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Joey Heindle - Vom Hofnarren zum Dschungelkönig

Im Finale findet das Dschungelcamp zu alter Form zurück: Garderobenausrutscher, ekelige Dschungelprüfungen und zum Dessert ein König mit Herz.

Von Jens Wiesner

Er wird bestimmt ein guter König - nicht unbedingt weise, aber gut: Joey Heindle gewinnt das Dschungelcamp 2013.

Er wird bestimmt ein guter König - nicht unbedingt weise, aber gut: Joey Heindle gewinnt das Dschungelcamp 2013.

Leise hatte er sich in den Dschungel geschlichen, unbemerkt von den Kameras, im Windschatten des großen Klaus alle Sicherheitsschranken durchbrochen. Ein heimlicher Mitbewohner in der Mitte unseres Dschungelteams, unsichtbar, aber Tag für Tag die Atmosphäre vergiftend: Der Schlendrian hatte Einzug ins Camp gehalten und zermürbte - heimlich, still, leise - den Kampfgeist der Truppe. Auf den wollten sie, doch viele schafften es nicht einmal aus der Hängematte. Und als die ersten gingen, regte sich niemand auf, niemand schrie Zeter und Mordio, heulte Sturzbäche, ob dieser ach-so-himmelschreienden Ungerechtigkeit. Stattdessen warme Worte, wonnige Wünsche - und immer wieder dieser Satz: "Eigentlich bin ich glücklich, dass ich gehen darf."

Dann. Geh. Doch. In den Kindergarten. Oder die Waldorfschule. Aber bitte nicht in mein Dschungelcamp. Mein Dschungelcamp ist dreckig, schmutzig, es stinkt, widert mich an und fasziniert mich, bringt mich zum Lachen, zum Weinen, zum Fremdschämen, dort werden Intrigen gesponnen, Beziehungen geknüpft, Kindheitstraumata aufgerissen, Geheimnisse offengelegt, dort fallen BH's, Bikinis, Schlüpfer und Hemmungen. Doch - Hand aufs Herz - von den glorreichen Costa-Cordalis-Sarah-Knappik-Tagen waren wir in diesem Jahr weit entfernt. Meilenweit. Mal knirschte eine Kakerlake, mal flutsche eine Brust aus dem Dekolleté - und selbst die war künstlich! Dschungelcamp 2013 - hätte man eigentlich auch im Morgenprogramm zeigen können. Selbst die Teletubbies zeigen mehr Po.

Ungekrönt und trotzdem Queen

Denkbar schlechte Voraussetzungen also für ein Finale, bei dem nicht nur die Spatzen den Sieger seit Wochen von den Dächern pfiffen. Wer, wenn nicht die große Olivia Jones hätte genügend Schneid, mit so etwas potthässlichem wie der Dschungelkrone auf dem Kopf würdevoll von dannen zu schreiten. Und es stimmt ja: Nicht nur mit ihrer körperlichen Statur überragte die Hamburgerin ihre Kontrahenten um Meilen. Jones war sich ihrer zugeschriebenen Rolle, lästernde Dragqueen, zu jeder Minute bewusst - und erfüllte sie mit Bravour. Dem Affen gab sie exakt die Menge Zucker, die er brauchte, um sich satt, aber nicht überfressen den Magen zu tätscheln.

Jones brachte den seltenen Spagat zustande, mit beiden Beinen fest im Dschungelmatsch zu stecken und gleichzeitig mit einem dritten außerhalb zu stehen. Von dort aus beobachtete, kommentierte und abstrahierte sie, reflektierte das Geschehen, stets einige Meter über dem Dschungelalltag schwebend, allwissende Erzählerin, ein Teil des Ganzen und doch mehr. 'Primus inter pares', nannten es die Römer, "unsere erste Außenreporterin im Camp" Daniel Hartwich. Und muss bereits gespürt haben, wie die Jones leise an seinem Moderationsthron sägte.

