Ab Sonntag zeigt RTL den Zweiteiler "Die Sturmflut". Der Film erzählt, wie im Februar 1962 die Elbe in Hamburg über die Ufer trat. 315 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. Der stern beobachtete die Dreharbeiten - und fror mit der Crew um Benno Fürmann, Nadja Uhl und Jan Josef Liefers.

Feuchte Kulisse: In einem Betonbecken in Essen wurde ein Straßenzug nachgebaut und geflutet. Über den Häusern leuchtet ein künstlicher Mond - im Wasser treiben eine Frau und ihr Retter© Heinrich Völkel
Vom Baldeneysee in Essen bis nach Hamburg-Wilhelmsburg fährt man normalerweise 398 Kilometer. Heute nicht. Heute stellt man das Auto auf dem Parkplatz ab, geht ein paar Meter am Ufer entlang und ist in der Hansestadt.
In einem Betonbecken, das etwa doppelt so lang ist wie der Airbus A380, wurde ein Straßenzug nachgebaut. Das Becken ist bis zum Rand geflutet mit sechs Millionen Liter Wasser. Ein Sarg und ein Auto, die Reifen nach oben, schwimmen an einer gelben Telefonzelle vorbei; an einem der 16 Häuser ist die Front eingebrochen, man sieht die Küche im zweiten Stock mit Holzanrichte und Ofen; schräg gegenüber steht die See-Apotheke, abgesoffen bis zur Nachtglocke. Und in der Apotheke klemmt Benno Fürmann unter einem Haufen Schutt fest. Nadja Uhl beugt sich angstvoll über ihn, Wasser schwappt ihr um die Taille. Sand bröckelt herunter. Sie zittert. Er stöhnt. "Hör mir zu", sagt er, "ich kann es nicht schaffen."
Das hier ist Wilhelmsburg, hier wird "Die Sturmflut" verfilmt, jene Katastrophe der Hamburger Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962. Aus dem Sturmtief "Vincinette" war ein Orkan geworden, der die Wassermassen der Nordsee die Elbe hochdrückte. In der Stadt erreichte der Flutpegel 5,73 Meter über Normalnull, 60 Deiche brachen, 315 Menschen starben. Es war und ist die größte Katastrophe der deutschen Nachkriegszeit.

Tröstender Zuspruch: Nadja Uhl und Benno Fürmann beim Dreh in den Trümmern einer Apotheke. Anders als die Hauptdarsteller tragen Kamera- und Tonleute wasserfeste Overalls© Heinrich Völkel
Am 19. und 20. Februar wird RTL "Die Sturmflut" ausstrahlen. Allein an dem See in Essen ist knapp vier Wochen lang gedreht worden. "Es ist irrsinnig schwer, in diesem Film schlecht zu sein", sagt Benno Fürmann. "Weil dich die äußeren Umstände zu einer Haltung zwingen, der du dich nicht entziehen kannst." Zwar ist das Wasser damals, Ende 2004, auf 20 Grad plus erwärmt, und Fürmann trägt unter weißem Hemd und schwarzer Weste einen fleischfarbenen Neoprenanzug - aber das macht es auch nicht kuscheliger, wenn die Außentemperatur gefühlte 20 Grad minus beträgt. Und es jetzt auch noch nieselt. Die nette Anja von der Produktionsfirma besorgt Gästen tannenbaumgrüne Anglerlatzhosen und etwa zwölf Meter hohe Gummistiefel. Nicht sehr sexy, aber praktischer als die Manolo Blahniks, mit denen eine Dame von RTL in den Matsch geschritten ist.
Am Beckenrand steht Jan Josef Liefers, 41, die dunkle Anzughose in klotzige Moonboots gesteckt, wie sie im Winter auch die Huren auf der Reeperbahn tragen. "So stehen die immer da", sagt Liefers, wippt auf und ab und säuselt in breitem Norddeutsch: "Süüüßaaa, komma heear!" Dann zieht er die Treter aus und steigt einige Stufen hinab ins Wasser; er muss jetzt Nadja Uhl helfen, Benno Fürmann zu retten.
Die Firma Teamworx bringt in diesem Winter eine Trilogie von Zweiteilern ins deutsche Fernsehen, die man auf eine Gleichung herunterbrechen kann: ein Stück Zeitgeschichte plus fiktive Love- story ist gleich Bildung auf unterhaltsame Art. Im November lief auf Sat 1 "Die Luftbrücke", da ging es um die Rosinenbomber über Berlin und eine Frau zwischen zwei Männern. Nun also "Die Sturmflut", da geht es um, jawohl, und eine Frau zwischen zwei Männern. Im März folgt "Dresden" im ZDF, da geht es um den Bombenangriff und, ja ach, eine Frau...
Simpel? Sechs, acht und zehn Millionen Euro haben die Produktionen gekostet, und jede ist ein "Jahrhundert-Megahammer-Filmfilm", oder wie immer das auf PR-Deutsch heißt. "Die Luftbrücke" hatte um die acht Millionen Zuschauer. Für "Die Sturmflut" hat der Produzent Nico Hofmann eine Million mehr einkalkuliert. "Wir haben das gesamte Altersspektrum besetzt", sagt er, "von Benno Fürmann bis Götz George, um nicht nur junges RTL-Publikum zu haben."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 8/2006
Der Film "Die Sturmflut", produziert von Nico Hofmann und Sascha Schwingel, ist Katastrophenfilm und Liebesgeschichte gleichermaßen: Action, viele Klischees, düstere Spezialeffekte, melodramatisch. Gut gemachter Mainstream.