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31. März 2008, 12:00 Uhr

Wissen wie Hackfleisch

"Wissen vor 8" - so heißt das neue Häppchen Wissenschaft, das der unverdrossene Ranga Yogeshwar dem ARD-Publikum Tag für Tag mitten im Werbefernsehen verabreichen will. Kann das gut gehen? Von Bernd Gäbler

Erklärt in der ARD Arschbomben und kalte Frauenfüße: Ranga Yogeshwar© ARD/Uwe Stratmann/DDP

Ranga Yogeshwar kennt sich aus: in der Wissenschaft und im Fernsehen. Der studierte Physiker ist ein Meister der Veranschaulichung, manchmal ein Oberlehrer, unbedingt ein Didaktiker. Gerne hantiert er mit Requisiten, zeigt Grafiken und Animationen, spricht uns an mit nachdrücklicher Logik. Er benutzt das Medium Fernsehen, um uns auf die Sprünge zu helfen und macht sich doch keine Illusionen über dessen Grenzen. Er leitet eine Fachredaktion, moderiert ein Wissenschaftsmagazin, spielt mit in Quizsendungen. Er arbeitet mit Filmen in Superzeitlupe, gigantischen Vergrößerungen, Modellen und technischem Zauberwerk.

Ranga serviert Instant-Wissen

Einmal hat er sogar eine einzelne Sendung allein über die Relativitätstheorie gemacht. Aber er weiß auch, welche Voraussetzungen nötig sind, um einen Weg einzuleiten vom Staunen hin zum Denken, von der Anschauung zur Abstraktion, von der Faszination zur Wissenschaft. Die nimmt er ernst. Nicht eifernd, aber energisch weist er auf die Inflation der Begriffe Wissen und Wissenschaft im gegenwärtigen Fernsehen hin.

Nicht jeder Beitrag dürfe unter dieser Bezeichnung laufen, wenn er nur zeige, wie die Erbse in die Dose komme oder Döner auf den Spieß. Jetzt versucht Ranga Yogeshwar es in Kurzform. Er serviert uns allerlei Instant-Wissen, jeweils werktags um 19.45 Uhr in der ARD. Es geht um "Schmiergeld", kalte Frauenfüße, die Spritzer bei der "Arschbombe" oder um die Gemeinsamkeit von Müsli und Lawinen. Wissenschaftlich korrekt, logisch und verständlich soll alles sein. Der Produktionsaufwand ist beträchtlich.

Postman wäre erschüttert

Neil Postman diagnostizierte, dass wir uns zu Tode amüsieren. Als Medien-Kritiker war er selbst ein Medien-Star. Von Hause aus war er Pädagoge. Später hatte er den ersten Lehrstuhl für Medienökologie inne. Seine Skepsis insbesondere gegenüber dem Fernsehen wuchs, seit er versucht hatte, es als Lernmedium zu nutzen. Letztlich würden die Kinder durch das Fernsehen dem Unterricht zwar besser folgen - aber nur, wenn dieser auch so aussehe wie Fernsehen. Mit Fernsehen könne man nichts lernen, weil es nie etwas voraussetzen dürfe. Statt Lernschritte zu entwickeln, müsse es immer wieder bei Null anfangen, dürfe nie irritieren und nichts wirklich erörtern. Immerzu diene es nur dem einen Zweck: zu unterhalten. Dem ordne es alles unter - auch jeden ursprünglich anders gemeinten Inhalt. So mächtig sei die Form, dass TV jedes Curriculum unmöglich mache.

Was Ranga Yogeshwar treibt, ist nichts anderes als der permanente Versuch Postman zu widerlegen. Gelingt es ihm? Auf jeden Fall hat sich mir schon eingeprägt, dass es bei der "Arschbombe" zwei unterschiedliche Spritzer gibt: die Wasserverdrängung am Anfang und den Sog durch die Trichterbildung danach. Mit dem Schmiergeld wurden einst die Achsen der Kutsche geschmiert; schüttelt man Müsli, bewegen sich die Nüsse nach oben. Ich habe etwas gelernt, was ich vorher nicht wusste. Die Anschauung hat dabei geholfen. Zugegeben: Sehr viel Abstraktion war da noch nicht nötig. Aber so kurz vor der Tagesschau, mitten im Werbeprogramm, hat der Wissenschaftsjournalist ja auch nicht viel Zeit. Er versucht seriöse Erklärung unterhaltsam darzubieten. Nimmt man nur diese Sendung von etwas mehr als 120 Sekunden Dauer, dann wirkt sie nicht so als ersticke das Amüsement jeden Inhalt. Soweit, so gut.

Embedded by E-on

Aber das Umfeld! Da läuft nicht einfach ein Stückchen Wissenschaft mitten im Werbefernsehen! Von wegen! Der Energieriese E-on präsentiert Ranga Yogeshwar und sagt auch hinterher sofort, dass er dies getan hat. Wie das Stück Hackfleisch zwischen den getoasteten Brötchenhälften hängt das Wissen in der Werbe-Mitte. E-on steckt den Rahmen ab. Das kleine, gut gemeinte und gut gemachte Stück Wissen im Fernsehen ist "embedded by E-on". Der Energieriese umhüllt den Grimme-Preisträger. Das macht die Sache fatal. Auch wenn man kein Purist ist, diese Werbeform tut dem Inhalt nicht gut.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
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