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30. Januar 2012, 14:30 Uhr

RTL und die Allesfresser

Das Dschungelcamp 2012 hat RTL hervorragende Quoten beschert. Obwohl im Urwald zumeist gähnende Langeweile herrschte, wollten die Zuschauer dabei sein. Das sagt viel über das Publikum aus. Von Carsten Heidböhmer

Dschungelcamp 2012, Ich bin ein Star, holt mich hier raus, Dschungelcamp, Ailton, Zietlow, Brigitte Nielsen, RTL, Micaela Schäfer,

Radost Bokel hat tapfer heruntergewürgt, was ihr vorgesetzt wurde. Die Fernsehzuschauer haben sich ähnlich verhalten© RTL

Es war eine echte Zumutung, was den Kandidaten bei einigen Dschungelprüfungen vorgesetzt wurde: Es gab Meeräschen-Eingeweide, Fischaugen, pürierte Kotzfrucht, Truthahn-Hoden, Penis vom Buschhirsch, Schweine-Anus und Buschschwein-Sperma - und die Kandidaten schluckten das meiste anstandslos herunter.

Ganz ähnlich verhielen sich die Zuschauern der sechsten Ausgabe von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Auch ihnen konnte RTL alles vorsetzen - sie schluckten es willig und schalteten millionenfach das Dschungelcamp ein.

RTL ist mit der Quote sehr zufrieden

Mit dem Resultat, dass RTL zwei Wochen lang am späten Abend den Tagessieg in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen holte. Zwar konnte der Kölner Sender nicht ganz die Rekordquoten des Vorjahres erreichen, als durchschnittlich 7,62 Millionen Zuschauer die Ekelshow sahen. Es blieben aber immer noch über sechs Millionen Menschen abends spät wach. Insgesamt erzielte das Format einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent, an einigen Abenden lag RTL sogar über 40 Prozent in der jungen Zielgruppe. Verständlich, dass sich der Sendersprecher auf Anfrage mit dem Ergebnis hochzufrieden zeigt.

Auch mit der personellen Zusammensetzung sei der Sender "sehr zufrieden gewesen", die Mischung habe gestimmt, sagt der Sprecher. Doch zumindest in dem Punkt dürften nicht alle Zuschauer zustimmen. Denn in den zurückliegenden 17 Tagen herrschte über weite Strecken gähnende Langeweile im Camp. Gab es im vergangenen Jahr dramatische Ereignisse zu bestaunen - Mobbing, Verrat, Zivilcourage -, so überwog 2012 im Urwald die Harmonie.

Nur zwei Kandidaten hätten den Frieden gefährden können: Die herrische Ramona Leiß wurde jedoch rechtzeitig herausgewählt, ehe sie die übrigen Kandidaten restlos gegen sich aufbringen konnte. Und bei Vincent Raven, dem Magier auf Nikotinentzug, blitzten zwar immer wieder starke Aggressionen auf, doch der Schweizer ließ sich schnell wieder beruhigen.

Der einzige echte Star gewann

Vom Rest kam wenig: Martin Kesici döste zumeist auf seiner Matte, Radost Bokel bekam in der ersten Woche den Mund kaum auf und wenn Ailton dies tat, verstand man ihn nicht. Für Schlagzeilen sorgte einzig Micaela Schäfer. Nicht aufgrund erinnerungswürdiger Aktionen, sondern einzig aufgrund ihrer kaum vorhandenen Bekleidung. Das war in jeder Hinsicht zu wenig. Und nachdem man sich an ihrem Körper - mit oder ohne Nippel-Bömmel - sattgesehen hatte, war auch die Ex-"Topmodel"-Kandidatin eine einzige Langeweile.

Kim Gloss und Rocco Stark erfreuten zeitweise mit ihrem naiv-harmlosen Techtelmechtel, das reichte dann schon, um unter die letzten Drei zu kommen. So war es zwangläufig, dass Brigitte Nielsen zur neuen Dschungelkönigin gekrönt wurde. Sie war der einzige echte Star in der Show, blieb dabei erfrischend bodenständig und war routiniert genug, um nicht zu langweilen: Immer wieder streute sie Anekdoten aus ihrem bewegten Leben ein, erzählte vom Sex mit ihrem Ex Sylvester Stallone und den Affären mit Sean Penn und Arnold Schwarzenegger.

Es fehlte an Dramatik, nicht an intellektuellem Niveau

Das kam beim Zuschauer gut an: Von Anfang an führte sie die Telefonabstimmungen an und gewann letztlich ungefährdet die sechste Ausgabe der Show, die vermutlich schnell wieder in Vergessenheit geraten wird, weil es an Spannung und Dramatik fehlte. Woran lag's? Die "Qualität der Kandidaten" sei schlechter gewesen, sagte die Medienforscherin Joan Kristin Bleicher der Nachrichtenagentur DPA. Dadurch habe "intellektuelles Niveau" gefehlt.

Das mag inhaltlich zwar stimmen, trifft den Kern aber nicht. Zwar waren im Vorjahr mit Mathieu Carrière und Rainer Langhans tatsächlich zwei Menschen mit einer gewissen intellektuellen Kapazität im Camp - dass die Show so unterhaltsam geriet, lag aber nicht an ihnen. Sondern vielmehr an einer bis dahin völlig unbekannten jungen Frau namens Sarah Knappik, die das Camp mit ihren Ego-Exzessen aufmischte und Gegenreaktionen provozierte.

Knappik war ein Glücksfall für RTL, und der fehlte diesmal. So etwas lässt sich schlecht planen: Welche Menschen in welcher Konstellation Reibung erzeugen, ist im Voraus nicht vorherzusagen. Insofern kann der Privatsender für die nächste Ausgabe wenig Schlüsse ziehen. Wann das sein wird, steht noch nicht fest. Zwar kündigte Sonja Zietlow bereits vor laufender Kamera das nächste Dschungelcamp für 2013 an, doch die Entscheidung wird erst in den nächsten Monaten getroffen, wie der RTL-Sprecher sagte.

Wenn es aber so ist, dass eine unterhaltsame Dschungelshow nicht planbar ist, bleibt RTL vor allem eine Hoffnung für das nächste Mal: Dass der Zuschauer den Inhalt der Wundertüte erneut widerstandslos runterschluckt.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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