Die kalte Frau Honecker

2. April 2012, 17:11 Uhr

Nach mehr als 20 Jahren Schweigen gibt Margot Honecker ihr erstes Interview im "West-Fernsehen". Das ist erhellend, macht aber vor allem wütend. Von Sophie Albers

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Uneinsichtig, weltfremd, selbstgerecht: Margot Honecker gibt ihr erstes TV-Interview©

Wut fühlt man. Und dazu muss man nicht einmal selbst in der DDR gelebt haben. Da sitzt diese Frau mit einem Blick, den sprichwörtlich kein Wässerchen trüben kann, und sagt Sätze wie "der brauchte ja nicht über die Mauer klettern", "dass diese Dummheit mit dem Leben bezahlt wurde, war schlimm für die Mütter", "dafür muss man sich nicht entschuldigen", "es war nicht umsonst, dass es die DDR gegeben hat". Die Frau heißt Margot Honecker, Witwe des 1994 verstorbenen Erich Honecker, und sie spricht über Mauertote, Stasi und das gesamte System DDR, das ihr Mann aufgebaut und getragen hat, und nach dessen Zusammenbruch sie 1993 nach Chile ging.

Mehr als 20 Jahre lang hat die Frau des (hoffentlich) letzten Diktators Deutschlands jedes Fernsehinterview verweigert. Dem Dokumentarfilmer Eric Friedler ("Das Schweigen der Quandts", "Aghet - Ein Völkermord") war schließlich das "Reporterglück" (Friedler) hold: Nach zwei Jahren Hartnäckigkeit hat Margot Honecker ihm dann doch Einlass und Einblick gewährt. Zu sehen sind: ein großes Stück menschliches Nichts - und Helden, die keiner kennt.

Eiskaltes Geschwätz

Der Titel der ARD-Dokumentation lautet zwar "Der Sturz - Honeckers Ende", und der Film zeichnet anhand historischer Aufnahmen und den Erinnerungen von Zeitzeugen Weg und Karriere von Erich Honecker nach. Doch was hängenbleibt, ist der arrogante Blick dieser kalten Frau, die sich von der Realität komplett abgeschottet hat, die in einer Kapsel lebt, in der man sie auch leben lässt. 1500 Euro Rente bezieht Frau Honecker aus Deutschland, was die 84-Jährige "unverschämt" wenig findet. Sie werde zusätzlich von "Genossen" unterstützt, sagt sie in ihrer Wohnung mit Garten in Santiago de Chile. Ihre Selbstgerechtigkeit potenziert sich noch, wenn Friedler ihr Stimmen von Opfern gegenüberstellt: Eine Frau, deren Kind nach einem Fluchtversuch der Mutter zur Adoption freigegeben wurde. Ein Mann, der das "Umerziehungslager", den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau überlebt hat. Beide wären sicher dankbar, wenn sie Margot Honeckers Talent zur Verdrängung hätten.

Margot Honeckers eiskaltes Geschwätz ist nach diesen Realitätseinblendungen noch schwerer zu ertragen. Als Ministerin für Volksbildung zeichnete sie verantwortlich für Tausende Zwangsadoptionen ("Gab es nicht!") und Stätten wie Torgau ("Es gab Kriminelle, die sich jetzt als Opfer ausgeben"). Sie führte den militärischen Drill auf den Schulhöfen ein ("Wir brauchen Kämpfer"), und sie sorgte für ideologische Gleichschaltung. Sie nehme all die Vorwürfe nicht als "an mich gerichtet wahr", sagt sie einmal. "Wenn mir das ein Genosse sagt, berührt mich das, aber nicht von einem Banditen. Da habe ich einen Panzer." Solch Starrsinn, solch komplette Verdrängung erinnert stark an NS-Regisseurin Leni Riefenstahl, die - wie Ray Müllers Dokumentation "Die Macht der Bilder" so beeindruckend zeigte - ebenfalls schon allein die Frage nach Reue als Unverschämtheit empfand.

Auf die Frage, ob dieser ideologische Starrsinn des 20. Jahrhunderts ihn nicht wütend gemacht habe, sagte Friedler im Gespräch mit stern.de: "Natürlich war ich erstaunt. Man geht zurück ins Hotelzimmer und denkt: Hallo?!" Er habe in all den Interviewstunden kein einziges Wort des Bedauerns gehört.

"Glück gehabt"

Pausen in dieser "beleidigte Ex-Diktatorin"-Show bieten Zeitzeugen wie Helmut Schmidt, Michail Gorbatschow, Gregor Gysi oder Eduard Schewardnadse. Während Schmidt den Schmidt macht - rauchend Honeckers Fehler aufzählt und einordnet -, schockt Ex-Sowjet-Außenminister Schewardnadse mit der wahren Aussage, dass die Honeckers großes Glück gehabt hätten: Den rumänischen Diktatoren-Kollegen Ceausescu habe man schließlich gleich erschossen.

Das hätte tatsächlich auch passieren können, wenn es nicht wahre Helden gegeben hätte. Und die sind das eigentlich Spannende an diesem Film. Die faszinierende Frage, so Friedler, sei für ihn gewesen: Wie sind wir mit unserem eigenen letzten Diktator umgegangen?

Auftritt Pfarrer Uwe Holmer

Nach Honeckers Absetzung durch Egon Krenz und den Wahlen am 18. März 1990, waren die Honeckers "auf der Flucht im eigenen Land", die "berühmtesten Obdachlosen der Republik". Niemand fühlte sich verantwortlich. Die Sicherheitslage der Honeckers sei in dieser Zeit des Umbruchs "ein Detail" gewesen, rechtfertigt sich der letzte kommunistische Regierungschef Ostdeutschlands, Hans Modrow.

Obwohl seine Familie als Kirchenvertreter in der DDR schwere Repressalien erlebt hat, nahm Pfarrer Uwe Holmer die Honeckers bei sich auf. Vor dem Haus in Lobetal, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Berlin, tobte bald der Mob. Lynchstimmung, beschreibt es ein zuständiger Polizeibeamter. Doch der Pfarrer stellte sich zwischen das wütende Volk und den gestürzten Diktator. Und die Menschen haben ihn respektiert.

Auch später, nachdem die Honeckers in ein anderes Haus in Lindow verlegt worden waren, das sofort belagert wurde, gingen die Protestierenden nie den letzten Schritt. "Ich hatte Scheißenangst", erinnert sich der damalige Bürgermeister angesichts der Bilder von aufgebrachten Menschen neben der Autokolonne, als die Honeckers schließlich nach Moskau ausreisten. Es sei ein Wunder gewesen, dass damals nichts passiert ist, sagt der ehemalige DDR-Oppositionelle und Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann.

Das letzte Wort hat dann aber natürlich doch wieder Helmut Schmidt, und es ist zugleich ein zynisches Urteil der Geschichte: "In 20 Jahren werden nicht einmal mehr Kinder in der Schule lernen, wer Erich Honecker gewesen ist."

Daran wird wohl auch dieser Film nichts ändern.

"Der Sturz - Honeckers Ende", 21 Uhr in der ARD

 
 
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