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Guck nicht mit den Schmuddelkindern

Das RTL-Dschungelcamp ist Ekel-Fernsehen, Unterschichten-TV in Reinform, maulen Kritiker. Diese Reaktion ist abgeleiert wie die FDP-Forderungen nach Steuersenkungen, sagt stern-Redakteur Hannes Ross - und bricht eine Lanze für das verfemte Format.

  Peer Kusmagk, Sarah Knappik, Mathieu Carrière: Sie alle wissen, dass das Dschungelcamp die Resterampe ihrer Showkarriere ist

Peer Kusmagk, Sarah Knappik, Mathieu Carrière: Sie alle wissen, dass das Dschungelcamp die Resterampe ihrer Showkarriere ist

Dieser Text ist gefährlich. Er wird mich direkt ins gesellschaftliche Abseits katapultieren. Ich werde sozial abrutschen, ganz weit runter. Mein schönes Abitur und mein abgebrochenes Geschichtsstudium werden mir da gar nichts mehr nützen. Ich werde Teil dieses bildungsfernen geschmacklosen Paralleluniversums sein, wo Kinder Kevin-Pascal und Mädchen Mandy-Chantal heißen und auch so aussehen. Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre: Ich werde auch noch gegen den 1. Artikel im Grundgesetz verstoßen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ja, so weit hat mich meine nächtliche Freizeitbeschäftigung gebracht. Der selbsternannte Medienwächter Michael Spreng sieht in dieser Sendung "eine gezielte Verletzung der Menschenwürde". Der Mann muss es ja wissen. So wie acht Millionen andere Zuschauer, die wie ich jeden Abend das RTL-Dschungelcamp gucken.

Zwar läuft die Show inzwischen bereits zum fünften Mal auf RTL. Die medialen Reaktionen darauf sind jedoch inzwischen so tot geleiert wie der Ruf der FDP nach einer Steuersenkung. Die Feuilletonisten rümpfen die Nase und niemand will es selbst gesehen haben, aber irgendwie reden doch alle drüber.

RTL nimmt seinen Programmauftrag ernst

Woran das liegt? Das Dschungelcamp gibt gar nichts anderes vor als lupenreiner TV-Trash zu sein. Das macht die Qualität und die Ehrlichkeit dieser Show aus. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben ihren Programmauftrag für Information, Bildung und Unterhaltung, aber auch RTL nimmt seinen Programmauftrag sehr ernst. Er lautet "Brot und Spiele für das Fernsehvolk". Mit dem Dschungelcamp hat der Kölner Sender ein mustergültiges Beispiel dafür abgeliefert. Die beiden Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow lästern frei und ungehemmt über die Kandidaten und stellen sich so auf die Seite der Zuschauer. Und auch die Promi-Kandidaten machen sich nichts mehr vor, sie wissen allesamt, dass das Dschungelcamp die Resterampe ihrer Showkarriere ist. Niemand erhofft sich davon ein großes Comeback - es geht nur darum noch einmal vor der Kamera zu stehen und einem Millionenpublikum zu beweisen, dass man kein Versager ist.

Dabei geht es am wenigsten drum, wer den großen Kakerlaken-Cocktail bei der Dschungelprüfung trinkt. Wir sehen Menschen dabei zu, wie sie sich in einer Gruppe verhalten und behaupten müssen. Man könnte genauso gut in einer x-beliebigen deutschen Mittelstandsfirma zwei Wochen filmen und man würde ganz ähnliche Prozesse erleben. Nur die Schauplätze haben sich verschoben. Das Ego-Getue und der Kampf um die Meinungsführerschaft am großen Konferenztisch findet jetzt am Lagerfeuer statt, die heimlichen Absprachen und Seilschaften werden nicht mehr hinter verschlossenen Türen, sondern vor dem Plumpsklo geknüpft. Und statt in der Kantine über die Kollegen zu lästert, hat RTL den Kandidaten zum Dampfablassen freundlicherweise ein Häuschen mit Kamera und hölzerner Beichtbank eingerichtet. So funktioniert perfekt gemachtes Reality-TV.

Vielleicht habe ich mit meinem Bekenntnis zum Dschungelcamp doch noch einmal Glück. Ich darf mich weiterhin zur Mittelschicht zählen. Ein Blick auf Quoten zeigte nämlich kürzlich folgendes: fast jeder Dritte Zuschauer hat Abitur und Uni-Abschluss hat immerhin jeder Vierte. Karl-Theodor zu Guttenberg, unsere letzte moralische Lichtgestalt, fragte sich neulich auf einer Wahlkampfveranstaltung: "Muss das Niveau wirklich sein?" Nein, natürlich nicht. Aber die Welt wird davon auch nicht untergehen.

Hannes Ross

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