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24. Oktober 2008, 14:46 Uhr

Geschämt, gespottet, gefeuert

Das erste Opfer der Fernseh-Qualitätsdebatte ist ausgerechnet eine Kultursendung: Anstatt über der Kritik zu stehen, entledigte sich das ZDF seiner Moderatorin Elke Heidenreich und ihrer Literatursendung. Am Ende steht jedoch nicht Heidenreich als Verliererin da - sondern das Fernsehen selbst. Ein Kommentar von Katharina Miklis.

Elke Heidenreich

Auf "hirnlose Scheiße" folgte der Rauswurf. Das ZDF entledigte sich seiner Kritikerin Elke Heidenreich© Frank Hempel/ZDF

"Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde," sagte Elke Heidenreich und das ZDF reagierte: Mit sofortiger Wirkung hat sich der Mainzer Sender von der Moderatorin und ihrer Sendung "Lesen!" getrennt. Es war die Reaktion des Senders auf Heidenreichs Verbalattacke in der "FAZ" nach dem Deutschen Fernsehpreis. Vielleicht war es nicht die feine Art mit Begriffen wie "hirnlose Scheiße" um sich zu werfen. Aber es zeigte, dass Elke Heidenreich noch etwas hatte, was viele schon verloren hatten: die Hoffnung in die Öffentlich-Rechtlichen. Hoffnung, dass man einen Sender wie das ZDF mit solch offenen Worten aufrütteln kann. Sie hat sich geirrt. Das ZDF, das sich jahrelang mit der aufmüpfigen Aushänge-Kritikerin schmückte, zeigt jetzt, dass es mit einer Art von Kritik gar nicht umgehen kann - mit der an sich selbst.

Die kleine Elke auf dem Spielplatz der Medienkritik

Das ZDF schmollt. Kritik ja, gegen die Verwahrlosung der Kultur, gegen alles und jeden, aber bitteschön nicht gegen den Sender. Die kleine Elke hat auf dem Spielplatz der Medienkritik mit Sand um sich geworfen - und jetzt nimmt ihr das ZDF trotzig die Schippe weg. Die Qualitätsdebatte, um die es doch eigentlich ging, geht völlig unter im Geplärre beleidigter Programmdirektoren. Ob es von Elke Heidenreich richtig war, zu sagen, sie schäme sich für ihren Sender, darüber kann man sich streiten. Vielleicht sogar darüber, ob das Fernsehen von heute "arm, verblödet, kulturlos, und lächerlich" ist.

Unbestreitbar ist jedoch die Tatsache, dass Heidenreich in den sechs Jahren, in denen sie mit "Lesen!" für die Popularisierung der Literatur gekämpft hat, Wichtiges geleistet hat. Wie Reich-Ranicki zuvor mit seinem "Literarischen Quartett" hat sie versucht, Menschen für die Literatur zu begeistern. Dass das ZDF sich jetzt der Person entledigt, die dafür stand, was Reich-Ranicki so inbrünstig in seiner Wutrede gefordert hatte, damit stellt sich das ZDF nun selbst ein Armutszeugnis aus.

Geistige Wende der Öffentlich-Rechtlichen? Von wegen!

Marcel Reich-Ranicki, der beim Deutschen Fernsehpreis vor allem den "Blödsinn" der Privaten kritisierte, bekommt gönnerhaft eine halbe Stunde vom ZDF spendiert, um das schlechte Gewissen einer ganzen Branche zu beruhigen. Inszenierung der Eitelkeiten. Aber Heidenreich, die direkte Kritik am ZDF übt, gerade weil man von dem Sender gegenüber den Privaten mehr Anspruch erwartet, wird rausgeschmissen. Geistige Wende der Öffentlich-Rechtlichen? Von wegen. So rettet man nicht die Kultur. So macht man sich darüber lächerlich.

Wer jetzt anfängt, Elke Heidenreich vorzuwerfen, sie würde nur im Windschatten des alten Mannes auf dem Meer der Fernsehschelte dahinschippern, der irrt. Seit Jahren regt sich Elke Heidenreich mit ihrer eloquenten wie schnoddrigen Art über die schlechte Platzierung von Kultur im Fernsehen auf. Und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Schon seit einem halben Jahr steht auf den Onlineseiten des ZDF ein Videointerview, in dem Heidenreich schimpft: "Die Sender beachten die Kultur viel zu wenig. Die Kultur wird immer noch in die Nachtstunden geschoben, wo die Intellektuellen sitzen, die es eh wissen." Damit kritisierte sie direkt ihren Arbeitgeber. Schon damals. Auch in einem "Cicero"-Interview machte sie vor einigen Wochen keinen Hehl aus ihrer Aversion gegen die Programmpolitik: "Wenn ich Intendantin wäre, würde ich radikal die Kultur nach vorne ziehen und populärer machen und den Trash nach hinten verbannen. Nach Mitternacht, wenn alle schon besoffen sind, können sie von mir aus das Supermodel suchen. Aber um 20 Uhr reden wir über Oper, über Bücher, über Kultur!"

