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Das traurige Leben des Herrn Matthäus

Er war mal ein Weltstar, jetzt lässt er sich von Vox beim Eierbraten filmen. Matthäus' Selbstdarstellung in der Personality-Doku "Lothar - immer am Ball" ist mittlerweile sogar dem Sender peinlich.

Von Katharina Miklis

  Offenherzig in Mode- und Gefühlsdingen: Lothar Matthäus und Freundin Joanna Tuczynska

Offenherzig in Mode- und Gefühlsdingen: Lothar Matthäus und Freundin Joanna Tuczynska

  • Katharina Miklis

Im Loft über den Dächern von Budapest herrscht dicke Luft. Das Frühstücksei ist angebrannt. Das polnische Unterwäschemodel zieht eine Schnute: "Ich sehe erste Mal so scheiße Eier." Wieder alles falsch gemacht: Lothar Matthäus ist sauer. Nicht auf die Schnute, nicht auf das Ei, nicht auf die Pfanne - sondern auf sich selbst: "Ich suche die Schuld nicht bei anderen, sondern immer bei mir."

Fast kann er einem leid tun. Nicht nur weil Lothar Matthäus extra früh aufgestanden ist, um seiner aktuellen Liebe, dem polnischen Model Joanna Tuczynska, Cola und Eier zum Frühstück zu servieren - und diese ihn so undankbar abkanzelt. Sondern auch, weil er mal wieder die ganze Welt daran teilhaben lässt, was bei ihm zu Hause schiefläuft. Lothar Matthäus hat es wieder getan: Er lässt die Kameras bis an seine Bettkante. Diesmal lässt er sich für eine Personality-Doku auf Vox filmen. Und wieder geht alles schief.

Lothar an der Wursttheke - und beim Skifahren

"Lothar - immer am Ball" heißt die sechsteilige Doku-Soap, die der Sender am späten Sonntagabend versteckt hat. "Sie sollen mich in dieser Doku so kennenlernen, wie ich wirklich bin und nicht, wie ich häufig dargestellt werde", sagt der Ex-Fußballer, der seit ein paar Jahren in Budapest lebt - weil dort alle so viel netter zu ihm sind als in Deutschland. Er will nicht mehr der Mann sein, in dessen Leben die Brustvergrößerungen seiner Ex-Frauen eine größere Rolle spielen als der Fußball. Er will mit Vorurteilen aufräumen, nicht mehr nur der Busenbezahler sein. Und so sieht man Lothar Matthäus an der Wursttheke in Budapest, beim Skifahren in Zermatt und beim Feiern in Berlin. Und wenn das der echte Loddar ist, dann ist die ganze Geschichte um seine Liebeswirrungen vor allem eins: noch viel trauriger als gedacht.

Die Doku zeigt einen verblassenden Semipromi und früheren Weltstar, der auf dem Platz alles erreicht hat und nun verzweifelt versucht, in seinen eigenen vier Wänden weiterzuführen, was ihm karrieretechnisch längst entglitten ist.

Die Fußmatte, die Joghurts im Kühlschrank - alles im Hause Matthäus ist auf Linien ausgerichtet. "Ein Fußballplatz besteht auch aus Linien, das ist so in meinem Kopf drin", erklärt der 51-Jährige, der seit seiner Entlassung als bulgarischer Nationaltrainer vor anderthalb Jahren ohne Traineramt ist. Die Putzfrau, die dreimal die Woche kommt - auch wenn er gar nicht da ist - ist auf diesen Tick eingestellt. Die Post ist akkurat auf dem dafür vorgesehenen Tischchen angerichtet - an Linien ausgerichtet, versteht sich.

Treudoof, herzensgut, naiv

Ziemlich schnell macht die Personality-Doku klar: Das wahre Gesicht, das Matthäus hier zeigen will, ist in Wahrheit das, welches aus dem Boulevard hinlänglich bekannt ist. Das des vergessenen Fußballstars, dem der Ruhm fehlt und osteuropäische Frauen zufliegen. Treudoof, herzensgut, naiv. Die inszenierte Liebe des Ex-Fußballstars und des 20 Jahre jüngeren Models, sie wirkt so echt, wie Tuczynskas Lippen. Obwohl der Sender vorab versprochen hatte, ihn nicht bloßzustellen, geschieht dies doch immer wieder. Etwa wenn Matthäus Tuczynskas "dolle Merkmale, wo die Männer hinschauen" anpreist, oder er seiner Freundin im Winter die Strumpfhose verbietet, weil er dies bei den Mädels in den Discos von London abgeguckt hat.

In einer Schlüsselszene der ersten Folge, sieht man Matthäus in seiner penibel aufgeräumten Wohnung vor einem Regal stehen, auf dem unter anderem zwei Holzgiraffen miteinander schmusen. In der Hand hält er eine gerahmte Fotografie von Starfotografin Annie Leibovitz. Sie zeigt den jungen Matthäus, stilisiert zum italienischen Macho - im Unterhemd und edlen Halbschuhen mit einem Fußball auf der Straße sitzend. "Dieses Bild zeigt mich jung, knackig, gebräunt", sagt Matthäus. "Ein sportlicher Körper, moderner Style, der intensive Blick der Konzentration, der Sehnsucht, das passt einfach zu mir".

Was die Doku nicht erklärt: Dieses Foto, eine Werbeaufnahme für American Express, entstand Anfang der 90er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Matthäus war gerade mit Inter Mailand italienischer Meister geworden, Weltmeister mit der Nationalmannschaft, Weltfußballer des Jahres. Der gelernte Raumausstatter aus dem fränkischen Herzogenaurach hatte es zum Weltstar geschafft. So weit nach oben ging es nie wieder. Nun steht er in seiner Wohnung in Ungarn, der Rauch der verbrannten Eier hängt noch in der Luft, und trauert den alten Zeiten hinterher. Und der Zuschauer empfindet nur Mitleid.

Im Nachtprogramm versteckt

Es gibt viele Sportler, die den Weg über das Fernsehen zurück nach oben suchten. Mal fehlte das Geld, mal die Aufmerksamkeit. Ailton und Eike Immel versuchten es im RTL-Dschungelcamp, Stefan Effenberg ebenfalls über eine Personality-Doku auf RTL. Boris Becker ließ seine Hochzeit vom gleichen Sender filmen. Ihr Bild in den Medien zurechtzurücken, gelang jedoch keinem dieser Herren.

Selbst bei Vox ist man nicht begeistert von der Soap, die im Rahmen der EM anders als geplant nun spät am Abend ausgestrahlt wird. Dass man "nicht wirklich glücklich mit dem Programm" sei, gab Vox-Chefredakteur Kai Sturm vor einiger Zeit zu. Auch für Lothar Matthäus wäre es wohl besser gewesen, wenn er sich diese Selbstdemontage erspart hätte. Aber er scheint an einem Punkt zu sein, an dem das Motto schlicht und einfach lautet: besser die Kameras von Vox in der Wohnung als gar keine Kameras mehr im Leben.

"Lothar - immer am Ball", sonntags um 23.10 Uhr auf Vox

Liebe Leser, leider ist uns in der ersten Version des Artikels ein Missgeschick unterlaufen: Budapest liegt natürlich in Ungarn und nicht in Bulgarien. Wir haben den Fehler korrigiert.

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