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13. Januar 2012, 17:21 Uhr

Das Urwaldlager als moralische Anstalt

Das Dschungelcamp ist Unterschichten-TV, das auf niedere Instinkte des Publikums abzielt und Häme weckt? Weit gefehlt: Die Zuschauer verhalten sich hoch moralisch - und bestrafen schlechtes Benehmen. Von Carsten Heidböhmer

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Die Zuschauer mögen keine Fake-Paare. Auch bei Indira Weis und Jay Khan gab es Zweifel, ob ihre Liebe echt ist© Uli Deck/DPA

Es war im vergangenen Januar, Karl-Theodor zu Guttenberg war damals noch amtierender Verteidigungsminister und galt vielen als moralische Lichtgestalt. Da empörte er sich bei einer Rede über das Dschungelcamp: "Da ist die Überlegung schon manchmal, ob man vielleicht nicht einfach auch mal als Gesellschaft und auch politisch Verantwortlicher sagen kann: 'Muss das Niveau wirklich sein in unserem Lande?'". Es sollte eine seiner letzten großen Reden sein, denn kurz darauf stolperte der Hoffnungsträger der deutschen Politik über eine Plagiatsaffäre.

In der Rede griff der Populist Guttenberg ein - vor allem in bürgerlichen Kreisen - verbreitetes Vorurteil auf: Das Dschungelcamp sei Unterschichtenfernsehen und spreche die niedersten Instinkte der Zuschauer an. Doch damit lag der Politiker ziemlich daneben. Zwar ist nicht zu leugnen, dass Häme und Voyeurismus eine Antriebsfeder für viele Zuschauer sind, die Sendung einzuschalten. Doch was sie dort geboten kriegen, kommt dem nahe, was sich Friedrich Schiller unter einer "Schaubühne als moralische Anstalt" vorstellte. Denn die elf Kandidaten bringen im Dschungelcamp jedes Jahr wieder neu ein Lehrstück über ethisches Handeln unter den Bedingungen der heutigen Mediengesellschaft zur Aufführung.

Klatsche für Knappik

Die Erfahrung des vergangenen Jahres zeigt: Wer sich im Camp unmoralisch verhält, wer mobbt, über andere lästert oder sich zu offensichtlich verstellt, wird vom Publikum gnadenlos abgestraft. Die Zuschauer mögen sich eine Weile an schäbigem Benehmen ergötzen, am Ende belohnen sie anständiges und vor allem ehrliches Verhalten.

Was sich 2011 im australischen Urwald zutrug - und wie die Zuschauer darauf reagierten-, war ein Paradebeispiel für funktionierendes sittliche Empfinden vonseiten des Publikums. Zunächst wiesen sie die Campbewohnerin Sarah Knappik in die Schranken, die sich mit ihrem Narzissmus und ihrer Egozentrik ständig in den Vordergrund gespielt hatte. Sie bestraften Knappiks mangelnde Gruppenkompatibilität, indem sie die anstrengende Blondine rekordverdächtige fünf Mal per Telefonabstimmung zur Dschungelprüfung schickten.

Die Mobber wurden abgestraft

In der zweiten Woche registrierten die Fernsehzuschauer feinfühlig auf den Stimmungsumschwung im Camp: Mehrere Teilnehmer der Gruppe rotteten sich gegen die Ex-Topmodel-Teilnehmerin zusammen und mobbten sie. Das kam beim Publikum nicht gut an: Die Mobber mussten nacheinander das Camp verlassen, keiner von ihnen schaffte es unter die letzten drei. Vor allem Mathieu Carrière nahmen viele Zuschauer das intrigante Verhalten übel. Ganz anders erging es dagegen Peer Kusmagk, der als einziger den Mut aufbrachte, Knappik offen zu verteidigen und sich damit gegen die Gruppe stellte. So viel Zivilcourage zahlte sich auch im fernen Urwald aus: Der lange Zeit unscheinbare Moderator eroberte die Herzen der Zuschauer und gewann die Dschungelshow.

Einen tiefen Sturz erlebten Jay Khan und Indira Weis, die lange in der Publikumsgunst ganz oben standen: Beide verfügen über ein attraktives Äußeres und setzten ihre gut gebauten Körper immer wieder fernsehtauglich in Szene. Dann überspannten sie den Bogen und inszenierten eine Liebesgeschichte Das nahm ihnen ein Großteil der Zuschauer nicht mehr ab. Zu unnatürlich schienen die gezeigten Gefühle, zu abgekartet wirkte der Flirt. Der Zuschauer goutiert es jedoch nicht, wenn er den Eindruck bekommt, ihm werde etwas vorgespielt. Auch hier war Peer Kusmagk das Gegenmodell, der sich nicht zu schade war, Verletzlichkeit zu zeigen und im Dschungelcamp Tränen zu vergießen.

Der Zuschauer honoriert gute Taten

Die Kandidaten für das diesjährige Camp sollten daraus ihre Lehren ziehen, das gilt insbesondere für die "Busenwunder" Brigitte Nielsen und Micaela Schäfer. Das Interesse an ihnen ist bei den Zuschauern vorhanden, wie die hohe Zahl an Suchabfragen bei Google belegt. Die Sympathie müssen sie sich jedoch erst erkämpfen, wollen sie am Ende mit der Dschungelkrone das Camp verlassen. Ein paar Mal mit nackten Brüsten in den See zu steigen, wird da nicht genügen.

So wird die Spannung und der Reiz für den Zuschauer auch diesmal wieder darin liegen, einem gesellschaftlichen Experiment mit ungewissem Ausgang beizuwohnen. Wahrscheinlich ist nur: Gewinnen wird am Ende der Kandidat, der das Herz der Zuschauer erobert. Mit guten Taten und authentischem Verhalten.

Um abschließend die Frage von Karl-Theodor zu Guttenberg zu beantworten, ob das Niveau wirklich sein muss: Gerade in Zeiten, in denen ein ehemaliger Verteidigungsminister und sogar der amtierende Bundespräsident moralischen Kredit verspielen, sollten wir froh sein über solche Sendungen, in denen der Zuschauer sich ein Bild über ethisches Verhalten machen - und dann Entscheidungen fällen kann.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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