Roche und Böhmermann, Joko und Klaas, Kuttner oder Bauerfeind - ungefähr alle Talente aus der Generation Viva sind nun in Spartenkanälen von 3Sat bis ZDF.Kultur mit eigenen Sendungen versorgt. Was sie da veranstalten, soll schrill, experimentell und authentisch sein. Aber muss man deswegen auch alles gut finden? Von Bernd Gäbler

Schönes, buntes Fernsehen: Sarah Kuttner, Joko Winterscheidt, Jan Böhmermann, Charlotte Roche, Klaas Heufer-Umlauf und Kathrin Bauernfeind© stern.de
Natürlich, das Fernsehen ist in seinen hauptsächlichen Programmen so öde durchformatiert und erwartbar unterhaltsam, dass alles bejubelt werden muss, was irgendwie schräg sein möchte, originell, spontan oder gegen den Strich gebürstet. Von dieser Begeisterung leben einige der schon fast zu Starruhm gelangten Protagonisten der mit den Hufen scharrenden "jungen Wilden" in der TV-Unterhaltung.
Für sie kann das bei der Firma Endemol unter Vertrag stehende Moderatoren-Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die von "Ahnungslos" bis "neoParadise" schon reichlich Erfahrungen gesammelt haben, als stilprägend gelten. Sie kombinieren pubertäre Unartigkeit mit nerdiger Akkuratesse. So entsteht eine Jungmänner-Attitüde von einigem Charme. Noch fallen sie immer wieder sehr leicht zurück in etwas simple rüde Frechheit, der Weg zu mehr erwachsener Stilsicherheit beim Blödeln und Stalken ist aber möglich. Immerhin sind sie nicht nur bei MTV Home für ein Spezialpublikum im Einsatz gewesen, das sie nun ebenso auf Zdfneo bespielen, sondern gehören auch zur Unterhaltungsmannschaft von Pro Sieben. Sogar als Nachfolge-Kandidaten für Thomas Gottschalk bei "Wetten dass..?" wurden sie ab und an genannt. Auf jeden Fall stehen sie dicht davor, vom Fernsehen "just for fans" ins "große" Fernsehen zu wechseln.
Auch ihnen ist aber eigen, was für fast alle der genannten jungen TV-Unterhalter gilt: Das Äußere scheint eine enorme Rolle zu spielen. Das Selbstbewusstsein wirkt gelegentlich dröhnend und immer scheint ein spontaner Einfall mehr zu gelten als klug Durchdachtes, das ein Produkt fleißiger Vorarbeit ist.
Roche & Böhmermann, eine Sendung, die nun immer sonntags ab 22 Uhr auf ZDF.Kultur zu genießen ist, soll - ja was denn eigentlich? - sein: eine Talkshow? Gerade keine Talkshow? Eine Talkshow, wie sie früher einmal war? Oder die Parodie einer Talkshow? Jan Böhmermann spielt als Reporter auch bei Harald Schmidt mit und zeigt da, dass er - etwa im Vergleich zu Oliver Pocher - geradezu ein Intellektueller ist. Charlotte Roche war eine sehr originelle Musikmoderatorin, hat sich bei "3nach9" schon im großen Talk erprobt, was sie dann schnell wieder sein ließ, wurde reich mit Büchern, die sie für ihre Generation schrieb und macht im Fernsehen nun, was ihr selbst Spaß macht. Mit großer Resonanz bei der Kritik - und so gut wie keiner beim Publikum. Was ja noch nichts heißen müsste, wenn es denn toll wäre.
Was aber auffällt an dieser eigenartigen Talkshow, die nicht genau weiß, was sie sein will, ist die Sorgfalt, die auf das Äußere gelegt wird. Alles ist dunkel, ein heller Leuchtring schwebt über dem Tisch, vor jedem Gast ragt ein Retro-Stabmikrofon auf. Dann gibt es noch einen Gag: alle können ihre eigenen Worte mit einem Piepser übertönen. So weit, so schön. Besonders stolz sind die Moderatoren offenkundig auf die einigermaßen ironischen Einspielfilme, mit denen die Gäste vorgestellt werden. Jedenfalls machen sie darum viel Brimborium. Aber leider gab es auch in der zweiten einstündigen Sendung kein einziges Thema, über das einigermaßen witzig, schlagfertig oder gar vertiefend debattiert wurde. Einen leeren Stuhl gab es und viele schale Witze, weil Collien Ulmen-Fernandez kurzfristig abgesagt hatte. Thilo Bode erzählte etwas zu Foodwatch und Charlotte Roche, dass sie dafür spendet. Bei einem Schönheitschirurgen stimmte etwas mit dem Doktortitel nicht, was aber nicht weiter erklärt wurde.
Ein wenig Hin und Her gab es zu Musicals, die Charlotte Roche "scheiße" findet. Dafür verehrt sie Harald Martenstein und wir erfahren, dass Lucy (Ex-No-Angels) zwei Kilo zugenommen hat, seit sie in einer glücklichen Beziehung lebt. "Sie wollen ja modern sein und anders", vermutete Thilo Bode, dem Jan Böhmermann daraufhin in die Parade fuhr: "Was cool ist, bestimmen wir".
Ja, es stimmt, diese Talkshow ist irgendwie ganz anders, aber nichts ist sie richtig - weder ist sie Ironie, noch nimmt sie einfach kein Thema ernst, noch schlägt sie aus irgendetwas Funken. Sie ist beliebig. Vermutlich können Charlotte Roche und Jan Böhmermann, die das andernorts ja schon gezeigt haben, sogar vielen Leuten auf ungewöhnliche Art Überraschendes entlocken, aber dazu müsste es vor der Sendung einen Plan geben, eine kluge Komposition und Dramaturgie. Zu spüren ist davon leider nichts.