wie wenige andere TV-Stars: Meist waren es Frauen, die sie glühend verehrten. Sie ließen sich das Lesen selbst verkünden als sei es ein Akt der endlichen Befreiung. Bedeutend auf dem Weg zu Selbstfindung und Genuss. Dies konnte fast sektenhafte Züge annehmen, mit Elke Heidenreich als Guru.

Für diese kulturell interessierten Zuschauer, die an jenem Schnittpunkt zwischen kulturellem Interesse und Populärem lagerten, den auch Elke Heidenreich bespielte, reichte es aus, wenn ab und an Bücher gerühmt wurden, die nicht im Mainstream lagen, oder wenn die Darlegung weitgehend in einer Kombination aus Zusammenfassung der Handlung plus leidenschaftlichem Geschmacksurteil bestand. Diese Leidenschaft, dieses Feuer, die eigene Unabhängigkeit im Urteil wusste Elke Heidenreich zu veranschaulichen. Sie spielte dies nicht, sondern war glaubwürdig. Um den Verlust für das ZDF zu ermessen, ziehen wir einen - zugegeben, etwas ungerechten Vergleich zu einer anderen Protagonistin, die gerade dabei ist, Vertrauen wiederzugewinnen.

Vertrauen, das wiederkehrt

Andrea Kiewel operiert am anderen Pol der kulturellen Achse. Auch sie war einst ein ZDF-Star, zuständig für gute Laune, Senioren erfreuen, mit ihnen Lachen und über alles plaudern, besonders sich selbst, so dass wir wissen, das sie einst Schwimmen als Leistungssport betrieb und über Erziehung, Älterwerden, Harmonie in der Familie etc. in etwa das denkt, was jeder denkt. Außerdem hat sie es geschafft abzunehmen. Das ZDF-Vertrauen zu Andrea Kiewel war erschüttert, weil sie Schleichwerbung für die "Weight Watchers" gemacht hatte. Da kaum ein Zuschauer unterhalb des Rentenalters den munteren "ZDF-Fernsehgarten", für den sie zuständig war, kennt, sei hinzugefügt: Andrea Kiewel tat eigentlich nur, was ihr aus ihrer TV-Umgebung bekannt war. In der sommerlichen Senioren-Bespaßung wird nämlich keine Locke gedreht, keine Pfanne gewendet, kein Schmink- oder Modetipp verraten, ohne dass da Werbung mächtig schleicht.

Aber bekanntlich darf der Ochse nicht, was in Gottes Wirken Alltag ist. Darum wurde Frau Kiewel vorübergehend gefeuert. Sie hat einfach pausiert; etwas Zeit sollte vergehen. Nun darf sie wiederkommen. Als erste Reha-Maßnahme durfte sie, weil dort ja nur herzensgute Menschen unterwegs sind, die ZDF-"Gala" zugunsten der "Welthungerhilfe" mitgestalten. Bald wird es sicher wieder mehr werden. Andrea Kiewel ist nicht ruppig, nicht aufmüpfig; sie sagt nichts Böses über ihren jeweiligen Arbeitgeber. Ihrem Comeback steht nichts im Wege.

Wenn das ZDF cool wäre

Wäre das ZDF kein gewöhnlicher Sender, dessen Chefs sich so verhalten wie sich alle Arbeitgeber verhalten, sondern ein Laden, der das Ziel hätte, ungewöhnlich zu sein, zu verblüffen und als total cool zu gelten - die Mainzer Anstalt hätte andere Möglichkeiten gehabt. "Liebe, Frau Heidenreich, so geht das nicht!", hätte der Intendant Markus Schächter verkünden können, "aber den phantasielosen Weg, sie nun einfach zu entlassen, gehen wir nicht. Wir lassen uns nicht beleidigen, aber selbstverständlich tun wir Ihnen auch nicht den Gefallen, so zu reagieren, wie es jeder Hans und Franz für selbstverständlich hält. Lassen Sie uns darüber nachdenken, wie eine gemeinsame Zukunft noch möglich ist." Das wäre cool gewesen.

Doch das ZDF ist nicht cool. Statt zu reden, stellt man sich Standardbriefe zu. In Sachen Hochkultur erfindet man dann in "Aspekte" noch rasch die neue journalistische Form: Wenn es um Qualität geht, interviewen wir uns einfach gegenseitig und springt mit einem "Bücher spezial" dankbar in die entstandene Lücke. Und unter den medial mit Literatur befassten ist schon einen Hennen-Rennen um den frei gewordenen Sendeplatz ausgebrochen. Andrea Kiewel rehabilitiert sich derweil ohne etwas dafür zu tun. Ist ja auch nur Unterhaltung, also jener "Blödsinn", für den angeblich weniger Sorgfalt, Leidenschaft, Begeisterung und Können notwendig ist als für das ernste Genre. Nein, so ist es nicht! Es ist nur so, dass Andrea Kiewel einfach besser zum ZDF passt als Elke Heidenreich.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
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