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"Ich wurde gehänselt und bespuckt"

Ihr Leben ist eine einzige Suche nach sich selbst. Und nach dem Glück. Erst suchte sie es bei Dieter Bohlen, dann auf dem OP-Tisch, zuletzt im Dschungelcamp. Dort wurde Lorielle London zum Publikumsliebling. Mit stern.de sprach sie über Transsexualität, eine schwierige Kindheit und darüber, was sie jetzt vom Leben erwartet.

Von Katharina Miklis

  • Katharina Miklis

An die Kameras hat sich Lorielle London längst gewöhnt. Los ging es vor sechs Jahren: Damals war sie Kandidat in Dieter Bohlens Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar". Und noch ein Mann - Lorenzo. Der Ruhm verging schnell, die Kameras blieben. Bei der Umwandlung zur Frau ließ sich Lorielle London von RTL begleiten. Ihr Selbstdarstellungsdrang gipfelte jetzt in der Teilnahme an der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Für das Image der 25-Jährigen, die wegen ihres Auftrittes bei "DSDS" oft verspottet wurde - auch Stefan Raab hatte es auf sie abgesehen - ein unerwarteter Volltreffer: Als erste Transsexuelle im Dschungelcamp präsentierte sie sich nicht nur hart im Nehmen, sondern schaffte es im Finale auch auf Platz zwei hinter Dschungelkönigin Ingrid van Bergen. Jetzt sollen andere Transsexuelle von Londons Auftritt im Dschungel profitieren - hofft sie zumindest.

Sie wurden im Dschungelcamp oft mit dem letzten Dschungelkönig Ross Anthony verglichen. Der hatte nach dem Camp einige Jobs bei RTL bekommen. Treten Sie jetzt in seine Fußstapfen?

Das wäre natürlich schön. Bei meinem Management liegen auch schon eine Menge Angebote auf dem Tisch. Ich würde gerne das weitergeben, was ich in meinem Leben gelernt habe. Ich hatte eine sehr schwierige Kindheit und Jugend und bin eigentlich nicht für den großen Erfolg gemacht. Aber irgendwie habe ich es doch geschafft, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, auch mit meiner Transsexualität. Aus der Erfahrung kann ich natürlich schöpfen und würde das gerne weitergeben.

Im Fernsehen?

Genau. Ich denke da an ein Coaching-Format für Kinder und Jugendliche. Nach "DSDS" wollte ich so vieles auf einmal. Aber ich hatte mit nichts Erfolg. Jetzt will ich meine ganze Zeit und Energie in eine Sache stecken. So ein eigenes Coaching-Format wäre ideal.

Gibt es da schon Gespräche mit RTL?

Der Sender weiß, dass ich das gerne machen würde. Wir werden uns jetzt in den nächsten Tagen zusammensetzen.

Also keine OPs mehr vor laufender Kamera?

Mit den Schönheitskorrekturen habe ich soweit abgeschlossen. Für meinen Geschmack hat sich die Dokumentation über meine Operation und meine Umwandlung ein bisschen zu sehr in die Länge gezogen. Das soll jetzt vorbei sein. Gerade nach dem Dschungel möchte ich mit Dingen, für die mein Herz schlägt, in der Öffentlichkeit stehen und nicht mit OPs. Ich bin jetzt zufrieden so wie es ist. Ich bin zwar nicht Miss Germany geworden, aber ich werde es dabei belassen.

Sie haben auch im Dschungelcamp immer wieder betont, Sie hätten kein Selbstbewusstsein. Trotzdem haben Sie sich auf dem OP-Tisch und im Dschungel filmen lassen. Wie passt das zusammen?

Ich will ganz ehrlich sein. Ich habe viel Geld dadurch gespart, dass ich mich im Fernsehen habe operieren lassen. So habe ich ganz andere Chirurgen kennen gelernt, als wenn ich das auf eigene Faust gemacht hätte. Diese Chirurgen waren bereit, den Preis zu drücken, wenn sie sich dafür im TV präsentieren können. Das, was ich gespart habe, kann ich jetzt in meine Karriere stecken. Es war mir aber auch ein Anliegen, meinen Fans und jungen Transsexuellen öffentlich zu zeigen, was mit mir gemacht wurde.

Brüste und eine neue Nase und Kinn haben Sie bereits. Jetzt steht noch die Geschlechtsumwandlung an...

Genau, die plane ich noch dieses Jahr. Ich will jetzt erstmal etwas arbeiten. Wenn ich ein bisschen Luft zwischendurch habe, dann werde ich mich darum kümmern.

Reicht die Gage, die Sie für "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" bekommen haben, für diese ganzen OPs?

Auf jeden Fall. Damit könnte ich sogar noch ein paar anderen transsexuellen Freundinnen aus der Patsche helfen. Aber zum Glück sind die Gesetze in Deutschland so, dass die Krankenkasse meine Geschlechtsumwandlung übernimmt. Meine Therapeutin kann meinen Leidensdruck und die Notwendigkeit einer Operation bestätigen. Und selbst wenn es nicht klappt: Mausi Lugner hat mir im Dschungel erzählt, sie hätte einen befreundeten Chirurgen, der mich sogar kostenfrei operieren würde.

Was haben Sie noch aus dem Dschungel mitgenommen, außer Adressen von guten Chirurgen?

Ich habe viel gelernt. Ich war bisher immer Einzelgänger, hatte Angst vor anderen Menschen. Vor allem wegen meiner sexuellen Veranlagung. Im Dschungelcamp habe ich gelernt, dass die Menschen gar nicht so schlimm sind. Es gibt keinen Grund, immer so ängstlich, schüchtern und menschenscheu zu sein.

Mussten da erst Sonja Zietlow und Dirk Bach kommen, um Ihnen das zu erzählen?

Ich habe das ganze Leben über gesagt bekommen, dass ich hässlich bin. Dass es nicht okay ist, wie ich bin. Ich wurde bespuckt, geschlagen und gehänselt. Irgendwann glaubt man selbst, dass man nicht so toll ist. Auch nach "DSDS" wurde ich immer wieder auf der Straße gehänselt: 'Guck mal, das ist doch der hässliche Junge aus dem Fernsehen'.

Was sagt ihre Familie zu Ihrer Umwandlung?

Meinen Vater kenne ich nicht, der lebt irgendwo in Amerika. Meiner Mutter habe ich schon im Kindergarten erzählt: 'Mama, wenn ich groß bin, möchte ich einen Busen haben'. Sie war also auf alles vorbereitet. Begeistert war sie nicht, glaube ich. Aber sie hat sich nie getraut, mir etwas zu sagen, mich zu verletzen. Zu der Zeit meiner Operationen hatten wir allerdings wenig Kontakt. Sie hat davon aus der Zeitung erfahren.

Denken Sie, dass Sie anderen Transsexuellen mit Ihrem Auftritt im Dschungelcamp geholfen haben?

Ich hoffe es natürlich. Ich bin im Camp sehr offen mit Transsexualität umgegangen. Die Kameras habe ich schnell vergessen. Ich finde es schön, wenn ich Vorbild sein kann. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen bei seinem Coming-Out helfen. Wenn ich damals so jemanden gehabt hätte, den ich im Fernsehen hätte bewundern können, dann hätte ich das meiner Mutter vielleicht auch viel früher gesagt. Und mir wäre einiges erspart geblieben.

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