Es ist wieder mal soweit: Hoffnungsvolle Möchtegern-Popstars bewerben sich um die Nachfolge von Mark Medlock bei Deutschlands Castingzirkus Nummer Eins: "DSDS". Auf der Suche nach exzentrischen Typen begab sich stern.de-Reporter Sebastian Wieschowski mitten rein ins Berliner Grand Hotel Esplanade.

Geduldig warten Deutschlands zukünftige Gesangsstar auf ihr Casting im Berliner Grand Hotel Esplanade© Sebastian Wieschowski
Seine erste dramaträchtige Gefühlsarie gibt Johannes vor den Türstehern zum Besten. "Machen Sie mir meine Karriere nicht kaputt" wimmert er mit unschuldigem Gesichtsausdruck, als wolle der hagere Bubi den wuchtigen Wachleuten etwas Kleingeld abschwatzen. Dabei glaubt der 22-Jährige aus dem Berliner Stadtteil Lichtenberg, alles für eine Karriere als Popstar zu besitzen: Das richtige Outfit (ähnliche Sakkos werden bevorzugt zur Konfirmation getragen), das richtige Idol (dass Udo Jürgens noch nie bei einer Bravo Supershow aufgetreten ist, stört ihn wenig) und den passenden Künstlernamen - im "Ghetto" Lichtenberg kennen ihn alle als "Hefna Da Don".
Vielleicht hat Johannes seinen Personalausweis vergessen, weil ihn sowieso alle Welt mit Namen kennt. Die Türsteher vom Format eines Eichenschrankes allerdings nicht. Erst nach zähen Verhandlungen und noch zäheren Verbaldrama-Attacken akzeptieren die Sicherheitsleute die aktuelle Hartz-IV-Bescheinigung des arbeitslosen Kochs als Identifikationsnachweis. Die Tür öffnet sich, die Karriere im Showbusiness kann beginnen.
Beim offenen Casting zur fünften Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" kann jeder vorsingen, der glaubt, das Zeug zum nächsten Medlock zu haben. Oder zum nächsten Küblböck. So mancher zukünftige Chartstürmer übersieht die Schlange am Seiteneingang des Grand Hotels Esplanade und schreitet andächtig über den roten Teppich, wird nach einigen Gehversuchen im Glanz des Hauptportales vom Portier jedoch höflich nach links zu den anderen Superstars gebeten.

Zumindest in seinem Stadtteil Lichtenberg ist der 22-jährige Johannes nach dem Casting ein Star© Sebastian Wieschowski
Im Vorzimmer zur großen Karriere sitzen sie ungeduldig, die Anwärter auf Ruhm und Ehre im beliebtesten Castingzirkus Deutschlands. Gesprochen wird wenig, man blickt lieber unauffällig in die Runde und öffnet staunend den Mund, wenn ein talentierter Mitstreiter seinen Song etwas lauter einübt. Klangtechnisch ist alles dabei: Die einen röhren mit dreckig-rauher Stimme emotionsgeschwängerte Rockarien, als stünde die Neuerfindung der Rolling Stones bevor. Andere quietschen schmierig-schnulzige Popballaden vor sich hin, frei nach dem Motto "Ein bisschen mehr Drama, bitte".
Um die Flut von bis zu 6000 Kandidaten pro Castingort zu sortieren und die Superstarjury um Dieter Bohlen, Anja Lukaseder und Andreas Läsker nicht unnötig zu belasten, bewerten RTL-Musikredakteure ganz nüchtern ohne bohlensche Beleidigungsdialektik die Leistung der Bewerber. Wer besonders gut oder besonders peinlich ist, darf eine Woche später wiederkommen und - mit gleichem Outfit, gleichem Makeup, gleichen Liedern und gleichen Begleitpersonen - nochmal vor der "echten" Jury singen. Denn "Deutschland sucht den Superstar" lebt nicht nur von großen Emotionen, sondern auch von musikalischen Vollausfällen, von schlecht gestylten Tunten mit geradezu eunuchenartigem Tonfall und nuttig-aufgetakelten Provinzdiven mit Starallüren und Prekariatsvornamen wie Schackeline aus Remscheid, Mandy aus Bautzen oder Chantal aus Castrop-Rauxel.
Wer nicht supertalentiert oder superpeinlich ist, hat es schwer auf der großen Superstarbühne, die den schnellen Sprung in die Charts verspricht. Und ein Blick in das Karriere-Wartezimmer von Deutschlands größter Castingmaschine verrät: Gänsehautsänger wie Mark Medlock oder kreischende Ein-Mann-Kasperletheater wie Daniel Küblböck sind die Ausnahme, die Freak-Rate ist niedrig. Der typische Popstarkandidat legt keinen Wert auf rampenlichtfähiges Styling und mag es unauffällig, singt in seiner Freizeit gern, muss jetzt nicht unbedingt Superstar werden, würde sich aber freuen, wenn es doch klappt.

Aus Heiligendamm ist die 16-jährige Eva Emendörfer angereist, um vorzusingen. Ihre Tante Hannelore ist zwar nicht begeistert, begleitet sie aber trotzdem© Sebastian Wieschowski
So wie Eva Emendörfer. Die 16-jährige Schülerin ist schon einen Tag vorher aus Heiligendamm angereist, hat ein Hotel in Berlin gebucht und philosophiert mit ernstem Blick über ihre Motivation: "Ich mag einfach die Musik, hab im Chor gesungen, jetzt bin ich in ner Jazzband", erzählt sie. Und eigentlich will auch sie gar nicht Superstar werden. Aber es wäre schon toll. Tante Hannelore, die ihre Nichte zum Casting begleitet, legt keinen besonderen Wert darauf, dass eine Emendörfer der nächste Singstar wird. Dafür ist sie erleichtert, dass Nichte Eva beim Vorcasting keine Verbalpornografie von Dieter Bohlen befürchten muss: "Sie hat einfach nur Freude am Singen. Wenn dann so ein Bohlen mit Beleidigungen unter der Gürtellinie um sich wirft, das wäre schon sehr schlimm für mich als Tante", meint Hannelore.
Bevor Eva und die anderen Kandidaten singen dürfen, müssen sie vor allem eins: Warten. Ziemlich cool macht sich die 16-Jährige auf dem Weg zum Superstardasein, als ihr Name aufgerufen wird. Erst vor der Tür zum Castingraum sei ihr die Aufregung schlagartig bis zum Hals gestiegen, erzählt sie später. Drinnen hören sich die Musikredakteure geduldig den Song an, bitten sie noch um eine zweite Kostprobe. Ob das ein gutes Zeichen ist? Eva ist unsicher, denn die Juroren halten sich bedeckt: "Die waren ruhig und freundlich, aber ob sie es gut oder schlecht fanden, haben sie nicht durchblicken lassen", meint Eva.
Ungeduldig wartet sie auf die Entscheidung, hört immer wieder neue Gesangversuche ihrer Mitbewerber, ihre Augen suchen nach einem potenziellen Superstar. Tante Hannelore ärgert sich: "Uns wurde vorher gesagt, dass wir während des Castings nicht den Warteraum verlassen dürfen, also nicht mal rauchen gehen". Und auch Eva ist mit der Gesamtsituation eher unzufrieden: "Da sich leider bis halb vier immer noch Leute zum Singen einfinden durften, mussten wir die letzten Kandidaten abwarten. Hätte ich das gewusst, wäre ich wahrscheinlich auch im Bett geblieben und erst nachmittags gekommen." Während Eva ihre Langeweile mit einem friedlichen Lächeln kaschiert, philosophiert einige Stühle weiter der Möchtegern-Superstar und Udo-Jürgens-Fan Johannes über seine bevorstehende Karriere, über fette Schlitten, heiße Bräute und tausende Fans im fiesen Stadtteil Lichtenberg.
Die Juryentscheidung kommt gegen 17.30 Uhr ohne große Paukenschläge. Nur zwanzig der rund 300 Kandidaten haben das Vor-Vor-Casting überstanden und dürfen am kommenden Sonntag in Charlottenburg erneut antreten, Eva und Johannes sind nicht dabei. Die Schülerin blickt müde ins Leere. Oder ist sie enttäuscht? Nein, enttäuscht auf keinen Fall. Eigentlich wollte sie ja gar nicht Popstar werden. Und auch Johannes gibt sich cool. Schließlich ist er schon heute mindestens so bekannt wie Mark Medlock - zumindest im "Ghetto" von Lichtenberg.