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1. März 2009, 09:52 Uhr

Der Countdown der Peinlichkeiten

Dieter Bohlen hat bei Charles Darwin gelernt und zeigt, wie der Überlebenskampf aus medialer Sicht funktioniert. Nicht die zehn besten Kandidaten, sondern die mit der höchsten Aufmerksamkeit kamen weiter und haben sich vor dem Zuschauer zum Affen gemacht. Von Christopher John Peter

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Dieter Bohlen, Chef bei "DSDS", kennt sich mit selektiver Auslese bestens aus© DPA/Jörg Carstensen

Nun stehen sie fest, die Top 10 für die erste Motto Show bei "DSDS - Deutschland sucht den Superstar". 15 Kandidaten kämpften am Abend ums weiterkommen, 5 mussten gehen. Vor prächtiger Kulisse wurde gekämpft, geweint, gewonnen, verloren. Und nichts dem Zufall überlassen, auch wenn fünf Anwärter auf den Thron der Vergänglichkeit durch die Zuschauer bestimmt wurden.

"Pippi in den Augen"

Für die 19-jährige Sarah Kreuz schmiss RTL schon vorab die Werbetrommel an. Ihr böser Verlobter Ferdo Hoffmann verlangte die Entscheidung: Liebe oder "DSDS". Keinen Schulabschluss, Arbeitslos aber optisch vorzeigbar, entschied sich Sarah gegen ihren Zukünftigen und für den möglichen sozialen Aufstieg. So viel Engagement im Ausleseprozess muss gelobt werden. So war der Auftritt mit "Listen" von Beyoncé für Bohlen eine "eins plus". Die sonst blasse und durch einen Bruch des Mittelfußknochen gehandikapte Nina Eichinger hatte sogar "Pippi in den Augen", wie Bohlens Aushilfsjuror Volker Neumüller vergnügt feststellte. Dank Einspielfilmchen und emotionaler Hintergrundstory stimmte trotz des eher schwachen Auftritts das Gesamtpaket. Die Zuschauer wählten sie weiter.

Nirgendwo sonst kann im Fernsehdschungel die Evolution des Entertainment besser beobachtet werden. Deshalb ist "Deutschland sucht den Superstar" die erfolgreichste und unterhaltsamste Fernsehshow der vergangenen Jahre - ein Quotengarant. Keine andere Show kann besser in Szene setzen, warum Kandidaten im Durchlauferhitzer der Unterhaltung vor allem eines sind: ein Gebrauchswert mit kurzer Haltbarkeit und hohem Wegwerffaktor. Immer stärker kristallisieren sich Phänotypen heraus, die das Publikum zur Unterhaltung verlangt - welches ja bedient werden muss. Vor allem Bohlen ist ein Meister auf der Klaviatur der medialen Bedürfnisbefriedigung.

Wie ein Frosch auf Ecstasy

So ist es schlussendlich auch nur konsequent, wenn der "Poptitan" dem linkischen und seit zehn Jahren ungeküssten Verwaltungsangestellten Holger Göpfert in der "Bild" eine Frau sucht und ihm scheinbar selbstlos die Arena als Vehikel der Selbstfindung überlässt.

Wie ein Frosch auf Ecstasy hüpfte der beleibte Göpfert im schwarzen Anzug über die Bühne. Die Arme wie ein Bewegungslegastheniker mäandrierend von sich gespreizt röhrt er tief "Oh Darling" von den Beatles. Ein Erlebnis, das an einen Flugzeugabsturz erinnert. "Ozzy Osbourne ist gegen dich ne' Flitzepiepe, der kann sich einsargen lassen", rief Dieter Bohlen begeistert aus und erklärte den unfreiwilligen Junggesellen gleich zu seinem "Freund", für den ganz viele anrufen sollen. Auch das Publikum ist angetan und die Mischung aus Paul Potts und Daniel Kübelböck weiter.

Dass dabei keine echten Stars entstehen, ist dem System geschuldet. Denn es geht um die Show, die Geschichten, die Emotionen - nicht um die Musik. Charles Darwin erschütterte seine Zeitgenossen mit Bemerkungen, dass allein aus dem Kampf der Natur immer komplexere Lebewesen hervorgehen. "DSDS" und die Gesetze der Unterhaltung kehren diese Regel um. Bohlen fordert von seinen Möchtegern-Stars rhetorisch zwar gerne "Ecken und Kanten", aber er hat längst klargemacht, dass Insubordination definitiv unerwünscht ist. Das zeigte schon der Rauswurf von Mit-Juror Max von Thun, der laut Bohlen "keinen Mainstream-Musikgeschmack" hat.

