Herz schlägt Hirn

22. Januar 2013, 13:11 Uhr

Anfangs war er wegen seiner Naivität die Lachnummer des Dschungelcamps. Doch inzwischen hat sich Joey Heindle ins Herz vieler Zuschauer gespielt - und gilt bereits als Geheimfavorit auf den Sieg. Von Carsten Heidböhmer

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Er ist der Jüngste im diesjährigen Dschungelcamp - und rührt mit seiner naiven Art die Herzen vieler Zuschauer.©

Das wird ein böses Ende nehmen mit dem Burschen: Zu Beginn seiner Zeit in Australien hätte kaum ein Zuschauer auch nur einen Pfifferling für Joey Heindle gegeben. Er wirkte schon vor seinem Einzug in das Dschungelcamp heillos überfordert: zu viele Menschen, zu viele Eindrücke für einen kleinen Jungen. Je weniger er verstand, desto mehr betätigte er sein Mundwerk - und ging damit nicht nur den Zuschauern auf die Nerven. Arno "Dagobert" Funke konnte den letzten Abend in Freiheit gar nicht genießen - er hätte die Zeit lieber im unwirtlichen Camp verbracht als beim Dinner mit dem dauerplappernden Joey. Apropos "Dagobert": Dass es sich bei diesem älteren Herrn um einen ehemaligen Kaufhauserpresser handelte - das hätte Joey nie gedacht. Er ließ sich von dem putzigen Spitznamen täuschen: "Ich dachte, du hast das Buch von Donald Duck geschrieben."

In den nächsten Tagen überraschte der 19-Jährige die Zuschauer immer wieder aufs Neue mit seiner von Unkenntnis und Naivität geprägten Weltsicht. Weshalb er von RTL für die Ekel-Show um die halbe Welt gekarrt wurde - darüber machte er sich wohl erst Gedanken, als er schon im australischen Busch hockte: "Ich hab immer gedacht, in den Kölner Studios wird das gedreht." Und bereute sogleich die mangelnde Vorbereitung: "Ich hätte mir einfach öfters diese Show anschauen können. Warum habe ich mir denn einen Fernseher gekauft, ich Depp!" Keine schlechte Einstellung für jemanden, der seinen bescheidenen Ruhm immerhin der Teilnahme an einer Fernsehshow - er belegte im vergangenen Jahr bei "Deutschland sucht den Superstar" den fünften Platz - verdankt.

Die Weltsicht eines Fünfjährigen

Dass mit Olivia Jones ein Travestie-Künstler im Camp ist, schien den jungen Bayern sichtlich zu verwirren: "Ich hab' gedacht, sie wäre ganz Frau, also komplett Frau. Ich bin von allen Wolken gefallen, auf denen ich geflogen bin." Olivia verpasste ihm daraufhin eine Aufklärungsstunde - man darf davon ausgehen, dass es die erste seines Lebens war.

Immer wieder offenbarte Joey auf erfrischend ehrliche Art, dass er im Grunde über die Weltsicht eines Fünfjährigen verfügt - so klein seine Allgemeinbildung, so gering seine Kenntnis vom Bösen in der Welt. Mit seinen Sprüchen tröstete Joey die Zuschauer ein paar Tage lang über den frühen Weggang von Helmut Berger hinweg. Im Netz und bei Twitter erntete er dafür Spott und Häme - Zuschauer wünschten ihm in ihren Tweets mehr Hirn und machten böse Witze.

Naiv und gutherzig

Und es stimmt ja: Sätze wie "Ich hab keinen Bock, dass ich da morgen tot aufwach!" sind wirklich nicht sonderlich durchdacht. Dennoch ist der anfängliche Spott über Joeys vermeintlich geringe Intelligenz inzwischen einem anderen Gefühl gewichen: Viele Zuschauer sind gerührt von Joeys naiver Gutherzigkeit. Wo die Allgegenwart von Nachrichten-Websites, Handy und TV bei vielen Menschen Zynismus und eine vermeintliche Überinformiertheit verursacht, hat die gänzliche Unbelecktheit des Dschungel-Kükens viel für sich. Denn es dürfte kaum einen positiveren, weniger zynischen Menschen geben als Joey - der ohne Probleme über die große Liebe zu seiner Freundin reden kann und sich auch seiner häufig vergossenen Tränen nicht schämt. Die Zickereien und Intrigen überlässt er gerne den Fionas und Giorginas dieser Welt.

Als Heindle eines Abends von seiner schweren Kindheit erzählte, von seinem Vater, der ihn als Dämon beschimpfte und ihn immer wieder verprügelte - da kamen vielen die Tränen. Im Camp, aber auch vor den TV-Bildschirmen. Beeindruckend ist vor allem, dass er darüber nicht selbst verbittert geworden ist, sondern in allem das Gute sehen will.

Man möchte ihm ein Snickers schicken

Mit seiner ganzen Art weckt er bei vielen Zuschauern mütterliche, respektive väterliche Instinkte. Wenn dieser Dschungelcamper mitten im australischen Busch in die Kameras fleht: "Wäre es irgendwie möglich, dass wir ein Snickers kriegen oder so? Oder irgendwas Schokoladiges? So ein Snickers bedeutet mir grad total viel" - dann würde man am liebsten zum nächsten Briefkasten rennen und einen Riegel nach Australien schicken. Die Mädels stehen sowieso auf Joey. Bei Facebook hat er bereits mehr als 125.000 Fans.

Als krasser Außenseiter ins Dschungelcamp gestartet, hat sich der Bub dank seiner unverstellten Art im Laufe der elf Tage zum einzigen Kandidaten entwickelt, der Olivia Jones die Dschungelkrone streitig machen könnte. Alle anderen sind zu langweilig, zu zickig, zu berechnend. Joey Heindle ist dagegen der "reine Tor", wie ihn Richard Wagner vor 130 Jahren für seine Oper "Parsifal" konzipierte.

Zum Erlöser, wie in der Wagner-Oper angelegt, taugt er jedoch wenig. Er hält es eher mit dem Irdischen: "Das hört sich jetzt blöd an, aber ich bin auch nur ein Mensch", sagt Joey. Auch wenn es sich blöd anhört - genau dafür wird er von den Zuschauern gemocht.

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