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1. August 2008, 16:58 Uhr

Darum gucken wir Promis beim Kotzen zu

Langeweile mit Gülcan Kamps, Schönheits-OPs mit Brigitte Nielsen und jetzt auch noch Drogenentzug vor laufender Kamera - immer mehr Prominente stellen ihr Privatleben im TV zur Schau. Voyeurismus hat Hochkonjunktur. Doch die geschmacklichen Entgleisungen zeigen, dass die Doku-Soaps ihren Zenit überschritten haben. Von Katharina Miklis

Öffentlich gelebte Beziehungen: Claudia und Stefan Effenberg lassen sich beim Umzug filmen, Jana Ina und Giovanni nehmen die Kamera sogar mit in den Kreißsaal und Sarah Connor und Marc Terenzi haben vor ProSieben-Kameras geheiratet© Helmut Fohringer/EPA; Jörg Carstensen/DPA; Rolf Vennenbernd

Am Sonntag haben wir noch mit Brigitte Nielsen Geburtstag gefeiert und ihre schönen, neuen Brüste bewundert. Am Dienstag mit Gülcan Kamps und Collien Fernandes auf dem Bauernhof Trübsal geblasen und am Donnerstag waren wir mit Sarah Connor Reizwäsche kaufen. Wer die Abende in dieser Woche vor dem Fernseher verbracht hat, kennt nicht nur die sexuellen Vorlieben von Frau Nielsen und die Körbchengröße von Sarah Connor, sondern hat sich unter Umständen auch durch das Leben sämtlicher anderer B-Promis gezappt.

Promi-Voyeurismus findet in diesem Sommer seinen vorläufigen Höhepunkt im TV-Programm. Immer mehr Stars machen ihr Privatleben öffentlich. Wer von seinem eigenen Leben gelangweilt ist, kann sich an den Banalitäten der Promis ergötzen und sich daran erfreuen, dass es unter Umständen noch Öderes gibt als das eigene Leben. Man muss noch nicht mal die Wohnung verlassen, um am Leben der vermeintlichen Stars teilzuhaben.

Reality-Soaps als Freundschaftsersatz

Die Quoten zeigen, dass der Promi-Trash zieht. Doch woher rührt die Faszination für das Leben der B-Promis, in dem oft gar nichts Aufregendes passiert? Für Trendforscher Andreas Steinle basiert das große Interesse auf mehreren Motiven: "Zum einen vermittelt der in seiner Normalität dargestellte Promi die entlastende Botschaft, dass man über keine außergewöhnlichen Talente verfügen muss, um reich und berühmt zu werden. Zum anderen ermöglicht die Abbildung des Alltäglichen, mit dem Promi eine parasoziale Beziehung einzugehen." Reality-Soaps funktionieren gewissermaßen als Freundschaftsersatz. "Der Zuschauer steht auf einer Ebene mit dem Promi und kann dadurch auf imaginärer Ebene Freundschaft mit ihm schließen." Aber das ist laut Steinle nicht alles: "Ein nicht zu unterschätzender Teil der Zuschauer erfreut sich sicherlich auch nur an der Peinlichkeit der sich selbst entzaubernden Promis und genießt das Fremdschämen."

Und das Fremdschämen fällt nicht schwer, wenn man bedenkt, wobei die Promis sich filmen lassen. Das Delmenhorster Popsternchen Sarah Connor und Ex-Boygroup-Sänger Marc Terenzi lassen bereits zum zweiten Mal ihr stinklangweiliges Alltagsleben dokumentieren. Und das ist so unaufregend, dass diesmal auch die Geschwister und Mutter Soraya verstärkt vor die Kamera gezerrt werden. Die ganze Familie im Selbstdarstellungswahn. Demnächst bekommt selbst Sorayas Ehemann, ein plastischer Chirurg, seine eigene Dokusoap. "Der Schönmacher - Die Welt des Dr. Tacke" soll laut RTL Geschichten aus dem Leben des "außerordentlich charmanten" Arztes zeigen.

Die härteste Währung in unserer Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit

Im Spätsommer werden sich Moderatorin Jana Ina und Ex-"Bro'Sis"-Sänger Giovanni Zarella nach ihrer TV-Soap "Just Married - Frisch verheiratet" nun auch bei ihrer Schwangerschaft begleiten lassen ("Wir sind schwanger"). Sogar im Kreißsaal soll gefilmt werden. Im Herbst lassen sich Claudia und Stefan Effenberg beim Umzug aus Amerika in die ehemalige Villa von Bastian Schweinsteiger nach München begleiten. Und wer denkt, Brigitte Nielsens Schönheits-OP-Soap war schon am Rande der Geschmacklosigkeit, dem sei gesagt: Es geht noch schlimmer. Ab heute Abend vollziehen drogensüchtige Promis wie Brigitte Nielsen und Hollywood-Schauspieler Daniel Baldwin in "Celebrity Rehab" auf MTV den öffentlichen Entzug.

Was versprechen sich die Prominenten davon, bei solchen Formaten mitzumachen? Laut Trendforscher Steinle geht es ihnen darum, nicht in Vergessenheit und damit in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. "Und für denjenigen, der auf das Geld angewiesen ist, geht es um die ökonomische Sicherung der Existenz." Allem voran geht es aber um die härteste Währung in unserer Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit. "B-Promis, die allein dafür bekannt sind, bekannt zu sein, sichern sich Aufmerksamkeit nur noch durch die Offenbarung intimster Details". Und die TV-Sender greifen dankbar zu, da Promi-Doku-Soaps billig zu produzieren sind und trotz ihrer zweitklassigen Qualität genügend Zuschauer erreichen.