Tragisch wirkte da Ausscheiden von Michelle Bowers (16). Zumindest ihre Story rührte. Ihr Papi aus Amiland ließ sie im Stich als sie zwei Jahre alt war. Die schwer rheumakranke Schülerin lag wegen ihrer Krankheit sogar schon 17 Tage im Koma und versuchte sich vergeblich mit "Almost Lover" von A Fine Frency in die Top Zehn zu singen. "Mein Hamster mit Asthma singt besser", kodderte Bohlen kaltschnäuzig. Solche Skandalsätze sind es, mit denen Bohlen seinen hart erarbeiteten Ruf eines Zynikers poliert. Doch seiner Wertewelt scheint der Vorwurf der Menschenverachtung ins Leere zu gehen. DSDS ist ein Spiel, dessen erste Regel lautet: Das Überleben des Unterhaltsamsten.

"Ich habe Mundwüste"

Auch die Rolle der Annemarie Eichfeld (18) scheint im Drehbuch schon festgeschrieben. Überambitionierte Eltern haben die etwas billig wirkende Ostschönheit aus Dessau schon auf Durchsetzungskraft eingenordet. "Ich vertraue niemandem mehr", raunt sie verschwörerisch im Einspielfilmchen über ihre Mitbewerber. Dann wackelt sie in Lack-High-Heels und blauen Hotpants, die nichts der Fantasie überlassen, zu "Hot'N'Cold" von Katy Perry über die Showbühne. Anschließend beklagte Annemarie: "Ich hab Mundwüste". Und bekundet nach einem Schluck Wasser aus Bohlens Glas: "So jetzt ist alles wieder schön feucht." Ein sicherlich unabsichtlich verrutschter Auftritt. Selbst Bohlen bleibt nur der Kommentar, das "hat ein bisschen was von einer Miss-T-Shirt Wahl".

Doch "Sex sells" heißt ein weiteres der Naturgesetze des Showbiz und deshalb darf Annemarie weiterstöckeln. Ein sicherlich unabsichtliches Nebenprodukt eben dieser Regel ist latenter Sexismus, der sich da mitunter eruptiv Bahn bricht.

So bei Vanessa Neigert (16), die mit "Schöner fremder Mann" musikalisch in die 50er Jahre reiste. Juror Volker Neumüller schoss den Vogel ab, als er sich anschließend verhaspelte: "Egal, wie schlechte Laune ich habe, du schaffst es in Sekunden sie wegzublasen." Irritierendes Lachen im Publikum. Das bringt Frauenversteher Bohlen erst so richtig in Fahrt, der das unschuldig-naive Schlagersternchen Vanessa gleich auf seinen Schoß beorderte und kalauerte: "Du kannst flirten wie eine, die an der Straße steht."

Sexuelle Belästigung als Zuschauergarant

Anstatt gekräuselter Stirn streckte die mit rosa Petticoat und weißem Stirnband angetane Vanessa einfach nur ihr rundes "Krapfengesicht" mit Honigkuchenpferdgrinsen in die Kamera. "Dieters Schoß war schon oft der Anfang einer großen Karriere" ulkte Moderator Marco Schreyl. Bei so viel Unterwürfigkeit macht sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz doch einfach doppelt soviel Spaß.

Für den bisher eher introvertierten Student Tobias Rößler (20) gab es hingegen die Gefahr von zu wenig Aufmerksamkeit. Seine vielschichtige und gute Performance mit "Here without you" von 3 Doors Down wollte nicht so richtig ins "DSDS"-Muster passten. Auch wenn Bohlen noch lobte "Du hattest immer was von einem ostwestfälischen Bezirksfußballer. Heute warst du Bundesliga."

Doch da gibt es ja auch noch den quietschbunten schwulen Friseurazubi Benny Kieckhäben, der am liebsten Frauentitel singt, "Hurt" von Christina Aquilera neuinterpretierte und bis zur Schmerzgrenze verhunzte. Bohlen lästerte treffend: Du hast mich heute an "Tiffy" aus der Sesamstraße erinnert.

Doch die Spielregeln der Selektion funktionieren in der Unterhaltung anders als in der freien Natur. Die einfache Wahrheit sagte Bohlen am Schluss ganz ungeniert: "Wir machen hier eine Show und deswegen haben wir dem Paradiesvogel den Vortritt gegeben." Das Evolutionsereignis ist "DSDS", die "Superstars" auswechselbare Staffage vor glitzernder Grundierung. Bei solchen Göttern kann man Darwin richtig lieb gewinnen...

Von Christopher John Peter
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
kingsteff (03.03.2009, 17:37 Uhr)
Der Autor hat die letzten Staffeln anscheinend verschlafen
"Dass dabei keine echten Stars entstehen, ist dem System geschuldet. Denn es geht um die Show, die Geschichten, die Emotionen - nicht um die Musik."
Och Mensch das hat aber auch jeder schon nach der ersten Staffel gewusst oder? Wer will den Stars sehen? Die Leute wollen eine Freakshow. Wie vor hundert Jahren auf dem Jahrmarkt.
Die Fernseh Kritik hier auf Stern.de hat mir bis jetzt immer gut gefallen aber dieser Artikel geht echt unter wie einer bleierne Ente. Das sind doch Dinge die dutzende von Malen selbst in der Bildzeitung standen.
Also Leute macht nicht nur ein Artikel weil ihr sonst nix zu tun habt und haut uns Lesern hier die Belanglosigkeiten um die Ohren.
cheers
steff
Sternleser_0815 (02.03.2009, 19:51 Uhr)
Vorbildfunktion von RTL
Mich hat DSD bislang nicht sonderlich interessiert. Aufgrund der Teilnahme eines Bekannten habe ich es mir diese Staffel zum ersten mal bewusst angeschaut. Zuerst musste ich feststellen, dass der Grund meines Zuschauens -trotz oder gerade wegen seines seriösen musikalischem Backround - bis zu seinem Liveauftritt in der TOP 15 Show gerade mal mit 15 sek. Sendezeit bedacht war. Dies gab mir zum ersten Mal zu denken. Worum geht es in dieser Show? Verkrachte Existenzen? Selbstdarsteller? Dunkle Geheimnisse? Oder doch musikalisches Talent? Doch spätestens nach der "Jetzt oder Nie!" Entscheidung vom Samstag weiß ich es... Es geht um alles, nur nicht um Musik! Aber viel schlimmer noch: Was macht man hier dem doch meist minderjährigen oder zumindest pubertierendem Publikum vor? Schule - braucht man nicht! Sarah K. sagte offen mehrmals, dass Sie die Schule vernachlässigt hat, da sie ja immer schon wusste, dass sie Talent hat! Ausbildung -Pfeif drauf! Was ist schon eine Handwerksausbildung wie Friseur wert gegen einen Recall auf Teneriffa, oder Herr K.?!? Gut für Tobias, dass sein Studium, seine Erfolge bei "Jugend Musiziert" und sein bislang so normales Leben, für den durchschnitts RTL ZUschauer scheinbar so uninteressant war, dass RTL sein in den 15 Sekunden vor und den 45 Sekunden Homestory während der Livesendung nicht negativ zu schau stellen konnte. Danke Herr Bohlen für die sinngemäße Aussage:"Du warst zwar der beste Sänger, aber wir wollen den Paradiesvogel!"
Also liebes Fernsehen:
Zeigt doch unserer eh schon hoffnungslos übermotivierten Jugend schön weiter im Fernsehen, dass man um im Leben erfolg zu haben nicht mal Stimme und Talent braucht, sondern nur die richtige Story oder 'ne Mundharmonika!
Und bis man diese Story endlich im Fernsehen zeigen darf gibts ja immer noch Hartz IV! Armes RTL! Armes Deutschland!
Netzleitung (02.03.2009, 14:19 Uhr)
Inkompetenz
Ein völlig inkompetenter Artikel von einem ideologisch komplett verblendem Autor.
Er verletzte die Teilnehmer auf erbärmliche weise, da er sich über Krankheiten und sonstige Unzulänglichketen
unterschwellig lustig macht.
Lob für die Kandidaten für deren Leistung? Fehlanzeige
Es muss ja möglichst alles totgetrampelt werden, was nicht in des Autors eindimensionale Welt passt.
[quote]
Denn es geht um die Show, die Geschichten, die Emotionen - nicht um die Musik.
[/quote]
Es heist ja auch Showbusiness.
Möglicherweise weint unser Autor den Zeiten nach, als es noch den Musikladen gab.
Tja, damals als noch Playback gesungen wurde und nicht etwa live wie bei DSDS nicht wahr?
Insubordination
lol
Menschenverachtung
Glaube nicht, das der Autor genau weis was er da schreibt
Sexismus aha.
Na das würd ich als Kompliment dankend annehmen.
Schonmal Kylie Minogue gefragt warum Jusin Timberlake ihr im Konzert an den Arsch gefasst hat?
Sicherlich nicht
Ich empfehle dem Autor die Teletubbies als Ganztagsshow
und abends etwas Runkelmugge. Aber nur von Leuten, die damit kein Geld verdienen.
Und dazu Tee trinken kein Wein könnte ja Spass machen.
mighty_bender (02.03.2009, 13:30 Uhr)
Hm...
...Sarah Kreuz... Welches von den Mädels, von denen man in einem halben Jahr nichts mehr hören wird, war das noch gleich...
otto12345 (02.03.2009, 12:35 Uhr)
Arroganter Dummschwätzer
Den Auftritt von Sarah Kreuz als schwach zu bezeichnen ist schon reichlich frech und zeugt von absoluter musikalischer Unkenntnis. Aber darüber hinaus zu unterstellen die Anrufer würden sich nur von der Nebenberichterstattung beinflußen lassen ist schon arrogant und unangenehm.
Tom3 (02.03.2009, 11:00 Uhr)
hallo....
...keiner muss den Quatsch anschauen, oder gibt es etwa einen Zwang, sich das anzuschauen???
ich tus nicht u. kann mich so auch ganz entspannt darüber lusitg machen, mit was sich manche Leute die Zeit vertreiben...
rampenpaul (02.03.2009, 06:29 Uhr)
wo liegt das problem?
DSDS, und die vielen anderen sendungen dieser art sind genau dafür gemacht am nächsten tag derlei stammtischartikel zu lesen. davon lebt die branche, und wir, das volk, bekommen eh nur das zu sehen was wir verdienen.
mal davon ab, dass ich den artikel sehr stereotyp finde was die schlagrichtung angeht, aber selbst so etwas standardisiertes gäbe es nicht zu schreiben wenn einem sendungen wie DSDS am sonstwas vorbeigingen.
so aber gucken wir es, und der ein oder andere mit schreibdurchfall hinterlässt diesen dann als artikel - oder wir mit unseren kommentaren - einer öffentlichkeit, die nur hier ist weil sie die sendung gesehen haben, und sicher auch noch die folgenden gucken werden.
noch eine anmerkung an den autor.
michelle hat rheuma, kein asthma.
aber es paast natürlich besser zu ausholen gegen dieter bohlen.
gutes beispiel übrigens. für schlechte recherche, zu schnelle schreibe von meinungsbildenden sätzen.
ganz im stil der sendung um die es geht. denn wie bereits erwähnt, polarisieren ist alles, und ohne DSDS auch keine artikel darüber.
karl_kalle (01.03.2009, 22:33 Uhr)
Genialer Artikel
Das ist DSDS sauber auf den Punkt gebracht und witzig analysiert! Mehr davon!!! Spritzige Schreibe...ich freu mich auf die Fortsetzung...
Bobby_Peru (01.03.2009, 21:43 Uhr)
Super, Schreiberling!
Von nix so richtig Ahnung, aber mal so richtig die Backen aufblasen! Zuerst der lapsus mit Darwin, dann mal eben aus Rheuma Asthma gemacht (um den bösen Dieter noch böser hinzustellen, als er eigentlich ist), das Ganze aber gespickt mit wirklich ausgefallenen Fremdwörtern, Hut ab! Ich würde den Typen zu DSDS schicken, vielleicht kommt er ja dort groß raus.
Redaktion (01.03.2009, 20:59 Uhr)
Darwin/Intelligent Design
Liebe Leser,
vielen Dank für Ihre Hinweise in Sachen Darwin und "Intelligent Design". Wir haben die Textpassage geändert.
Herzliche Grüße
Ihre stern.de-Redaktion
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