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Menderes ist Dschungelkönig - danke, Deutschland!

Weder Kasalla noch Frauenpower: Mit Menderes Bagci wurde ein Underdog Dschungelkönig, der selbst im Moment des Sieges nicht triumphierte - sondern dicke Tränen vergoss. Was kommt jetzt?

Von Mark Stöhr

Menderes Bagci hat den Thron im RTL-Dschungelcamp bestiegen

Hat den Thron im RTL-Dschungelcamp bestiegen: Menderes Bagci

Das ungeliebte Kind ist jetzt König. Der Antiheld, dem seine Ängste und Komplexe wie eine Schraubzwinge im Nacken sitzen. Der Sänger ohne Stimme. Mit Bagci gewann das schwächste Glied in der Kette des Dschungelcamps. Danke, Deutschland, du bist ja doch nicht so ein Arschloch, wie wir in letzter Zeit immer gedacht haben.

Es hätte ja auch anders laufen können. Thorsten Legat, der aufgepumpte Proll, der Macher mit den einfachen Wahrheiten, Idol der Kraftmeier und Enthaarungsfetischisten, streckte seine Pratze nach dem Zepter aus. Am Ende hielt er eine Wahlkampfrede wie auf einem Kameradschaftsabend. "Es geht um Ehre und Stolz", marschierte es aus dem Glatzenschädel, als würde er sich um das Eiserne Kreuz bewerben. Legat wurde Dritter, für ihn eine krachende Niederlage.

Sophia Wollersheim ließ im Finale ihre Maske fallen

Oder man stelle sich , die aufgetunte Puff-Blondine, mit der Dschungelkrone vor. Das Kopfgemüse wäre innerhalb von Sekunden welk geworden aus Protest und Ekel. An der Billig-Schönheit sind die falschen Brüste noch das Ehrlichste. Um sich aus dem Düsseldorfer Rotlichtmilieu rauszugentrifizieren, war ihr jedes Mittel recht. Sie intrigierte und manipulierte, schleimte rum und schoss scharf, wenn es zu ihrem Vorteil war. Eine sehr unfeine Person.

Als sie nach Legats Rauswahl allein mit Menderes im Camp zurückblieb, ließ die 28-Jährige endgültig ihre Maske fallen. So penetrant wie die Mitarbeiterinnen ihres Mannes Bert die Freier versuchte sie, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. "Jetzt entscheidet es sich“, züngelte sie in Richtung der Kameras, "zwischen dem stillen Lämmchen, das immer nur zuhört und lieb ist, und einer charakterstarken Frau, die immer ihre Meinung sagt." Petri Heil, Frau Wollersheim, Sie waren die Alternative für – aber wir fanden den kleinen schüchternen Deutschtürken dann doch geiler.

Menderes weinte bitterlich, als sein Sieg feststand

Was Sophia und Legat außer ihrem Körperkult vereinte, war die mal verdeckte, mal ganz offene Verachtung für Menderes. Bis zum Schluss hielten die beiden es nicht für möglich, dass ein so verkrampftes Persönchen ohne Masterplan, für viele der geborene Versager, ernsthafte Chancen auf den Titel haben würde.

Man kann sich den See aus Gift und Galle ausmalen, der nach dem Votum hinter den Kulissen gespuckt wurde. Allein dafür hat sich die Wahl schon gelohnt.

Und Menderes? Der weinte bitterlich, als sein Sieg feststand, und irrlichterte schluchzend durchs Camp wie ein hospitalisierender Waschbär. Das war so rührend und ergreifend wie selten was im RTL-Universum. Als Sonja Zietlow nach der Krönungszeremonie im Baumhaus auch noch Dirk Bach gedachte und meinte, dem 2012 verstorbenen Ex-IBES-Moderator hätte der neue König sicherlich gut gefallen, flossen die Tränen aus allen Akteuren.

Menderes' Stärke ist, Dinge zu erdulden

Menderes ist jetzt Majestät – Zeugen einer Heldenwerdung wurden wir in den vergangenen zwei Wochen aber nicht. Klar, hat sich der 31-Jährige bravourös durchgebissen und den körperlichen Strapazen Stand gehalten trotz seiner chronischen Darmerkrankung. Im Grunde jedoch handelte er nur gemäß seiner psychischen Disposition: Er machte alles, was man ihm sagte.

In seiner abschließenden Dschungelprüfung legte er sich fünf Minuten lang in ein Erdloch ("Gut, dann sagen wir mal: Bis später“), in das nach und nach Schlangen mit unterschiedlichen Namen und Längen geschickt wurden, und gab keinen Mucks von sich.

Sachen zu erdulden, ist die große Stärke des notorischen Ja-und-Amen-Sagers. Das immer wiederkehrende Attribut, das er sich in den kurzen Wahlwerbespots selbst gab, war "fleißig". Menderes ist der perfekte Butler.

Dschungelcamp Menderes Bagci

Häschen in der Grube: Menderes bleibt trotz Schlangen tapfer.


Was wird nach dem Dschungelcamp aus Menderes?

Was heißt das nun für seine Sozialprognose? Nicht viel Neues. Wahrscheinlich wird er weiter sein Glück im Showgeschäft versuchen und eine Zeitlang zu ordentlichen Gagen durch die verschiedenen Formate tingeln, bis sein Dschungelruhm verblasst ist und er wieder in der Versenkung verschwindet. Denn letztlich fehlt es ihm schlicht an Talent, sich als ernsthafter Unterhaltungskünstler zu etablieren.

Bleibt nur zu hoffen, dass er an die richtigen Leute gerät, die sein frisch gewonnenes kleines Vermögen vernünftig verwalten. Mensch, Menderes, mach doch eine Putzfirma auf oder einen Lieferservice – aber lass die Finger von der Musik!


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