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Moralische Instanz inmitten von Fratzen

Intrigen, böse Gerüchte und Lügen beherrschen das Klima im Dschungelcamp. Doch ein Kandidat bleibt sich treu, weint viel und ist lieber allein, statt sich am bösen Treiben zu beteiligen. Nicht nur dafür hat Peer Kusmagk die Dschungelkrone verdient. Eine stern.de-Wahlempfehlung.

Von Gerd Blank

  Peer Kusmagk

Peer Kusmagk

  • Gerd Blank

Kann man noch wahre Größe im TV-Trash entdecken? In einem Format, das unzählige Kameras auf die Niederungen menschlichen Seins richtet, keine Privatsphäre mehr zulässt? Das Dschungelcamp ist so etwas wie das fleischgewordene Facebook: Jeder Teilnehmer von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" versucht sich von seiner besten Seite zu zeigen und möglichst wenig Privates auszuplaudern. Doch ach, je mehr Tage man gemeinsam hungert, die Stärken und vor allem die Schwächen der anderen Kandidaten kennenlernt, desto schneller fällt die freundliche Maske und legt bei einigen Teilnehmern eine grässliche Fratze frei.

Eigentlich wollte Peer Kusmagk nach eigenem Bekunden im Dschungelcamp ja nur eine gute Zeit haben, neue Menschen kennenlernen und ein wenig an seine Grenzen kommen. Klar, auch die Antrittsprämie, die der Ex-Soapdarsteller ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten") und Ex-Moderator ("Morgenmagazin") einheimst, wird für Kusmagk ein guter Grund gewesen sein, nach Australien zu fahren - schließlich wurde sein Restaurant in Berlin ein Opfer der Flammen. Doch anscheinend hat niemand den Hobbykoch darauf vorbereitet, was ihn im Dschungelcamp erwartet.

Harmoniesucht und Trostspender

Kusmagk, das zumindest suggerieren die TV-Bilder, ist ein geselliger Typ, er hat offensichtlich gerne Freunde um sich. Man könnte ihn als harmoniesüchtig bezeichnen, aber wäre das wirklich eine schlechte Eigenschaft in einer solch zusammengewürfelten Gruppe? Er möchte halt dafür sorgen, dass die Stimmung gut ist. Schließlich ist man ja nur ein paar Wochen zusammen, da ist schlechte Laune fehl am Platz. Natürlich hat jeder Mensch in diesem Camp seine tiefen, dunklen Momente - aber dann ist der Peer zur Stelle und spendet Trost.

Als sich Sarah Knappik im Camp immer weiter ins Abseits plapperte, als kein anderer Dschungelcamper mehr mit ihr am Lagerfeuer sitzen wollte, da war es Peer, der ihr ein Ohr bot. Nicht, weil er mit allem einverstanden war, was die Blondine erzählte, sondern weil er ein Freund sein wollte. Und Freunde sind schließlich füreinander da.

Im Gegensatz zu den anderen Campteilnehmern verhält sich Peer integer wie aus dem Lehrbuch für soziale Kompetenz. Er hätte es sich einfach machen können und gemeinsam mit seiner wichtigsten Bezugsperson, Mathieu Carriere, die Nervensäge Sarah Knappik beschimpfen. Aber so tickt der Kusmagk nicht. Er zeigte Stärke und blieb allein, wo sich die anderen wie ein Rudel hungriger Wölfe zusammenrotteten und die unbequeme Sarah hinausekelten.

Man kann Peer zum Vorwurf machen, dass er diese Zwangsgemeinschaft mit Freunden verwechselt hat. Aber der Anfang war ja auch so schön. Ob Katy, Gitta oder Mathieu, ob Frooooonck, Jay oder Indira: alle Teilnehmer waren so nett zueinander. Das Camp war plötzlich eine schöne Utopie, in der sogar die eigenwilligen Rentner Eva Jacob und Rainer Langhans integriert wurden. Man half sich, man lernte sich kennen. Und Peer, ein Mann voller Emotionen, suchte sich seine verwandte Seele: In Mathieu Carriere fand Kusmagk den perfekten Partner, seinen väterlichen Freund. Die platonische Liebe ging so weit, dass sie gemeinsam das Fleisch einer Grille teilten.