Verlage kämpfen für Heidenreich

Schon vor der Alibi-Sendung von Ranicki und Gottschalk im ZDF warnte Heidenreich ihren Kollegen: "Tu es nicht. Rede nicht mit den Vertretern der Sender, es bringt nichts. Sie werden es nicht begreifen". Sie sollte recht behalten. Jetzt muss Elke Heidenreich den Mainzer Sender verlassen. Die beiden für dieses Jahr noch geplanten Ausgaben ihrer Sendung "Lesen!" werden nicht mehr produziert. Die eindringliche Bitte der Leiter namhafter Verlage wie Joachim Unseld (Frankfurter Verlagsanstalt), Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) oder Marcel Hartges (Dumont) an den Sender, die Entscheidung zu überdenken, wies Intendant Markus Schächter zurück. "Die Trennung von Frau Heidenreich ist irreversibel", erklärte er. Trotzdem soll es weiterhin eine Literatursendung im ZDF geben. "An einem Nachfolgekonzept für 2009 wird gearbeitet". "Weight Watchers"-Ratgeber von Andrea Kiewel, Dieter Bohlens Lesestunde, Bushidos Bücher-Bashing... Dem ZDF wäre dieser Tage einiges zuzutrauen.

 
 
KOMMENTARE (10 von 25)
 
ganzbaf (26.10.2008, 00:46 Uhr)
Natürlich darf...

