Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Wenn Heuschrecken Fernsehen machen

Bußgeld, Verluste, Expansion auf Pump: Die ProSiebenSat.1 Media AG steckt in der Krise. Grund ist die ruckartige Geschäftspolitik der Mehrheitseigentümer. Darunter leiden Programm und Zuschauer. "We love to entertain you" - ist mehr denn je eine Worthülse.

Von Bernd Gäbler

Selten zirpen die "Heuschrecken". Sie verrichten lieber heimlich ihr Werk. Da war es schon eine kleine Sensation, dass sich Götz Mäuser, Aufsichtsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media AG auf den "Mainzer Tage der Medienkritik" einmal öffentlich äußerte. Mäuser ist Partner der Permira Beteiligungsberatung GmbH und zusammen mit der Firma KKR Mehrheitseigentümer bei Prosieben Sat.1. Brav wusste er aufzusagen, dass man die Medien selbstverständlich als "Kulturgut" schätze, aber auch den Auftrag habe, Geld zu verdienen. Befragt, wie es denn sein könne, dass das Unternehmen dreimal soviel Dividende auszahlt wie es verdient – was ja vor allem dem Mehrheitseigentümer nützt – antwortete er, der schwache Gewinn liege vor allem an Einmaleffekten. Man könne aber sicher sein, dass trotz Ausschüttung keine Investitionen unterblieben.

Vermutlich wusste Götz Mäuser es damals schon besser. Nun meldete ProSiebenSat.1 per Ad-hoc-Mitteilung Verluste im ersten Quartal. Die Ursache: Ihre Werbeeinnahmen gingen dramatisch zurück. Das sind keine Einmaleffekte, sondern langfristige Trends, verstärkt durch fehlkalkulierte Preismodelle. Zudem ist die Sendergruppe mit geschätzten 260 Millionen Euro Zinskosten belastet, weil die Finanzinvestoren unbedingt einen europäischen Medienkonzern schmieden wollten.

Deswegen zwangen sie die Sendergruppe auf Pump die TV-Kette SBS zuzukaufen. Die Verbindlichkeiten betragen seitdem drei Milliarden Euro. Die Strategen am grünen Tisch glauben, dass dies ungeheure Synergien schaffen könne. Bislang ist es immerhin gelungen, die Show "The next Uri Geller" fließbandartig in mehreren Ländern gleichzeitig zu produzieren. Ansonsten heißt die "Integration von SBS" nichts weiter als eine noch strengere Sparpolitik. Für die Zuschauer bedeutet das mehr Wiederholungen – und in den Redaktionen Stellenstreichungen.

Was wollen die Finanzinvestoren?

Ins Programm einzugreifen, das sei gar nicht die Absicht der Finanzinvestoren, erläuterte Götz Mäuser in Mainz. Das verhindere allein das deutsche Aktienrecht. Langfristige Finanzverträge sicherten überdies nachhaltiges Wirtschaften. Das Wort "cash cow" könne er schon gar nicht mehr hören.

Doch die Realität sieht anders aus. Denn auch das gab Mäuser zu Protokoll: "Gutes Programm zu machen, ist nicht immer in allererster Linie eine Frage des Geldes." Jetzt sollen die Kosten abermals um 70 Millionen Euro gesenkt werden. Und Mäuser stellte seine Rolle klar: "Unsere Rolle als Aufsichtsrat ist es, darauf zu achten, dass die richtigen Leute das Unternehmen führen."

Lothar Lanz und Peter Christmann, der Finanzchef und der Chef-Werbevermarkter, haben das Unternehmen bereits verlassen. Jetzt wird es eng für den Manager Guillaume de Posch, der die marode Sendergruppe schon für Haim Saban so sanierte, dass dieser Finanzinvestor sein eingekauftes Schnäppchen mit enormer Gewinnmarge weiterreichen konnte. Wird Posch die bereits ausgepresste Zitrone noch ein zweites Mal versaften können?

Was ist Sat.1?

Das Kuriosum an dieser gebeutelten Sendergruppe ist vor allem deren Haupt- und Muttersender Sat.1. Dagegen hat Pro Sieben ein klares Profil: sehr jugendlich, mit wilden, oft von der deutschen Formatschmiede "Brainpool" produzierten Shows. Mit buntem Klatsch am Nachmittag, dem Erfolgsformat "Galileo" am Vorabend, knalligen US-Filmen und -Serien und gelegentlich witzigen deutschen Versuchen ("Stromberg", "Dr. Psycho"). Die "Corporate Identity" verkörpert Stefan Raab.

Sat.1auf der anderen Seite will wohl ein Familiensender sein, kann sich aber nicht auf Augenhöhe mit RTL behaupten, obwohl es neuerdings sogar wieder "Nachrichten" gibt. Am Nachmittag und Vorabend sind viele Versuche, aber seit "Verliebt in Berlin" kaum noch Erfolge zu beobachten. Allmählich sortieren die Chefs dieses Programmsegment wieder – auch mit viel Billigware. Mit "Clever" und "Genial daneben" finden sich ein paar ansehbare Shows, dazu einen Haufen von "Minstream"Filmen mit schreienden Titeln. Aktenzeichen-Meyer hat einen festen Platz gefunden. Kai Pflaume soll wohl das Sendergesicht sein, das aber ständig durch allerlei Albernheiten überdeckt wird. Eine neue Krimi-Reihe mit dem ehemaligen Vorabend-Star Alexandra Neldel läuft zufriedenstellend an und durch die Übernahme von Premiere-Fußball-Sendungen bessern sich auch wieder die schwachen Zuschauerzahlen.

Wie geht es weiter?

Da könnte eine mittelstarke TV-Gruppe organisch heranwachsen, wenn man sie denn ließe. Aber mit ihrer Strategie der "großen Sprünge" hin zum europäischen Medienkonzern tun Permira und KKR alles, um den landläufigen Urteilen über das Wirken der "Heuschrecken" Nahrung zu geben: Bei üppiger Dividendenausschüttung ziehen sie die Kostenschraube stetig an. Und soviel ist sicher: Ein Leben in ständiger Atemnot, knapp am Limit, raubt den die Lust an der Arbeit, die Leidenschaft für das Programm.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools