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9. Februar 2009, 15:32 Uhr

Verkümmerte Talente

Sie sind jung, schlau und erfrischend anders: Katrin Bauerfeind, Charlotte Roche und Sarah Kuttner. Und doch will sich kein Sender so recht um sie kümmern. stern.de-Medienkolumnist Bernd Gäbler kreidet den großen Fernsehanstalten ihre fehlende Talentförderung an. Von Bernd Gäbler

Medienkolumne, Charlotte Roche, Sarah Kuttner, Katrin Bauerfeind

Werden sie nicht genug unterstützt? Charlotte Roche, Sarah Kuttner und Katrin Bauerfeind (v.l.n.r.)© Jens Schlueter/DDP; Marcus Brandt/DDP; Stephan Schraps/DDP

Katrin Bauerfeind - nirgendwo zu Hause?

Gerade erst war sie wieder auf der großen Bühne zu sehen: In langer Abendgarderobe moderierte Katrin Bauerfeind die Eröffnungsgala der Berlinale. In wenigen Tagen wird sie auch durch den Abend der abschließenden Preisverleihung führen. Ist sie also inzwischen eine arrivierte TV-Persönlichkeit? Nicht ganz. Kernig wollte sie sein, aber füllte sie wirklich den großen Berlinale-Raum aus? Bisher war Katrin Bauerfeind mal hier, mal da im Einsatz - doch nirgendwo zu Hause. Sie durfte die 3Sat-Kulturzeit während der Berlinale und der Studio-Umbaupause präsentieren und bei "Polylux" Tita von Hardenberg vertreten. Jetzt hat sie eine kleine eigene Sendung, die sogar ihren Namen trägt: Einmal im Monat (jeden ersten Mittwoch, 21:30 Uhr) darf sie - wieder auf 3Sat - ein halbstündiges "Pop-Magazin" moderieren, dessen Oberfläche an ihre Herkunft aus dem Internet-Fernsehen erinnert. Munter hüpft das Magazin von Filmchen zu Filmchen. Gamer seien die Führungskräfte von morgen, so Katrin Bauerfeind. Das will sie uns als Trend einreden. Sie plaudert und lacht mit Udo Lindenberg und ließ sich darauf überflüssigerweise von Benjamin von Stuckrad-Barre vorbereiten. Alles ganz nett - auch, wenn Richtung und Substanz noch nicht so recht zu erkennen sind.

Vielleicht wird sie aber in dieser kleinen, von Friedrich Küppersbuschs Firma "probono" produzierten Sendung gut betreut. Das ist ihr zu wünschen. Denn ihr Aufstieg war steil, aber die Gefahr ist keineswegs gebannt, sich nun als "ewiges Talent" durch sehr disparate Stationen der TV-Landschaft zu hangeln. Als Frontfrau des Internet-TV-Formats "Ehrensenf" war sie einst ein Idol. Studenten bewunderten sie, Angestellte klickten sie in der Mittagspause an. Ihre Präsenz beeindruckte, die Texte waren knapp und auf Pointe geschrieben, sie konnte sogar Ironie.

Dann kam der Durchbruch ins "richtige" Fernsehen. Aber so ganz eben doch nicht. Sie machte dies und das - stürzte sich für 3Sat auch rasch in schwierige Live-Interviews, die auch schon mal abstürzten. Wurde sie vielleicht ein wenig überschätzt oder zu wenig betreut? Noch wirkt sie jedenfalls in jeder "gescripteten" (also mit ausgearbeitetem Text versehenen) Sendung stärker als live oder im Gespräch. Was keine Schande ist, aber die Frage aufwirft, die für alle Talente gilt: Was tun die Sender eigentlich, um sie zu fördern, zu verbessern, groß herauszubringen?

Charlotte Roche - die Eigenwillige

Die Berlinale hat auch schon Charlotte Roche moderiert, natürlich frecher, eigenwilliger, anti-autoritärer. Wurde sie deswegen nicht wieder gefragt? Sie ist keine der üblichen, Konsens stiftenden Fernsehfiguren. Charlotte Roche polarisiert. Sie ist nicht gefällig. Sie sagt, dass es eine Schande ist, wie viele dumme Frauen im Fernsehen nur Klischees bedienen. Auch für sie wäre ein Pop-Magazin gut vorstellbar. Zumal sie sich auskennt und einen extrem dickschädeligen Musikgeschmack hat.

Auf diesem Feld hat sie sogar schon einen Grimme-Preis erobert. Ihr Spott sei eine Form der Hingabe, hieß es damals, gelobt wurde "ihre listige Naivität" ebenso wie ihre "Geistesgegenwart". Zu beobachten war beides zuletzt wieder in dem kleinen Format "Charlotte Roche unter ...". Es lief fünfteilig ebenfalls im Spartensender 3Sat, mittwochs um 23:15 Uhr. Ebenso neugierig wie mädchenhaft-kokett erkundete die mittlerweile 30-jährige Roche seltsame Berufe wie den des LKW-Fahrers, Müllwerkers oder Bestatters. Das war etwas eigenes - natürlich wieder ganz am Rande des Programms, Lichtjahre entfernt von Regelsendungen und fester Verantwortung. Vielleicht aber ist es bei Charlotte Roche auch anders. Sie kann sich ein lediglich sporadisches TV-Engagement leisten. Durch den Erfolg ihres - nun ja, Romans - "Feuchtgebiete" hat sie längst eine breite Anhängerschaft jenseits des Fernsehens gefunden und sich damit die größte geistige und soziale Unabhängigkeit aller TV-Talente erarbeitet.