ein "Fliessbandarbeiter" die Produkte seines Arbeitsgebers schlecht machen. Auch öffentlich:
Nennt sich tatsächlich Meinungsfreiheit.
Auch wenn er sich damit durchaus bei der Fiemenleitung unbeliebt machen kann ;-p
Als Kündigungsgrund fällt sowas jedenfalls aus. Gibt allenfalls eine Abmahnung.
sophisticated (25.10.2008, 11:18 Uhr)
@Benkku
Mit Deiner qualitativen Argumentation hast Du natürlich Recht. Man sollte meinen, dass jeder, der in der medialten Öffentlichkeit als Meinungsträger erscheint so viel Bewußtsein besitzt, dass er seine Meinung reflektiert darstellen kann. Dem ist leider nicht immer so.....
.
Dennoch: Menschen ohne Rückrat gibt's schon viel zu viel - würde mich interessierten, wie Thomas Gottschalk seine eigene Rolle in diesem Zusammenhang bezeichnen würde: Pragmatiker oder Oportunist??? Er hätte (finanziell gesehen) letzteres eigentlich nicht nötig!
keinheiliger (25.10.2008, 08:52 Uhr)
Humorlos
Ein guter Artikel, der klar aufzeigt wo das Problem liegt: Humorlosigkeit!!!
Klar hat EH ein bisschen viel auf die Schippe gepackt, aber in der Sache hat sie Recht, das ZDF ist eine langweilige Sendestation, die von irgendwelchen, fantasielosen Wichtigtuern verwaltet wird.
@Cleolinda Treffendes Wort uebrigens: Altvaetersender, das trifft es.
Habe den Artikel in der FAZ auch gelesen, er trifft den Nagel auf den Kopf.
@Taifun Ein Fernsehsender ist keine Fabrik oder sonstige Produktionsstaette in der irgenwelche Waren produziert werden, sondern sollte, zumindest eine oeffentlich rechtliche Anstalt, eine kulturelle Medieninstitution sein, die auch ein gewisses Bildungsniveau mit ihrem Repertoire abdecken kann. Dazu gehoert auch die Bereitschaft zu einer Streitkultur, die die Macher dieses Mainzer Seniorenstadels definitiv nicht haben.
Frage mich gerade, wenn Gottschalk sich aehnlich geaeussert haette.... ich glaube, die gesamte Vorstandsbande haette ihm in geheimer Sitzung die Gage erhoeht, mit der Verpflichtung in Zukunft die Klappe zu halten. MfG.
Cleolinda (25.10.2008, 01:09 Uhr)
Frau Heidenreich hat recht.
Danke für den stern-Artikel. Wie lächerlich, dass plötzlich alle auf Frau Heidenreich eindreschen. Ihr Artikel in der faz war zutreffend, pointiert, sehr sehr gut und amüsant geschrieben und eine wunderbare Polemik. Das zdf reagiert genauso, wie man es von einem verknöcherten Altvätersender erwartet: beleidigt. Was für eine peinliche Reaktion.
Taifun (24.10.2008, 23:07 Uhr)
Gottschalk
Was nicht unerwähnt bleiben sollte: die Gute hat nicht nur das ZDF sondern auch ihren Kollegen Gottschalk beschimpft (aus gekränkter Eitelkeit, da Sie nicht die Laudatio halten durfte).
All diese "Vergehen" geben wohl jedem Arbeitgeber der Welt das Recht zur Kündigung. Schliesslich darf auch ein Fliessbandarbeiter nicht öffentlich die Produkte seines Arbeitsgebers schlecht machen.
Mit ihrer Kritik klang sie eher wie eine Trettbrettfahrerin die sich beim Alten einschleimen möchte - was ihr grandios misslungen ist.
ukiduki (24.10.2008, 21:43 Uhr)
@crusty999
ich stimme ihnen voll zu. allerdings möchte ich in der aufzählung den mdr ausschliessen. der bewegt sich oft weit unter dem zdf-niveau. dazu würde ich aber positiv einige radiosender erwähnen, z.b. radio 1, deutschlandradio und dlf...
ich denke, dass das zdf sich damit keinen gefallen getan hat. die kritik von frau h. war sicherlich nicht politisch korrekt, aber wie soll man das zdf davor bewahren, so beliebig, wie die privatsender zu werden bzw. zu bleiben. sie sind alle austauschbar, und somit das zdf auch.
eufemia (24.10.2008, 21:19 Uhr)
Arm im Geiste..
Mir wird die sendung von Fr.Heidenreich fehlen.Für Leseratten waren ihre Buchtipps einfach klasse.Da ging es auch nicht um das Gesicht von Frau Heidenreich.Berüblich finde ich allerdings die Agressivität in den Kommentaren mancher Leute.Mein gott,sie hatdoch keinen umgebracht,sondern mal etwas gesagt,was viele denken.
Schämen sollten sich die Alpha-Männchen vom ZDF !!!!
crusty999 (24.10.2008, 19:59 Uhr)
man sollte
seine GEZ-Gebühren einbehalten und stattdessen mehr Bücher kaufen.
Obwohl ohne die dritten, dreisat & arte ging es bei mir nicht.
armes ZDF
Benkku (24.10.2008, 19:38 Uhr)
@ sophisticated
"Ihr könnt sagen was Ihr wollt: ich habe eine klammheimliche Freude daran, dass es bei uns noch so etwas wie undiplomatische Kritik gibt. Das spricht endlich mal wieder für unsere Gesellschaft. Weiter so!"
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Ein Lichtblick wär's. Um das am Adressaten (Medium) festzumachen, braucht es jedoch einer strengen Verordnung, wonach Redefreiheit, die zu allgemeiner Desinformation mißbraucht wird, streng bestraft wird, z. Bsp. bei Verwendung verlogener Begriffe wie: das "Merkel-Paket".
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P.S. Ich bin dagegen, daß Meinungshoheit unnötig polarisieren darf, indem sie sich auf das Privileg "Pressefreiheit" beruft.
sophisticated (24.10.2008, 18:26 Uhr)
Form und Inhalt stimmen nicht immer zusammen
Keine Ahnung, was Frau Heidenreich da geritten hat, sich so unflätig auszudrücken. Kein Arbeitgeber kann sich das gefallen lassen, zumal in der Öffentlichkeit. So weit, so schlecht...
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Aber: inhaltlich darf Heidenreich ja wohl das sagen, was sie denkt. Auch wenn es unbequem ist, auch wenn es kritisch ist. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder, der eine eigene Meinung kund tut, fristlos gefeuert wird...
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Am Beispiel der deutschen Fußballnationalmannschaft sieht man im Augenblick, das sich kritische Äußerungen in der Öffentlichkeit häufen (siehe Äußerungen Ballack/Frings gegen Löw).
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Ihr könnt sagen was Ihr wollt: ich habe eine klammheimliche Freude daran, dass es bei uns noch so etwas wie undiplomatische Kritik gibt. Das spricht endlich mal wieder für unsere Gesellschaft. Weiter so!
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