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Die Faszination des Abartigen

Ekel macht Kasse. Ob RTL-Dschungelcamp oder Charlotte Roches "Feuchtgebiete": Was schleimt, stinkt und klebt, sorgt für Quote. Warum begeistern sich Millionen Menschen für Maden, Matsch und Muschischleim? stern.de ist der Faszination des Ekels im Fernsehen und der Kultur auf der Spur.

Von Katharina Miklis

Jeden Abend dieser Kot. Jeden Abend dieses Ungeziefer. Es ist schon infernalisch, was sich die RTL-Redakteure da für das im australischen Dschungel inhaftierte Häuflein gescheiterter Promi-Existenzen ausgedacht haben. Die transsexuelle Lorielle London musste bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" einen pürierten Känguru-Penis schlucken, die Ex-Moderatorin Gundis Zámbó mit 40.000 Kakerlaken baden, der "Glücksrad"-Moderator Peter Bond Rattenschwänze verspeisen und der Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann in eine Wanne mit Fischinnereien abtauchen. Nicht nur das. Die Kameras im Dschungel zoomen auch auf Eiterpickel, die ausgedrückt werden, und Plumpsklos, die überquellen.

Angewidert schauen wir bei Szenen wie diesen hin - und nicht weg. Das beweisen zumindest die Zuschauerquoten. Über sechs Millionen Menschen können sich der Faszination Ekel nicht entziehen und schalten täglich "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" ein. Neuer Staffelrekord. Selbst Schriftsteller profitieren vom Phänomen Ekel: Charlotte Roches 200 Seiten lange Ausführung über einen aufgerissenen Anus und andere Körperlichkeiten wurde 2008 zum meistverkauften Buch in Deutschland und führt schon wieder die Bestsellerlisten an. Der britische Künstler Damien Hirst stellt Tierkadaver aus, und die Kunstwelt klatscht begeistert in die Hände. Wenn Künstler wie Hermann Nitsch oder Christoph Schlingensief Regie führen, wird auch auf deutschen Theaterbühnen gekotzt, gepinkelt und onaniert.

Der verbotene Reiz des Ekelhaften

Welche Faszination geht von Maden, Matsch und Muschischleim bloß aus? Für Ekel-Forscher Winfried Menninghaus sind weder der Erfolg von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" noch die hohen Zuschauerzahlen bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" überraschend. Der Berliner Professor, der ein Buch über den Ekel in der Kultur geschrieben hat, stützt sich auf die klassische Freudsche Perspektive, dass das Ekelgefühl ein invertiertes Lustgefühl ist. "Eigentlich möchte man sich abwenden, aber die Lustgefühle verdrängen den Ekel", erklärt Menninghaus. Es ist der verbotene Reiz des Ekelhaften, der uns an den Fernseher fesselt oder die Verkaufszahlen von Roches Pipi-Kaka-Prosa erklärt. Und es ist ein Trend. "Die Gegenwartskultur hat eine Obsession für das Ekelhafte", glaubt Menninghaus.

Was sagt es aber über unsere Gesellschaft aus, dass die Zuschauerquote in die Höhe schnellt, sobald Promis Känguruhoden verspeisen oder in stinkendem Tiergedärm baden? Es sind infantile Lüste, die den Zuschauer zum Einschalten bewegen, so Menninghaus. "Es ist wie bei den kleinen Kindern, die mit ihren Fäkalien spielen. Dschungelcamp-Gucken ist, wenn man so will, das schlecht erzogene Verhalten, das sich selbst genießt." Wenn man groß ist, spielt man nicht mehr mit den eigenen Exkrementen. Das wäre pervers. Man guckt Dschungelcamp. "Und dass man sich diesen Schrott anguckt, ist eine kleine Form der Rebellion. Das verschafft einem das Gefühl: Ich gehorche nicht. Ich breche Tabus."

Warum wir nicht weggucken können

Aber die Begeisterung für das Phänomen Ekel hat noch andere Hintergründe. Der Frankfurter Trendforscher Andreas Steinle spricht von dem Voyeur und dem Raubtier in uns, das von Zeit zu Zeit ausbrechen muss. "Es ist die Schadenfreude, das Überschreiten von Geschmacksgrenzen, die Befriedigung niederer Instinkte, die wir im Alltag nicht ausleben dürfen". Auch Ekel-Professor Menninghaus sieht die Lust an der Erniedrigung anderer als einen Grund für den Erfolg des Dschungelcamps: "Das, was man tagsüber im Berufsleben schlucken muss, kann man abends vor dem Fernseher so richtig ausleben. Zum lustvollen Ekeln kommt das befriedigende Machtgefühl."

Der brave Bürger wird zum Folterknecht. In der ersten Woche bestimmte der Zuschauer von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", welcher Kandidat zu den Dschungelprüfungen antreten musste. In dieser Woche bestimmt er täglich per Telefon, wer das Camp verlassen muss. Und somit auch über das Schicksal der Teilnehmer. Immerhin sitzen die Ex-Stars dem Irrglauben auf, sie könnten mit dem Gewinnen der Show einen Aufstieg von der C- in die B-Prominenz schaffen. Menninghaus: "Der Zuschauer bekommt also das Gefühl: Die machen das für mich. Ich suche sie aus. Ich bewerte sie. Diese narzisstische Belohnung ist ein zusätzlicher Kick."

Es wird immer schleimiger, blutiger, extremer

Dass das kein neues Phänomen ist, weiß Lutz Erbring, emeritierter Professor für Medienwirkungsforschung: "Alle Formen von Voyeurismus werden seit jeher als reizvoll empfunden - spektakuläre Unfälle, Privatsphären (nicht nur von Promis), Pornographie, Schicksale. Vermutlich weil dies die Chance einer Erweiterung des emotionalen Erfahrungshorizonts bietet." Und auch der Ekel in der Kultur war schon immer da. Egal ob bei Friedrich Nietzsche oder in der lateinischen Dichtung der Antike. "Dass die Reize des Schönen sich viel zu schnell verbrauchen und langweilig werden, erkannte schon Aristoteles", so Menninghaus. "Man genießt den Ekel und das Schreckliche." Nur wird es heute immer schleimiger, blutiger, extremer. Angepasste Sinne müssen aufs Neue gereizt werden. Eingeschlagene Wege müssen radikalisiert werden. Das gilt für jede Kunstform. Deswegen suhlen sich die Schauspieler in Theateraufführungen des Wiener Performance-Künstlers Hermann Nitsch in blutigen Schweinegedärmen. Das gefeierte britische Künstlerduo Gilbert & George arbeitet mit Blut, Urin und Fäkalien. Der Berliner Aktionskünstler Martin von Ostrowski malt mit Sperma. Dem Ekel sind kaum noch Grenzen gesetzt.

Am Samstagabend gegen Mitternacht deutscher Zeit wird im australischen Busch der letzte Tierhoden verspeist sein. Dann steht der neue "Dschungelkönig", also der Gewinner der vierten Staffel fest, und die Ekelshow ist vorbei. Fürs erste. Bei dem Erfolg der aktuellen Staffel ist eine fünfte quasi unausweichlich. So lange die Zuschauer so zahlreich einschalten, wird gesendet. Und so lange sie sich ekeln, schalten sie ein. Der Ekel-Profi, der das Dschungelcamp "derart ätzend und monoton" findet, dass er es selbst "nicht erträgt", hat da eine Theorie. Menninghaus: "Das Ekel-Thema wird man nie ausreizen können. Sie können schließlich noch so oft an Hundescheiße riechen. Sie wird nie aufhören zu stinken."

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