Kusmagk war es auch, der extra für Gittas Geburtstag Luftballons ins Camp schmuggelte. Kein böses Wort über die anderen Teilnehmer kommt über Peers Lippen, er ist eine moralische Instanz in einer komplett unmoralischen, künstlichen Welt. So wies er sogar Mathieu Carriere für dessen Beschimpfungen an Sarah zurecht - und beendete damit die Männerfreundschaft.

Die Sünden der anderen

Es scheint, dass Sarah mit einigen ihrer Anschuldigungen nicht unrecht hatte. Dachte man Anfangs noch, man hat Jay Khan und Indira Jones zu unrecht jahrelang medial ignoriert, entpuppte sich deren positive Selbstdarstellung im Camp als Etikettenschwindel. Auf Facebook, in Blogs und Foren unterhalten sich Dschungelcamp-Fans über die beiden Casting-"Stars". Aus Indira wird "Intriga" und Jay wird dort zu "Gay".

Ob deren Liebesbeziehung gespielt ist oder ob echte Gefühle im Spiel sind, ist eigentlich egal. Wenn es der Karriere hilft, greift man halt manchmal zu fragwürdigen Mitteln - schließlich nimmt man ja sowieso schon an der Riesen-TV-Schummelei Dschungelcamp teil.

Unschön wird es allerdings, wenn die beiden Möchtegernstars dies auf den Rücken anderer Teilnehmer machen. Und plötzlich wird Peer zur Zielscheibe ihrer heimtückischen Attacken. Während Jay und Indira mutmaßen, dass Peer wohl eifersüchtig sei, auf Jays Stärke und Aussehen, auf die Turtelei und eigentlich in Jay oder Indira (oder sogar beide) verliebt sei, malt Kusmagk eine Liebesbotschaft für seine in Deutschland gebliebene Freundin auf eine Palme.

Und die anderen Dschungelgenossen? Katy Karrenbauer zum Beispiel? Sie spielt FDP und koaliert immer mit der stärksten Fraktion. Doch dieses anbiedernde Verhalten mit ihrem pseudoverständnisvollen Ton entpuppte sich spätestens dann als Farce, als sie voller Inbrunst Sarah Knappik kurz vor deren Auszug anbrüllte.

Wo andere Menschen Ecken und Kanten haben, sitzen bei Thomas Rupprath die Muskeln. Stromlinienförmig versucht er, im Windschatten von Jay Khan das Finale zu erreichen. Wie das Weltbild von Rupprath funktioniert, zeigen seine Äußerungen zu Peer Kusmagk: "Er ist nicht so powerful, nicht so tough wie wir!" Ist das tatsächlich so? Ist Peer wirklich das schwächste Glied in der Dschungelkette? Ganz und gar nicht.

Auch Männer dürfen weinen

Peer ist der einzige wirkliche Teamplayer im Camp, auch wenn er inzwischen wie ein trauriger und einsamer Clown über den Bildschirm flimmert. Ein wenig wirkt der Peer am Ende der spektakulären fünften Staffel wie ein kleiner Junge, der keine Spielkameraden mehr hat. Er beschäftigt sich viel mit sich selbst, spielt mit seinem Stoffaffen und singt vor sich hin. Aber was soll er auch sonst machen, wenn keiner mehr mit ihm spricht? Und warum darf ein Mann nicht weinen, wenn ihm zum Heulen zumute ist? Warum ist er ein "Weichei", nur weil er im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern Gefühle zeigen kann? Die Zeiten, dass nur Muskeln einen echten Mann ausmachen, sollten doch bitteschön vorbei sein.

Es stimmt, Kusmagk ist sehr nah am Wasser gebaut und vergießt, überwältigt von seinen Gefühlen, die eine oder andere Träne. Aber lieber die Hormonschübe von Peer Kusmagk, als das versprühte Testosteron von Khan und Rupprath.

stern.de gibt daher eine klare Wahlempfehlung: Peer Kusmagk hat es verdient, zum Dschungelkönig 2011 gewählt zu werden.

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