Der Ekelfaktor ist zurück

Wie also konnte es geschehen, dass das Ruder ausgerechnet im Finale noch einmal herum gerissen wurde? Hatte mit Fiona Erdmann nicht die letzte Person den Dschungel verlassen, die speziell für Zickenterror eingekauft worden war? Sicher, nur: Weder Fiona noch Georgina Fleur waren jemals Zicke genug. Jede Jones'sche Spitze traf tiefer als die tagelang herum mäandernde Storyline um die "Sams"-Fehde. Und die verpuffte ohne befriedigenden Payoff mit der Abwahl des Blumenmädchens. Vielleicht hatten die Zuschauer ein besonderes Gespür bei ihrer Abwahl, vielleicht war es nur pures Glück, aber: Erst, als alle überflüssigen Nebencharaktere den Schauplatz verlassen hatten, konnte der Hauptcast aufdrehen. Die Chemie im Trio Deckert-Heindle-Jones passte perfekt, als Zuschauer fühlte man sich wohl bei ihnen. "Mensch, Joey!" riefen wir auf, als Olivia ihrem Schützling erklärte, wie das so ist mit dem Schwul-Sein. Ein Moment, ernsthaft, tragisch und lustig zugleich. Und wer musste nicht lauthals lachen, als Claudelle Deckert, als könnte sie kein Wässerchen trüben, den Satz des Tages raushaute: "Mir sind gerade die Möpse rausgekullert."

Hinzu kam, dass RTL in Sachen Dschungelprüfung endlich die Lulu-Pfade verließ und beim Ekelfaktor nachlegte. Kuheuterzitzen, Kamelfüße, Straußenanus, Schweinesperma. So etwas gehört in des Dschungelcampers Magen. Erst, wenn der Zuschauer vor dem Bildschirm die Chipstüte zur Seite legt - oder noch besser: hineinbricht - hat die Sendung ihren öffentlichen Auftrag erfüllt. Ein besonderes Schmankerl für den langjährigen "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"-Fan: das fermentierte Entenei, schwarz wie die Königin der Nacht, Meisterprüfung des Brechreizes. Und was sich nach überstandener Insektendusche auf Olivia Jones so tummelte, hätten auch "Wacken"-Besucher nach übermäßigem Schupfnudel-Verzehr auf ihr erbrechen können.

Die große Überraschung

Doch freilich verblassen all diese Entwicklungen im Angesicht der großen Überraschung des Abends: Joey Heindle - gestern noch mit einem Bein draußen- wird neuer Dschungelkönig! Schock auf allen Kanälen. Hatten wir nicht alle schon unsere Lobreden vorformuliert, standen wir nicht alle bei Fuß, um KönigIn Olivia I. das Zepter zu küssen? Sicher - gehen wir allein von ihrer Arbeitsleistung aus, hätte die Dragqueen die Krone redlich verdient gehabt. Olivias Rolle im Camp war elementar, sie sorgte für Heiterkeit und Bissigkeit zugleich. Eine sichtbare Entwicklung ihrer Person blieb allerdings aus - nicht, weil Oliver die Rolle Olivia nur spielte, sondern weil er sich nicht mehr weiter entwickeln musste.

Ganz anders Joey Heindle. Die Zuschauer trafen zu Beginn der Staffel einen naiven Jungen, Sinnbild der Unschuld, der endlich erwachsen, "ein Mann", werden wollte. Einen Jungen, der das Herz am rechten Fleck trug, sich manchmal aber auch um Kopf und Kragen reden konnte. Ein potentielles Mobbingopfer, das Welpenschutz dringend nötig hatte. Sechs Millionen Deutsche haben diesem Jungen in den vergangenen 16 Tagen beim Großwerden zugesehen. Sie sahen, wie Olivia dieses zarte Pflänzchen unter ihre Fittiche nahm, es mit Wissen fütterte, wie man einen aus dem Nest gefallenen Spatz mit der Pipette aufzieht. Campmutti war mal Doktor Sommer, mal Schulter zum Ausheulen, mal väterlicher, mal mütterlicher Freund.

Doch irgendwann, so will es jede gute Coming-of-Age-Geschichte, kommt der Moment, in dem der Lehrling aus dem Schatten seines Meisters heraustritt - siehe Luke Skywalker und Obi-Wan Kenobi, siehe Angela Merkel und Helmut Kohl. Mit der Wahl zum Dschungelkönig haben die Zuschauer Joey Heindle diese Möglichkeit beschert - und für einen Augenblick das ganz große Gefühl zum Maßstab dieser sonst so zynischen Sendung erhoben. Als Joey seine Freundin in die Arme schloss und mit Küssen überdeckte, standen Sonja Zietlow und Daniel Hartwich stumm daneben. Und strahlten.

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