Sarah Kuttner - die Vergessene?

Im Juli des vergangenen Jahres war sie sogar kurz im Ersten zu sehen - auf dem so genannten "Entwicklungsplatz", sonntags um 23:30 Uhr. "Kuttners Kleinanzeigen" hießen die drei Folgen. Auf kuriose oder skurrile Kleinanzeigen reagierte sie, fragte nach, erforschte die Hintergründe, befragte die Menschen, die sie aufgegeben hatten. Keine schlechte Idee, aber auch wiederum sehr am Rande des normalen Programmflusses. Sarah Kuttner fällt es sichtbar schwer, sich vom "Girlie-Image" zu befreien. Sie ist schlagfertig und schnell, aber es ist nur unscharf zu erkennen, wohin sie sich entwickeln will.

In ihrer "Late-Night" auf Viva wusste sie nicht genau, ob dies eine jugendliche Ausgabe des Grundformats sein sollte oder eine Parodie. Zwischen diesen Polen wird sich Sarah Kuttner bald entscheiden müssen - sonst könnte hier ein großes Talent in der Versenkung verschwinden. Sie hat schon einige Sendungen pilotiert, beim WDR und anderswo liegen Bänder im Schrank - aber was wird aus ihr? Kann es denn tatsächlich sein, dass aus der "Generation Viva" nur Oliver Pocher, Gülcan Kamps und Collien Fernandes stabil auf dem Bildschirm präsent sind?

Jugend - wo bist du?

Alle Sender gieren nach der Jugend, aber was tun sie, um die vorhandenen jugendlichen Bildschirmtalente tatsächlich zu fördern? Katrin Bauerfeind, Charlotte Roche, Sarah Kuttner - drei junge Frauen in unterschiedlichen Stadien ihrer jungen Karriere. Nur 3Sat, ein Spartensender, scheint sich regelmäßig zu kümmern. Katrin Bauerfeind ist dort immer wieder zu sehen. Wo aber sehen wir die anderen? Sind Regelsendungen immer nur etwas für die Angepassten? Wer nimmt die Sperrigen, die Frechen unter die Fittiche? Es scheint so, als würden sie an den Uferböschungen des Mainstreams stranden.

Im Fußball gibt es "ewige Talente" wie Benny Lauth oder Nuri Sahin. Und es gibt die U21-Nationalmannschaft, durch die Talente an die nationale Spitze herangeführt werden. Warum bleibt im Fernsehen alles spontanen Entwicklungen, also dem TV-Markt überlassen? Wer vereinbart mit den Talenten Perspektiven? Wer nimmt sich ihrer wirklich an? Was für eine Arroganz steckt dahinter, wenn es sich die großen Sender - ARD, ZDF, die Dritten - leisten, solche Potentiale einfach brach liegen zu lassen.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Suresh3k (09.02.2009, 18:42 Uhr)
Jung yeah - Sarah, we love you
"Was für eine Arroganz steckt dahinter, wenn es sich die großen Sender [...] leisten, solche Potentiale einfach brach liegen zu lassen."
Vielen Dank für diese herrlich ehrliche Einschätzung.
Vor der aktuellen Frischzellkurdiskussion bei den öffentlich Rechtlichen eine berechtigte Frage (auf stern.de forderte ein Autor in einem sich dem Thema widmenden Artikel sogar einen einstündigen Sendeplatz für die Terrororganisation „Attac“; welch unfassbare Verzweiflung muss man innehaben, die zu einer solchen Forderung treibt). Könnte sich doch eine Fernsehanstalt durchringen, auch nur einer der Damen eine Chance zu geben, ein erster Schritt in Richtung Zielgruppe wäre getan. Stattdessen prügelt man sich um Oliver Pocher - nichts, gegen Oli P., auf seine Weise hervorragendes Talent - aber wenn er nicht will, dann soll er doch zu den Privaten gehen. Hier wäre er, auch für seine eigene Zielgruppe, besser positioniert.
Alle drei vorgestellten Damen mögen in der aktuellen Medienlandschaft keinen rechten Zuspruch finden. Warum? Weil Qualität eben leider immer weniger Platz findet. Dafür wird aber immer mehr rumgeheult, dass das vorhandene Moderatorenmaterial zu prollig, zu unverschämt, zu lispelnd, zu scheiße angezogen, zu falsch verheiratet, zu alles Mögliche ist.
Der gemeine Intendant hat eben keine Lust auf die erfrischende Schnelligkeit und den ebenso erfrischenden Charme von Sarah Kuttner. Nicht einmal mehr Sonntagabend nach 23:00 Uhr. Könnte ja gut ankommen und dann gäbe es nichts mehr, um das es sich zu streiten lohnt, während die Privaten verständlicher Weise unverständliche Quoten machen.
sophisticated (09.02.2009, 17:41 Uhr)
Jung ja -
aber ist die Tatsache, jung zu sein schon ein Qualitätsmerkmal???
Ich fand bisher an den von Ihnen als Beispiele genannten Mädels noch nichts besonders Förderungswürdiges.
.
Manchmal muss man Jugend auch noch einfach Zeit lassen, zu reifen, und sich (in Ruhe!)selbst zu finden (wenn's sein muss auch: zu erfinden).
Schnell an das Licht der Öffentlichkeit gezerrte Jungstars (DSDS etc.) haben wir eigentlich zu viele, stimmt's?
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