Wenn der letzte Promibusen gestrafft ist...

Und was kommt, wenn der letzte ausgeleierte Promibusen gestrafft, der Seelenstriptease und Drogenentzug vollzogen wurde? Der Trendforscher sieht da noch durchaus Raum für die Ausweitung der Intimitäts- und Peinlichkeitsschwelle: "Heute lassen sich Promis beim Fettabsaugen filmen - was schon extrem geschmacklos ist. Morgen werden sie uns womöglich noch vorführen, wie sie aus dem Fett ein Kunstwerk basteln." Doch das Ende ist in Sicht. "Irgendwann nutzt sich diese Steigerungslogik so weit ab, dass die Zuschauer das Interesse verlieren. Die aktuellen geschmacklichen Entgleisungen deuten darauf hin, dass die Promi-Doku-Soaps ihren Zenit überschritten haben."

Die Zeit wird also kommen, in der manch einer sich wieder daran gewöhnen muss, sein eigenes Leben zu leben. Eine Zeit, in der wir unserem imaginären Freund Daniel Baldwin nicht mehr den Kopf über der Kloschüssel halten müssen, Sarah Connor nicht mehr beim stundenlangen Shoppen begleiten und uns nicht mehr mit Gülcan die Fußnägel lackieren. Aber kein Grund zur Sorge: Das Leben geht weiter. Für alle, die nicht wissen wie, hat der Trendforscher noch einen guten Tipp: "Wieso gucken wir unseren Nachbarn nicht einfach beim Rasenmähen zu. Das ist doch viel extremer."

Von Katharina Miklis
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
lamhar52 (02.08.2008, 21:45 Uhr)
Zum Kotzen
Spare ich Energie, damit man Promis beim Kotzen zusehen kann? Wird dafür Energie verschwendet, damit es diese Menschen mit erhöhter Promiskuität besser haben als andere, die ihnen ersatzweise zuschauen dürfen? Dieses Verhalten kennen wir aus der übrigen Tierwelt, wo die Niederen beim Sex und Fressen nicht zum Zuge kommen und nur Zuschauer sind.
Ich glaube, bei Menschen heißt das "Sozialdarwinismus" und Dekadenz. Ich bin kein Moralist und Sittenwächter, aber irgendwo ist eine Grenze erreicht Mir tun regelmäßig die Teenies und Omis leid, die solche Promis jedweder Coleur mittels "Grünes Blatt, Frau im Spiegel, Trend und wie sie alle heißen" anhimmeln und vergöttern. Dieses Klientel und diese Leser sind im weitesten Sinne für das Unheil in dieser Welt verantwortlich. Wer sagte in diesem Sinne noch: ...die Pazifisten der Weimarer Zeit haben AH erst möglich gemacht? Die Fans unserer Promis machen das Kotzen erst möglich.
faustjucken_de (02.08.2008, 09:51 Uhr)
jaja, jetzt kommen Sie wieder aus ihren Löchern gekrochen..
die großen Heuchler: "ich habe schon seit 2 Jahren keinen Fernseher mehr"
Das ist 100% eine Lüge.
Ich sage dir, wer solche Sendungen guckt, Leute die auch solche Stern-Reportagen lesen, um sich dann schön drüber aufregen zu können.
Ich gucke solche Sendungen, weil sie real eklig sind, besser als jeder Splatter-Film.
Ich gucke alles, was auf der nach oben offenen Fremschäm-Skale mindestens 3 Gottschalks hat....
deveraux (01.08.2008, 21:21 Uhr)
Das unterschreib ich
Kein Fernsehen mehr schauen, ist eine gute Entscheidung, weil die Macher uns für dumm halten. Einfach abschalten, dann wegwerfen und ein besseres Leben beginnen.
huddelduddel (01.08.2008, 20:50 Uhr)
@jsmooth, @botoxia
besser hätte ich den ganzen Klamauk auch nicht kommentieren können - bravo
jsmooth (01.08.2008, 19:29 Uhr)
Was zum?
Ich schau seit knapp 2 Jahre kein Fernsehen mehr, weil eben nur Mist kam/kommt. Wirklich schlimm wie weit das TV in diesen 2 Jahren sinken konnte. 2 lächerliche Jahre und sie haben es in der kurzen Zeit von geschmacklos zu ekealhaft geschaft.
Können Sie noch weiter sinken? Was kommt nach ekelhaft? Was passiert mit dem Fernsehen, wenn man man nicht mehr tiefer sinken kann?
Achja, wer sich für das Privatleben irgendwelcher Leute interessiert, die er nicht persönlich kennt, sollte sich Gedanken machen, was im eigenem Leben falsch läuft.
botoxia (01.08.2008, 19:23 Uhr)
Beerdigungen fehlen noch
Lasst uns doch noch bei euren Begräbnissen zuschauen, liebe B´s und C´s. Und sei es auch gefaked, wenigstens wäret ihr dann "tot und begraben", sodaß wir, die erstaunlicherweise noch nicht den Fernseher abgeschafft haben, endlich unsere Ruhe hätten, vor weiteren Peinlickeiten.
By the way, Sarah, warum machst du das, du kannst doch wirklich gut singen...
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